Mann wandert in einem Wald an den Hängen des Großen Feldbergs
Wanderer bevorzugen möglichst naturbelassene Wege durch Wälder, Wiesen und Felder, sagt die Forschung. Bild © picture-alliance/dpa

Jochen Becker vom Deutschen Wanderinstitut in Marburg plant Wanderwege. Was eine gute Strecke ausmacht und warum wir uns auf bestimmten Wegen besonders wohl fühlen, erzählt er im Interview. Außerdem verrät er seine zwei Lieblingstouren in Hessen.

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Landschaft im Sonnenaufgang

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Zählt man alle Wanderwege Hessens zusammen, kommt man laut Deutschem Wanderverband auf über 20.000 Kilometer. Jochen Becker sorgt dafür, dass immer neue vielfältige Strecken hinzukommen. Er ist zweiter Vorsitzender des Deutschen Wanderinstituts, das 2004 vom Natursoziologen Rainer Brämer in Marburg gegründet wurde.

Becker und seine Kollegen erforschen die Wirkung des Wanderns auf den Menschen, verfolgen die Entwicklung des Sports und unterstützen Kommunen und Naturparks bei der Planung von Wanderwegen. Mit dem Siegel "Premiumweg" zeichnen sie besonders schöne Routen aus.

hessenschau.de: Herr Becker, was motiviert uns, die Schuhe zu schnüren und wandern zu gehen?

Jochen Becker: Es gibt viele Befragungen von Wanderern, warum sie in die Natur gehen. Ich denke, das hat auch immer mit unserer Arbeits- und Lebenswelt zu tun. Je mehr wir uns auch mit unseren Berufen und unserem Freizeitverhalten von der Natur entfernt haben, desto größer wird die Sehnsucht, wieder in diese ursprüngliche Natur hineinzukommen.

hessenschau.de: In welchen Landschaften fühlen wir uns besonders wohl?

Becker: Was wir als schöne Landschaft empfinden, ist eine Landschaft, die die Menschen früher als Jäger und Sammler benötigt haben, um sich halbwegs sicher zu fühlen: offene, geschwungene Landschaften, Waldränder, Wasser - all das, was man zum Überleben und Jagen brauchte, empfinden wir bis heute als schön. Das ist etwas, das der Gründer des Deutschen Wanderinstituts, Rainer Brämer, als eines seiner wesentlichen Ergebnisse herausgefunden hat.

Ein Wanderer steht auf einem Felsen und blickt über die Landschaft
Offene Landschaften empfinden wir als besonders schön, sagen die Forscher. Bild © picture-alliance/dpa

hessenschau.de: Was suchen die Menschen beim Wandern? Das Abenteuer? Oder Entspannung?

Becker: Es sind mehrere Aspekte. Sie suchen auf der einen Seite Stressentlastung - sie wollen mal wieder durchatmen, frei sein von dem, was sie den ganzen Tag über beschäftigt. Sie möchten aber auch etwas für ihre Gesundheit tun und sie möchten etwas mit Freunden, Bekannten oder dem Partner erleben. Nicht unbedingt in der großen Gruppe, sondern eher im kleinen Freundeskreis, meist sogar nur zu zweit.

hessenschau.de: Wohin geht der Trend beim Wandern?

Becker: Der Trend geht zu kürzeren Touren, zu Rundtouren. Es ist in erster Linie gar nicht die sportliche Herausforderung, zumindest bei der Masse. Die Mehrheit sucht eine erlebnis- und genussreiche Tour, die man in drei bis vier Stunden bewältigt, also zehn bis zwölf Kilometer. Und bei der Zeit bleibt, auch mal zu sitzen und seinen Gedanken nachzugehen oder sich zu unterhalten.

hessenschau.de: Worauf achten Sie, wenn Sie einen Wanderweg planen?

Becker: Wir wissen aus der Wanderforschung, dass man nicht durch Siedlungen und Gewerbegebiete streifen möchte und nicht auf asphaltierten Feldwegen oder Verkehrsadern laufen möchte. Man möchte möglichst Pfade, naturbelassene Wiesen- und Feldwege haben oder schöne Waldwege mit federndem Boden.

Bei der Wegeplanung achten wir deswegen genau auf das Wegeformat, zu dem unter anderem die Breite des Weges zählt, die Beschaffenheit und natürlich auch auf die Abwechslung der landschaftlichen Erlebnisse. Es ist der Wald, die Waldränder, ein Naturdenkmal, es kann auch ein Kulturdenkmal sein, die Schlucht, der Wasserfall, der Fels, die Aussicht, das idyllische Fleckchen, an dem ich einfach mal verweile.

