Vorfahrt für Jesberg
Schnell zum Supermarkt? Lastenfahrräder sollen Autos in Jesberg ersetzen. Bild © Vorfahrt für Jesberg

Mobil auf dem Land ohne eigenes Auto - ist das möglich? Ein bundesweit einmaliges Modell in Jesberg will beweisen, dass es geht. Mit Carsharing, Fahrradverleih und Mitfahrdiensten. Viele Einwohner reagieren darauf allerdings zurückhaltend.

Reinhold Görtz gehört zu den Jesbergern, die das Carsharing-Angebot zu schätzen wissen. Der pensionierte Metallfacharbeiter engagiert sich ehrenamtlich im Nachbarschaftsnetzwerk, fährt ältere Menschen aus der Schwalm-Eder-Gemeinde zum Arzt oder aber auch mal zum Einkaufen. Früher hat er das mit seinem eigenen Wagen gemacht. Jetzt, seitdem in Jesberg Carsharing möglich ist, leiht er sich für diese Fahrten einen Wagen des Vereins "Vorfahrt für Jesberg".

Weitere Informationen

Wie mobil sind die Hessen?

Der Hessencheck im hr-fernsehen am Sonntag, 14. Mai, 18.30 Uhr

Ende der weiteren Informationen

"Die Reservierung im Internet geht schnell und meine Familie ärgert sich nicht mehr, dass ich wieder das Auto genommen habe", freut sich Görtz. Die Leihautos stehen zentral im Ort, werden stundenweise ausgeliehen und anschließend wieder am selben Platz abgestellt.

Elektrosmart, Fünfsitzer und bald Bus

Derzeit können die Jesberger zwischen einem Fünfsitzer und einen Elektrosmart wählen, demnächst soll ein Bus mit neun Sitzen dazukommen. Maßgeblicher Initiator des Vereins "Vorfahrt für Jesberg" ist Michael Schramek, der seit 20 Jahren in der Gemeinde wohnt. Schramek ist Geschäftsführer einer Kölner Firma, die sich auf Mobilität spezialisiert hat.

Weitere Informationen

Ihre Meinung

Ist man auf dem Land ohne Auto nicht aufgeschmissen? Ist Jesberg auf den Vogelsberg, den Odenwald oder das Waldecker Land übertragbar? Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Ende der weiteren Informationen

"Als ich hierher zog, hatte Jesberg einen noch halbwegs funktionierenden öffentlichen Nahverkehr", erinnert sich Schramek. "Aber wie das so ist im ländlichen Raum: Die Leute werden älter, junge Familien ziehen weg und es werden immer weniger Kinder geboren." Damit sei auch die Zahl der Schüler gesunken, die mit dem Bus zur Schule fahren und die Fahrpläne seien ausgedünnt worden. Um mobil zu bleiben, habe man ein eigenes Auto gebraucht.

Mobilitätskonzept für Jesberg

Schramek wollte nicht hinnehmen, dass das so bleiben muss. Gemeinsam mit 13 Mitstreitern gründete er daher im Januar 2016 den Verein "Vorfahrt für Jesberg", der unterschiedliche Mobilitätskonzepte für das Dorf entwickelte. Carsharing ist nur eines davon. Zudem stehen den Jesbergern E-Bikes, E-Lastenräder und bald auch Mitfahrerbänke zur Verfügung. 

"Damit wollen wir den Bürgern hier die Möglichkeit bieten, zumindest ohne eigenen Zweit- oder Drittwagen mobil zu sein", sagt Daniela Möller, die zweite Vorsitzende des Vereins. Möller, die in dem sieben Kilometer entfernten Ortsteil Densberg wohnt, weiß, wovon sie spricht. In ihrer vierköpfigen Familie, in der alle berufstätig sind, gibt es drei Autos.

Flatrate fürs E-Bike für 100 Euro

Aber vielleicht können sie ja bald auf das dritte Auto verzichten, wenn sich Carsharing oder E-Bike-Verleih bewähren. Die Fahrt zum Supermarkt etwa kann sie auch mit einem E-Lastenrad erledigen, mit dem man auch die kleinen Hügeln Jesbergs komfortabel hochfahren kann. Vereinsmitglieder erhalten eine Jahresflatrate für 100 Euro für die Nutzung sämtlicher Räder. Andere können sie stundenweise anmieten.

Weitere Informationen

hessencheck im hr

Zum 70. Geburtstag des Landes Hessen machte der hr im vergangenen Jahr den großen Hessencheck. Unter die Lupe genommen wurden dabei die Themenberiche Leben & Bevölkerung, Wohnen, Geld & Arbeit sowie Infrastruktur & Versorgung. Alle Beiträge des Hessenchecks finden Sie hier.

