Ein Jumbo-Jet fliegt in Neu-Isenburg kurz vor der Landung auf dem Frankfurter Flughafen über ein Wohnhaus.
Ein Jumbo-Jet fliegt in Neu-Isenburg kurz vor der Landung auf dem Frankfurter Flughafen über ein Wohnhaus. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Fast alle sechs Sekunden geht am Frankfurter Flughafen eine Fluglärm-Beschwerde ein. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt mehrere Millionen. Nun steht fest, wie viele die Behörden für begründet hielten.

Fast alle sechs Sekunden eine Fluglärm-Beschwerde, 15.325 am Tag, 5.593.806 im vergangenen Jahr: In der Beschwerdestelle des Frankfurter Flughafens, die hier "Nachbarschaftsdialog" heißt, quillt der Anwohner-Frust aus dem E-Mail-Postfach. "Wir nehmen erst einmal alles auf, was eingeht", sagt Max Conrady, der für Fraport die Beschwerdeflut bändigt.

Elf Flughafen-Mitarbeiter sichten die Beschwerden. Jede Eingabe zählt für die Statistik. Doch die Statistik zeigt auch, wie die Beschwerdeflut beim Durchlaufen von Flughafen, Ministerien und Ämtern nach und nach zum Rinnsal wird. Die Bilanz 2016: 5,6 Millionen Beschwerden, 11 Verfahren.

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So werden aus 5,6 Millionen Beschwerden 11 Verfahren

5.593.806 Beschwerden sind bei Fraport eingegangen.
1.462.838 davon stufte Fraport als individuell und auf Flüge bezogen ein.
6.624 Flüge meldete Fraport nach Prüfung an die Landes-Fluglärmbeauftragte.
2.860 Flüge stufte die Beauftragte nach Radarauswertung als auffällig ein.
11 Flüge waren auch nach Prüfung von Lotsen- und Funkprotokoll gegen die Regel.
8 der 11 Verfahren gab das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung ins Ausland ab.
2 der Verfahren stellte das Amt wegen Geringfügigkeit ein.
1 der 11 Ordnungswidrigkeitsverfahren ist noch in Bearbeitung.

Quellen: Fraport (hier); Fluglärmschutzbeauftragte des Landes und Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung auf Anfrage von hessenschau.de (Zahlen für 2016)

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Den größten Batzen an Meldungen sortiert Fraport gleich am Anfang aus: Denn ein paar Melder überschütten das Flughafen-Postfach mit einer Zahl an Beschwerden, die ohne automatische Hilfe wohl kaum möglich wären. Drei Viertel aller 5,6 Millionen Einwendungen stammen von drei Personen.

Einer der Dauerbeschwerer schickt über 5.000 Beschwerden am Tag, mehr als vier Mal so viele wie es überhaupt Flüge gibt. "Die verstopfen unsere Arbeitsfähigkeit, wirklich auffälligen Flügen nachzugehen", sagt Conrady.

Mehr Beschwerden von weniger Anwohnern

Zudem sieht Fraport das Bild des Flughafens in der Öffentlichkeit verzerrt: Die Kurve mit der Zahl der Beschwerden erreicht in der Statistik Rekorde, dabei sinkt die Zahl jener, die sich beschweren. 5,5 Millionen klingt eher nach Massenprotest als eine Zahl von 2.339 Beschwerdeführern.

Und so ignoriert Fraport mit Kenntnis der Fluglärmkommission die Massenmails. Wer sich mehr als 3.000 Mal im Jahr beschwert, dessen Beschwerden werden aussortiert, lautet die in diesem Jahr noch einmal verschärfte Regel. "Wir stufen das so ein, dass der Flugbetrieb die jeweilige Person insgesamt stört", sagt Conrady. Damit liegt er wohl nicht so falsch.

"Mir egal, ob die das beantworten"

Der Sprecher des Bündnisses der Fluglärm-Bürgerinitiativen (BBI), Dietrich Elsner, erklärt frei heraus: "Mir ist das egal, ob Fraport mir das einzeln beantwortet." Wichtig sei die hohe Zahl, damit "Fraport einfach weiß, dass der Fluglärm von den Menschen nicht einfach weggesteckt wird."

Jene Beschwerden, die nach Abzug der "Vielbeschwerdeführer" übrig bleiben, will Fraport prüfen und beantworten. Eine andere Wahl hätte Deutschlands größter Flughafen auch nicht. Die Mediationsvereinbarung zum Ausbau macht die Beschwerdestelle zur Pflichtaufgabe des Airports.

Meist durfte Pilot anders fliegen

"Wir versuchen die Beschwerden einzelnen Flügen zuzuordnen", sagt Conrady. "Unser Anspruch ist es, jedem eine Antwort zu geben." Dazu zieht Fraport öffentlich zugängliche Lärm- und Flugdaten heran.

Conrady bescheinigt den Bürgern, oft richtig zu beobachten, dass ein Flug ungewohnt unterwegs ist: höher, später oder auf anderer Route. Hinter 6.624 Flugbewegungen machten seine Leute 2016 ein Fragezeichen.

Doch spätestens, wenn die Fluglärmschutzbeauftragte in diesen Fällen erst Radarspuren, dann Lotsen- und Funkprotokolle auswertet, stellt sich heraus: Meist hatte der Pilot doch die Erlaubnis, etwa eine Ausnahme für einen späten Start, oder gute Gründe, etwa einen Notfall oder ein Unwetter.

"Beschwerden erhöhen den Druck"

"In elf Fällen waren weder wetter- noch sicherheitsbedingte Gründe zu erkennen", sagt ein Ministeriumssprecher zum Jahr 2016. In noch keinem hat das Bundesamt für Flugaufsicht in Langen ein Bußgeld verhängt.

Conrady ermuntert die Anwohner dennoch, sich weiter zu beschweren (Formular: hier) . Vor einigen Jahren etwa stießen die Fachleute nur wegen Beschwerden von Anwohnern auf ein verstelltes Funkfeuer. Auch besonders auffälligen Flugzeugtypen kommt Fraport so eher auf die Spur. "Beschwerden erhöhen den Problemdruck und beschleunigen die Lösung", sagt Conrady.

Sendung: hr1, 10.03.2017, 07.00 Uhr