Gamescom 2017
Besucher auf der Gamescom 2017 in Köln. Sie ist die weltweit größte Besuchermesse für Videospiele. Bild © picture-alliance/dpa

Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte für Videospiele weltweit. Die deutschen Entwickler bekommen allerdings vom milliardenschweren Kuchen fast nichts ab, wie eine vom Land Hessen finanzierte Studie zeigt. Schuld ist auch die Politik.

Es läuft beim Animationsstudio Metricminds: Das Frankfurter Unternehmen ist international gefragt, arbeitet als Dienstleister für große Videospielentwickler wie Warner Bros Games. Das 2001 gegründete Studio entwickelt außerdem immer öfter Apps für Unternehmen anderer Industriezweige - zum Beispiel ein Zahnputz-Lernprogramm für Kinder oder ein Training für Autoverkäufer.

Catch & Release
Szene aus "Catch & Release" Bild © Metricminds

Und demnächst kommt das erste eigene Spiel auf den Markt: "Catch & Release", eine Virtual Reality-Angelsimulation.

Kosten in Höhe von Filmbudgets

"Wenn sich das Spiel verkauft", sagt Geschäftsführer Philip Weiss, "dann wollen wir ein Tochterunternehmen gründen, das eigene Spiele entwickelt." Philip Weiss könnte also darüber nachdenken, neue Mitarbeiter einzustellen.

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Die Software- und Gamesindustrie in Frankfurt

Umsatz (2015): 1,6 Mrd. Euro
Anstieg des Umsatzes zwischen 2011 und 2015: + 39 Prozent
Erwerbstätige (2015): über 9.000
Anteil der Software- und Gamesindustrie am Gesamtumsatz der Kreativwirtschaft (2015): 30 Prozent

Quelle: Statistisches Landesamt (Achtung: Die Zahlen beziehen sich auf Software- und Gamesindustrie in Frankfurt. Für die Gamesindustrie alleine liegen keine Daten vor.)

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Doch er ist zurückhaltend: "Wir möchten zwar wachsen, aber vorsichtig und langsam", sagt er. Und so werden erst einmal einige der bisherigen 21 Metricminds-Mitarbeiter in die Tochtergesellschaft wechseln.

Arbeitsplätze schaffen ist ein heikles Thema für deutsche Gamesentwickler. Wie in anderen Unterhaltungsbereichen auch ist die Spieleentwicklung eine Wette auf die Zukunft: Verkauft sich ein Spiel, kommen die Entwicklungskosten wieder rein. Ist es ein Ladenhüter, bleiben die Studios auf Kosten sitzen, die inzwischen die Höhe von Filmbudgets erreicht haben.

Großkonzerne als Profiteure

Dabei liegt Deutschland auf Platz vier der wichtigsten Gamer-Nationen - hinter China, den USA und Japan: Rund 3,3 Milliarden Euro geben die Deutschen jedes Jahr für digitale Spiele aus. Profiteure sind aber nicht die deutschen Entwickler, wie eine vom hessischen Wirtschaftsministerium mitfinanzierte Studie der Hamburg Media School jetzt zeigt.

Robinson Stills
Vom Frankfurter Studio Crytek entwickelt: die atemberaubenden Landschaften des Spiels "Robinson: The Journey". Die Software Cryengine des Studios wird auch von Architekturbüros für Echtzeit 3D-Modelle verwendet. Bild © Crytek GmbH

Es sind internationale Konzerne, die hierzulande die größten Umsätze machen. Deutschlandweit entfallen nur 6,4 Prozent des Umsatzes auf deutsche Entwickler.

Im Bundesländer-Vergleich ist Hessen (und da vor allem das Rhein-Main-Gebiet) zwar einer der wichtigsten Märkte für digitale Spiele, aber auch hessische Entwickler bekommen nur einen minimalen Teil des Kuchens ab.

Kaum staatliche Förderung

Einen der Gründe liefert die Studie gleich mit: Deutsche Studios nehmen kaum staatliche Förderung in Anspruch, um sich gegen Investitionsrisiken abzusichern. Zum Teil ist diese der schnelllebigen Branche zu bürokratisch, zum Teil existiert sie nur als Förderung neuer Technologien oder gar nicht - wie in Hessen.

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Games-Förderung bei der B3 2017

Games-Förderung ist auch Thema der diesjährigen B3 Biennale des bewegten Bildes in Frankfurt, unter anderem bei einem Panel am 1. Dezember um 10 Uhr im Festivalzentrum Four Frankfurt.

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Bundesländer wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen sind da weiter, ganz zu schweigen von Staaten wie den USA oder Kanada: Die kanadischen Provinzen beispielsweise erstatten Spieleherstellern bis zu 40 Prozent der Kosten für kreativ tätiges Personal. Und das auf Dauer. Hinzu kommen Bundesförderungen für Forschung und Entwicklung. Das schafft Wettbewerbsbedingungen, mit denen deutsche Studios nicht mithalten können.

Ähnlich sieht es in den USA aus. Metricminds-Chef Philip Weiss ist zwar fest im Rhein-Man-Gebiet verwurzelt, träumt aber manchmal von Los Angeles: "Dort wären wir wahrscheinlich zehn Mal so groß."

Filmindustrie als Vorbild

Spiele Black Pants Game Studio
Spiele-Kunst: Szene aus dem Indie-Game "Blown Away" des Kasseler Black Pants Studio. Bild © Black Pants Studio

Und so ist die Studie Wasser auf den Mühlen der Games-Branchenverbände. Sie fordern schon länger eine Gleichbehandlung mit anderen Kulturgütern wie Büchern (Stichwort Buchpreisbindung) oder Filmen (Stichwort Filmförderung), auf dass der deutsche Konsument nicht überwiegend kanadische, japanische oder amerikansche Spielekultur zu kaufen bekomme.

"Wir möchten eine Landesförderung für Hessen, wie es sie seit einigen Jahren in Bayern und Nordrhein-Westfalen gibt", sagt Christian Hoppenstedt vom Vorstand der Gamearea Frankfurt Rhein-Main, "und außerdem einen Fonds, der mit dem Deutschen Filmförderfonds vergleichbar ist und Gelder auf Bundesebene vergibt." Für Start-Ups sei zudem ein Ausbau der Technologieförderung nötig.

Förderdarlehen als erster Schritt

Für Metricminds-Chef Philipp Weiß wären unbürokratische Förderdarlehen, die ab einer bestimmten Gewinnschwelle zurückgezahlt werden müssen, ein erster Schritt: "Wir wollen ja Geld verdienen und zahlen Förderung gerne zurück", sagt er.

Ob sich jetzt etwas tut, ist offen: Das Hessische Wirtschaftsministerium lässt auf Anfrage zumindest wissen, man verspreche sich von der Studie Hinweise auf eine zukünftige Förderpolitik.

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Metricminds

… sitzt seit 2001 im Frankfurter Stadtteil Gallus in einem Büro, das eine Mischung aus Loft und großer Turnhalle ist. Das Studio arbeitet hauptsächlich als Motion Capturing-Dienstleister. Dabei tragen Schauspieler schwarze Anzüge, die von Sensoren bedeckt sind. Kameras nehmen ihre Bewegungen auf und übertragen sie in den Computer auf virtuelle Personen oder Gegenstände. Metricminds produziert damit so genannte "cut scenes", also Zwischensequenzen in Videospielen, die nicht interaktiv sind. Das größte Projekt bisher war das im Februar 2017 erschienene Blockbuster-Spiel "Horizon Zero Dawn" des niederländischen Entwicklers Guerilla Games.

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