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Rumänische Bauarbeiter demonstrierten am Flughafen gegen Ausbeutung. Bild © hr

Fünf rumänische Bauarbeiter hatten vergangene Woche für ihren Lohn demonstriert - doch betroffen von der Ausbeutung sind vermutlich mehrere Hundert im Rhein-Main-Gebiet. Die Städte setzen auf Aufklärung.

Sie sind weg - sowohl die rumänischen Bauarbeiter, die monatelang am Flughafen arbeiteten und sagen, dafür keinen Lohn erhalten zu haben, als auch die Neu-Isenburger Firma, die sie beauftragt hatte. Die fünf Rumänen sind wieder in ihr Heimatland gereist. "Sie hatten zunächst keine andere Arbeit gefunden und auch keine Möglichkeit mehr, unterzukommen", sagt Letitia Türk vom DGB-Projekt "Faire Mobilität", das sich an Wanderarbeiter aus Südosteuropa richtet.

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Weil sie nach eigenen Angaben seit Monaten keinen Lohn erhalten hatten, hatten die fünf Männer am Montag vergangene Woche aus Protest ihre Arbeit niedergelegt und auf der Baustelle am Flughafen übernachtet. Sie waren die letzten fünf von ursprünglich 28 - die anderen waren schon zuvor nach Rumänien gefahren. Um rund 50.000 Euro soll es gehen.

Die Firma, die sie beauftragt hatte, hat nun ihrerseits Hausverbot von der Lufthansa erhalten. Das bestätigte ein Lufthansa-Sprecher am Mittwochnachmittag. Ein Vertreter des Neu-Isenburger Trockenausbauers war trotz mehrmaliger Versuche in den vergangenen Tagen für hessenschau.de nicht zu erreichen. Nach Informationen von hessenschau.de hat der Betrieb auch den Auftrag am Flughafen verloren, den er seinerseits von einem weiteren Sub-Unternehmen aus Bayern erhalten hatte.

Die Probleme sind immens

Aber selbst wenn es in diesem Fall doch noch eine Lösung geben sollte - die Probleme für Arbeiter, gerade aus Rumänien, aber auch Bulgarien oder dem ehemaligen Jugoslawien in der Rhein-Main-Region sind immens. "Lohnausfälle, unentlohnte Überstunden, Löhne weit unter dem Tarif, keine bezahlten Krankheitstage - nur wenn die Leute Glück haben, dürfen sie im Krankheitsfall überhaupt zuhause bleiben - keine Anmeldung bei der Krankenkasse, kein bezahlter Urlaub, kein Urlaubsgeld...", zählt Letitia Türk auf.

Türk berät seit zweieinhalb Jahren Wanderarbeiter aus Südosteuropa für "Faire Mobilität". Aus ihrer Erfahrung weiß sie: "Das alles gehört zu einer Art Deal, der gleich zu Beginn zwischen Arbeiter und Arbeitgeber getroffen wird." Es sei "fast selbstverständlich, dass überhaupt nur für einen kleinen Teil des Lohns Sozialabgaben abgeführt werden."

Stundenlöhne von 6,50 Euro

Johannes Schader von der IG Bau Rhein-Main sagt: "Die Leute kriegen zum Teil Arbeitsverträge vorgelegt, die mit unseren Bedingungen nichts zu tun haben - ein Stundenlohn von 6,50 Euro zum Beispiel. In anderen Fällen gibt es zwar den Tariflohn von 11,25 Euro, aber dann werden eben nur 80 statt 200 Stunden bezahlt. Und dann ziehen die Auftraggeber noch Kosten ab für das Wohnheim oder für Fahrten, oder sie berechnen Darlehen, die die Leute nicht bekommen."

