Hai Aquarium
Ein Sandtigerhai im Ozeaneum von Stralsund. In Pfungstadt könnte Europas größtes Haifischbecken entstehen. Bild © picture-alliance/dpa

Artgerechte Haltung versprechen die Betreiber der geplanten "Shark City" in Pfungstadt. Tierschützer glauben ihnen kein Wort. Sie haben Erfahrung im Widerstand gegen das Riesen-Aquarium, das sie "Hai-Gefängnis" nennen.

Vollmundiges Marketing klingt anders: "Richtig große Tiere wie der Tigerhai, der Hammerhai oder gar der Weißen Hai werden in der Shark City nicht zu sehen sein. Schließlich wird auf artgerechte Haltung Wert gelegt, viele Hai-Arten sind für Aquarien überhaupt nicht geeignet." Alexander Dressel, der Zoologische Leiter der geplanten "Shark City", wirkt bei der Vorstellung des Projekts im südhessischen Pfungstadt Anfang der Woche eher kleinlaut. Wen wundert es - ihm sitzen die Tierschützer im Nacken.

Obwohl sich die Betreibergesellschaft des geplanten Mega-Aquariums, die "Seven Seas Aquarium Betriebs GmbH" aus dem rheinland-pfälzischen Grünstadt alle Mühe gibt, Zweifel am "größten Indoor-Hai-Aquarium Europas" zu zerstreuen: Tierschutz-Organisationen geben keine Ruhe.

Bis Ende 2018 soll in einem Gewerbegebiet in Pfungstadt für rund 20 Millionen Euro ein riesiges Indoor-Haifischbecken entstehen. Knapp 40 Arten sollen sich dann dort tummeln, unter anderem in einem 10,5 Millionen Liter umfassenden Becken: 38 Meter breit, 24 Meter tief, zwölf Meter hoch. Vergangene Woche hat die Stadt dem Verkauf des 21.000-Quadratmeter-Grundstücks zugestimmt.

 Kuscheltiere ziehen nicht

"Wegen ein paar Kuscheltieren wird niemand ein Hai-Aquarium besuchen. Natürlich planen die Betreiber, auch große Haie zu zeigen", erklärt Martin Trösch von der Organisation Sharkproject hessenschau.de. Schon einmal hatte der Hai-Schützer gegen die "Shark City" mobil gemacht - ursprünglich sollte das Aquarium im baden-württembergischen Sinsheim gebaut werden. "Nach einer Podiumsdiskussion mit den Betreibern hatten wir dann den Großteil der Bevölkerung hinter uns", betont Trösch.

Die Stimmung sei gekippt. Von Verzögerungen bei der Baugenehmigung spricht dagegen Thomas Walter, der geschäftsführende Gesellschafter der Seven Seas Aquarium Gesellschaft. Darum sei das schon einmal favorisierte Pfungstadt wieder ins Spiel gekommen.

"Ein Aquarium, so groß wie die Schweiz"

Aus früheren Gesprächen mit den Verantworlichen der "Shark City" will Trösch wissen: So große Fische wie der Sandtigerhai, ausgewachsen bis zu drei Metern lang, sollen in das Hai-Becken einziehen. "Um den artgerecht zu halten, müsste man ein Aquarium so groß wie die Schweiz bauen, so weite Strecken legt er im Ozean zurück."

Die Meeresbiologin Tanja Breining von der Tierrechtsorganisation PETA verweist auf einen Artikel in der Fachzeitschrift "Tauchen", der Ende Dezember 2016 erschienen ist. Von Stierkopfhaien, Teppichhaien, Katzenhaien, Bambushaien und möglicherweise auch Schwarzspitzenriffhaien für das Aquarium war damals die Rede. Bei den Schwarzspitzenriffhaien streiten Experten darüber, ob sie zu den sogenannten pelagischen Arten zählen - also zu den Haien, die permanent schwimmen müssen, um ihre Atmung aufrecht zu erhalten und als ungeeignet für die Haltung in Aquarien gelten.

Welche Tiere tatsächlich in der "Shark City" zu sehen sein werden, darüber hüllen sich die Betreiber in Schweigen. Eine Besatzliste sei zwar bereits im März einmal vorgelegt worden. "Grundsätzlich möchte Shark City die Liste jedoch erst mit den verantwortlichen Behörden in Pfungstadt durchgehen", teilt Geschäftsführer Walter mit.

"Es wird nur wenige Wildfänge geben"

Meeresbiologin Breining kritisiert, Shark City plane, etwa 15 Prozent der Haie aus Wildfängen nach Pfungstadt zu holen. 85 Prozent der Tiere sollen aus Nachzuchten oder anderen Aquarien stammen, sagt Breining. Eine Zahl, die der Betreiber im Gespräch mit hessenschau.de bestätigt. Schriftlich teilt Geschäftsführer Walter, ehemals Chef eines Meerwasserfachgeschäfts, mit, dass "der wesentliche Teil des Besatzes aus Zuchterfolgen anderer zoologischer Einrichtungen" stammen soll.

"Es wird also, wenn überhaupt notwendig, nur wenige Wildfänge geben", sagt Walter. Und weist daraufhin, dass jedes Jahr rund 100 Millionen Haie abgeschlachtet werden. "Jede Minuten sterben in der Natur derzeit die gleiche Anzahl an Haien, die in Shark City insgesamt gezeigt werden sollen - mit dem Unterschied, dass sie bei uns mit höchstem Aufwand und Liebe gepflegt werden."

Geringere Lebenserwartung, viel Stress

Die Meeresbiologin kann das nicht überzeugen. Ganz gleich, wie groß und modern die Becken seien: Sie könnten niemals den natürlichen Lebensraum der Tiere, den Ozean, ersetzen. In Aquarien wiesen viele Haie Verhaltensstörungen auf. Wegen der Enge litten die Tiere an sozialem Stress, an dem sie nicht selten auch eingingen.

"Drei, vielleicht vier Jahre überlebt ein Hai in einem Aquarium", schätzt Tierschützer Martin Trösch von Sharkproject. Im Ozean hätten die Tiere dagegen eine Lebenserwartung je nach Art von 50 bis 70 Jahren.

Die Tierschützer wollen trotz der Beteuerungen der Betreiber weiter gegen das Hai-Aquarium kämpfen. "Wir werden auch in Pfungstadt nicht klein beigeben", sagte Trösch. PETA hat Bürgermeister Patrick Koch (SPD) und das Veterinäramt aufgefordert, den Bau des Aquariums zu stoppen. Außerdem haben die Tierschützer Akteneinsicht in Verfahrensunterlagen beantragt.

Sendung: hr4, 19. Juni 2017, 12.30 Uhr