Banken
Wer kommt, wer geht? Blick auf die Bankentürme in Frankfurt Bild © picture-alliance/dpa

Erste Banken haben den Umzug von London nach Frankfurt beschlossen. Doch die 10.000 erhofften Jobs sind lange nicht in Sicht. Am Ende könnte der Brexit-Effekt einfach verpuffen, weil in der Branche ganz anderes zählt.

Seit die Briten vor gut einem Jahr den EU-Austritt beschlossen haben, wird über die Chancen für den Finanzplatz Frankfurt spekuliert. Nach monatelangem "vielleicht", "wahrscheinlich", "vermutlich" haben gerade die ersten Banken verbindlich mitgeteilt: Sie verlegen Abteilungen von der Themse an den Main. Sie wollen nicht Gefahr laufen, die Lizenz für Geschäfte in der EU zu verlieren, wenn Großbritannien voraussichtlich 2019 draußen ist.

Welche Frist endet am Freitag?

In den kommenden Tagen könnte die ein oder andere öffentliche Ankündigung eines Umzugs dazukommen. Denn am Freitag endet eine Frist: Bis dahin will die Bank of England von den Finanzinstituten wissen, welche Brexit-Pläne sie verfolgen. Schon jetzt zeigt eine Bestandsaufnahme: Frankfurt wird eine Rendite durch den EU-Austritt Großbritanniens einstreichen. Sie fließt aber nur in Raten. Und weil die Branche noch ganz anderen Einflüssen unterliegt, droht dem Finanzplatz Frankfurt trotzdem ein harter Schrumpfkurs.

Wer kommt gewiss?

Innerhalb weniger Tage haben gerade gleich drei große japanische Finanzinstitute erklärt, dass sie in Frankfurt Tochterunternehmen gründen. Bei Daiwa Securities und Nomura handelt es sich um die zwei größten Wertpapierhändler, bei der Sumitomo Mitsui Financial Group um die drittgrößte Bank des Landes. Zuvor hat mit der "Standard Chartered" eine große britische Bank entschieden, ihre Frankfurt-Niederlassung zur EU-Zentrale auszubauen. Das alles kam mit Verspätung: Die ersten Umzugsbeschlüsse waren für das erste Quartal des Jahres erwartet worden.

Wer kommt vermutlich?

Die großen US-Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs wollen ihren Standort in Frankfurt jeweils ausbauen. Eine Absichtserklärung liegt auch von der Deutschen Bank vor. Die Finanzplatzinitiative "Frankfurt Main Finance" rechnet nach eigenen Angaben mit einem Dutzend Banken, die sich in diesem Jahr als Folge des Brexit für Frankfurt entscheiden. Optimismus zu verbreiten ist allerdings Aufgabe dieses Marketingvereins, den gemeinsam mit Stadt und Land zahlreiche Banken gegründet haben. Immerhin: Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat bereits mit mehr als 20 Geldhäusern gesprochen. Sie rechnet damit, dass viele Institute erst im zweiten Halbjahr ihren Antrag auf eine EU-taugliche, deutsche Banklizenz einreichen.

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Konkurrenz

Geht es nach der Finanznachrichtenagentur Bloomberg, dann liegt Frankfurt bei aller Unsicherheit im Brexit-Rennen mit Städten wie Paris, Dublin oder Luxemburg zurzeit vorne. Zentrale Standortvorteile: Hier hat die EZB ihren Sitz, die deutsche Volkswirtschaft steht für Stabilität. Erfolgmeldungen kommen aber auch aus Dublin. Den stärksten Coup hat bislang Paris verbucht: Europas größte Bank HSBC will mit 1.000 Beschäftigten kommen.

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Wie viele neue Jobs entstehen?

Erst einmal vergleichsweise wenige. Standard Chartered etwa will seine 100-Mitarbeiter-Truppe in Frankfurt um bis zu 30 Menschen vergrößern. Mit Riesenabteilungen werden auch die Japaner nicht landen. Zahlen nennen sie bisher keine. Von Morgan Stanley und Goldman Sachs kursieren Pläne zur Verdoppelung ihrer Präsenz um jeweils 200 auf 400. Im Raum ("Erwägungen") steht die mögliche Verlagerung eines großen Teils des Wertpapiergeschäfts der Deutschen Bank von London nach Frankfurt.

Entsprechend groß ist bis heute die Bandbreite der Gesamterwartung: "Frankfurt Main Finance" rechnet mit bis zu 10.000 neuen Brexit-Jobs innerhalb von fünf Jahren – aber nur, falls unter anderem auch die Europäische Bankenaufsicht (EBA) kommt. Der Verband der Auslandsbanken stellt sich 3.000 bis 5.000 Arbeitsplätze in zwei Jahren vor. 5.000 Jobs in fünf Jahren könnten es nach Schätzung von Volker Brühl werden, dem Chef des Center for Financial Studies der Uni Frankfurt. Hinzu komme langfristig, dass Frankfurt generell als Finanzplatz deutlich an Attraktivität für Banken aus aufstrebenden Volkswirtschaften wie China oder Indien gewinne. Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) hält alles für möglich, "eine niedrige vierstellige oder sogar eine fünfstellige Zahl".

Warum diese Unsicherheit?

Die offiziellen Verhandlungen über den EU-Austritt haben gerade erst begonnen. Nach der Schlappe bei den Parlamentswahlen drängt Premierministerin Theresa May schon nicht mehr auf den knallharten Brexit. Die Bafin hat zwar klargestellt, dass ein Briefkasten für die begehrte EU-Lizenz nicht reicht. Aber noch ist unklar, ob Teile des Geschäfts nicht doch von London aus erledigt werden könnten. So gesehen sind die bisherigen Brexiterfolge Frankfurts "schon beachtlich", sagt Finanzexperte Brühl. Was hinzu kommt: Viele Banken fahren mehrgleisig. Morgan Stanley zum Beispiel hat auch Verlagerungen nach Dublin und Luxemburg angekündigt.

Was trübt die Brexit-Hoffnungen?

Missmanagement, Zinstief, Digitalisierung: Viele der schon bestehenden 60.000 Arbeitsplätze am Finanzplatz Frankfurt sind alles andere als sicher. Die Deutsche Bank mit ihrer Zentrale in Frankfurt legt ein Sparprogramm nach dem anderen auf, um Kosten zu sparen. Im vergangenen Sommer wurde der Abbau von 3.000 Stellen angekündigt, im Herbst kamen 1.000 weitere dazu. Die Commerzbank wird 8.500 volle Stellen streichen, 3.000 alleine in Hessen, die meisten in der Zentrale in Frankfurt. Bankenexperte Brühl geht davon aus, dass bis zum Jahr 2025 jeder dritte Arbeitsplatz im Banking wegfällt. "Das bedeutet, dass der bislang angekündigte Arbeitsplatzabbau der Großbanken erst der Anfang sein wird. Der Brexit kann das nicht annähernd ausgleichen."