Statistiken gibt es über die Probleme naturgemäß nicht, der Kontakt zu Betroffenen komme meist zufällig zustande, sagt Schader. Er vermutet, dass "mindestens 2.000 Leute" in Frankfurt davon betroffen sind. "Das würde auch mit den Wohnheimkapazitäten zusammenpassen." Für Offenbach vermutet Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amts für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, "einige Hundert, die am Rand oder sogar mitten in einer solchen Situation stecken". Und das führt dann zu Begleiterscheinungen, die nicht mehr nur die Arbeiter selbst betreffen: "Überbelegte Wohnungen, Scheinselbstständigkeit, Arbeitsstrich...", nennt Schulze-Böing als Beispiele.

Am schlimmsten trifft es fast immer die Bauarbeiter

In Hessen ist vor allem das Rhein-Main-Gebiet betroffen, denn am häufigsten kommen die Probleme im Baugewerbe vor, sagt Schulze-Böing. Aber auch im Dienstleistungsbereich oder etwa bei Reinigungen sei Ausbeutung weit verbreitet. Letitia Türk nennt noch die Fleischindustrie als klassischen Problemfall. "Aber am schlimmsten trifft es meiner Erfahrung nach fast immer die Bauarbeiter. Bei anderen treten meist nur einzelne Probleme auf, bei Bauarbeitern meistens mehrere."

Möglich ist das Türk zufolge, weil die Arbeiter unter extremem Druck stehen und kaum die Möglichkeit haben, sich ausreichend zu informieren. Dadurch kennen sie ihre Rechte nicht – und auch nicht ihre Pflichten. "Sie wissen zum Beispiel nicht, dass sie sich ohne Arbeit als arbeitssuchend melden müssen, um weiter Versicherungsschutz zu erhalten, oder dass sie auf Post der Krankenkassen reagieren müssen. Dann müssen sie über Monate ihre Krankenversicherung selbst zahlen, da entstehen schnell mal Schulden von 4.000 Euro oder mehr", sagt Türk. Das sind Schulden, die zu einem schlechten Schufa-Eintrag führen, wodurch die Betroffenen keine Wohnung finden, wodurch die Abhängigkeit vom Auftraggeber noch größer wird.

Mit einem Flugblatt gegen die Ausbeutung

Um die Abwärtsspirale zu verhindern, hat die Stadt Offenbach schon vor mehr als einem Jahr gemeinsam mit "Faire Mobilität" ein Flugblatt entworfen, das in neun Sprachen über Rechte und Pflichten in Deutschland informiert. Dort stehen dann Sätze wie: "Viele Menschen aus Ihrem Land bekommen ein Zimmer oder ein Bett über eine Kontaktperson vermietet. Diese sind oft überteuert und die Qualität ist manchmal schlecht", oder "In Deutschland gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn."

Nun gibt auch die Stadt Frankfurt das Flugblatt mit heraus - in der zweiten Auflage. Weitere Städte, auch außerhalb Hessens, haben Interesse angemeldet. Verteilt werden die Flyer auf Baustellen, im Jobcenter oder direkt in den entsprechenden Gemeinden. Die Resonanz sei überragend, sagt Schulze-Böing. "Die Flyer werden uns regelrecht aus der Hand gerissen." Eine mobile Version sei in Arbeit. Nur ist unklar, wie viel Erfolg diese Maßnahme überhaupt bringt.

Letztlich, sagt Türk, helfen nur mehr Kontrollen. "Die müssen vor allem effektiver werden", fordert sie. "Die Ermittlungen dauern oft viel zu lange. Bis sie abgeschlossen sind, nehmen die Verantwortlichen die Firmen einfach komplett vom Markt, und dann ist es sehr schwierig, sie zu erwischen."

Warum es so schwierig ist, Ausbeutern das Handwerk zu legen, erklärt Schulze-Böing vom Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration: "Wir verfolgen Schwarzarbeit, aber das ist ein endloser Prozess. Das Grundproblem ist: Die Beträge, die in dem Bereich mit Betrug zu verdienen sind, sind viel zu groß."