Ende der weiteren Informationen

Das ist zwar viel günstiger als das Zweit- oder Drittauto, das im Jahr nicht mehr als 5.000 Kilometer gefahren wird, wie Schramek in einer Umfrage ermittelte. Trotzdem sind viele Jesberger zurückhaltend. Gerade auf dem Land seien "die Fahrgewohnheiten auf das Auto ausgerichtet", sagt Schramek.

Es ist daher wenig verwunderlich, dass es in der 2.300-Seelengemeinde 1.400 Autos gibt. Jeder Jesberger, der einen Führerschein hat, hat praktisch auch ein Auto. Jesberg hat zwar eine Bahnhofsstraße, aber keinen Bahnhof. Vielleicht wird der Verein mit seinem Mobilitätskonzept daran etwas ändern. Die älteren Jesberger jedenfalls wissen das zu schätzen.

Flüchtlinge erledigen Fahrdienste

Besonders Menschen, die selber nicht mehr mobil sind oder kein eigenes Auto haben, sind dankbar für die Fahr- oder die Mitbringdienste. So können sie im örtlichen Supermarkt anrufen und ihre Bestellungen aufgeben. Nach Hause gebracht werden die Einkäufe per Lastenrad von Hayat oder Zaid, zwei Flüchtlingen, die seit einem Jahr in Jesberg wohnen. Hayat und Zaid sind ebenfalls Mitglieder im Verein, bekommen für ihre Fahrdienste ein kleines Taschengeld und sind besser ins Dorfleben eingebunden. Die beiden sind auch zur Stelle, wenn Grünabfälle weggefahren werden sollen.

Flüchtling Zaid bringt per Lastenrad Einkäufe zu den Kunden.
Flüchtling Zaid bringt per Lastenrad Einkäufe zu den Kunden. Bild © hr

Das Mobilitätskonzept von "Vorfahrt für Jesberg" ist gezielt auf den ländlichen Raum ausgerichtet. Es soll nicht nur Mobilität auf dem Land aufrechterhalten, sondern auch die vorhandenen Strukturen stärken. Dazu gehört auch die Mitfahrerbank, die demnächst an den Ortsausgängen gut sichtbar aufgestellt werden sollen.

Wer hier sitzt, signalisiert, dass er mitgenommen werden will: Zum nächsten Laden, zum Rathaus oder in den nächsten Ortsteil. Die Gefahr, dass die Leute erfolglos auf der Bank sitzen bleiben, sieht Möller nicht. "Im Dorf kennt man sich noch", sagt sie, "und wenn ich weiß, dass ein Bekannter in die selbe Richtung will, nehme ich ihn doch mit".

Sendung: hr-fernsehen, hessenreporter, 14.05.2017, 18.30 Uhr

Ihre Kommentare Ohne Auto auf dem Land - kann das klappen?

11 Kommentare

  • Das Projekt klingt für mich sehr spannend. Wenn es das bei uns gäbe, wäre ich sicher auch dabei. Vor gut 20 Jahren habe ich angefangen mit privatem Carsharing. Daneben nutze ich aus Bequemlichkeitsgründen häufig das Fahrrad - mit dem Auto dauern viele Fahrten einfach länger. Ich kann in der Regel bis vor die Haustür fahren und fürs Rad brauche ich nicht umständlich nach einem Parkplatz suchen. Zwei große Fahrradtaschen hinten und zwei am Vorderradgepäckträger erlauben auch größere Einkäufe. Dazu eine atmungsaktive Jacke und Hose und Überzieher für die Schuhe. Es regnet aber nur selten im Jahr wirklich heftig. Schwierig wird es bei viel Schnee oder Eis und nicht jeder hat Spikesreifen wie ich.
    Erst einmal finde ich den Versuch positiv, das Verkehrskonzept auszuprobieren. Natürlich ist das Projekt optimierbar. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen.

  • alles schön und gut aber auch hier wieder :
    zwischen auto und fahrrad (auch e.bike) gibt es eine leistungs-lücke
    diese könnten motor-roller schließen
    konventionelle und auch mit e-antrieb
    aber warum auch immer,
    auch bau diesem konzept wird dieses verkehrmittel total ignoriert ...

  • "thgoodlife" bringt es auf den Punkt - das taugt eben nicht für jedes Wetter. Und diese Immergut-Propaganda ist wirklich unangebracht. Das soll etwas schöngeredet werden, was es nicht ist. Und man hat es halt auch mal gern bequem. Warum muß einem ständig jemand einreden, man soll nicht autofahren? Diese Dauermissioniererei geht mir auf die Nerven, das kann ja wohl jeder selber entscheiden.

Alle Kommentare laden