Das Felsenmeer in Lautertal im Odenwald
Abwechslungsreiche Landschaften und der Erlebnisfaktor machen die Wanderwege rund ums Felsenmeer im Odenwald beliebt. Bild © picture-alliance/dpa

hessenschau.de: Ein noch so schöner Weg nützt wenig, wenn ich ständig davon abkomme. Wie wichtig ist die Beschilderung?

Becker: Der Trend geht weg von Gruppenwanderung hin zu individuellen Wanderungen. Wenn man Wanderer befragt - und das hat der Wanderverein 2009 gemacht - stellt man fest, dass knapp 50 Prozent der Wanderer sich weder auf die Wanderung vorbereitet hatten noch Informationsmaterial wie eine Wanderkarte bei sich hatten.

Über 90 Prozent aller Befragten haben sich gewünscht, eine perfekte Wegweisung und Markierung zu haben. Wenn ich individualistisch unterwegs bin und am liebsten einen Rundweg gehe, dann will ich auch perfekt und sicher wieder zu meinem Ausgangspunkt geführt werden.

hessenschau.de: Haben Sie einen Lieblingswanderweg in Hessen?

Becker: Es gibt einige und deswegen fällt es schwer, einen auszuwählen. Die Schächerbachtour in Homberg-Ohm ist ein richtig schöner Rundwanderweg. Der hat Aussichten, Wald, Gewässer und eine Einkehrmöglichkeit. Der bietet sehr sehr viel, aber es wäre unfair den anderen gegenüber zu sagen: Das ist er!

So heimatverbunden, wie ich bin, muss ich auch noch den Lahn-Dill-Berglandpfad nennen. Der geht quer durch den Naturpark Lahn-Dill-Bergland, von Dillenburg nach Marburg. 86 Kilometer durch die wunderschöne Landschaft des Naturparks, die mit ihren vielen Kuppen, Tälern und Bachläufen sehr abwechslungsreich ist.

hessenschau.de: Wandern mit Kindern ist oft schwierig, trotzdem ist Natur für Kinder wichtig. Wie kann man sie dafür begeistern?

Becker: Ich glaube, man kann die Kinder nicht in Natur hinaus zwingen, sondern es braucht Wege, die Kinder für sich spannend finden. Und die Eltern müssen Muße und Zeit haben, sie die Natur entdecken zu lassen.

Ich sage den Kommunen immer, wenn ihr einen Premiumspazierweg mit drei bis sieben Kilometern macht, dann kann der auch ergänzt werden mit natürlichen Spielelementen. Überall dort, wo Kinder gerne spielen würden, müsst ihr mindestens zwei Bänke danebenstellen, damit die Eltern nicht unruhig werden.

Wenn man zum Beispiel die Schächerbachtour ein bisschen einkürzt, würde sie sich gut für Wanderungen mit Kindern eignen, weil sie viele Möglichkeiten bietet. Der Weg führt unter anderem über Trittsteine durch einen Bachlauf.

Weitere Informationen

Ausgezeichnete Wanderwege

Für besonders gelungene Routen verleiht das Deutsche Wanderinstitut e.V. das Siegel "Premiumweg". Eine Übersicht über die ausgezeichneten Wege in Hessen finden Sie hier. Darunter sind kurze Touren wie der Eibenhardtpfad bei Cölbe-Reddehausen mit etwa sechs Kilometern, aber auch der 320 Kilometer lange Rheinsteig.

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6 Kommentare

  • Edersee Rundsteig fast 70 km

  • Die Gipfeltour über den Hohenrodskopf, mit herrlichen Aussichten und stillen Pfaden finde ich sehr schön. Der Bilstein - eine Basaltformation - lädt Klein und Groß zum Kraxeln ein. Die Rundrour ist 14 km lang, Verlängerung möglich und ideal für einen erlebnisreichen Ausflug. Einkehrmöglichkeiten gibts zudem auch.
    Aber auch die anderen Extratouren im Vogelsberg sind sehr zu empfehlen.
    SM

  • Ich wohne im Landkreis Gießen und ich kann hier leider keinen Wanderweg empfehlen. Die Wege hier werden kaum gepflegt und gewartet. Sehr oft fehlen die hier die Markierungen und es gibt kaum Rundwanderwege, so das man wieder leicht zurück zu seinem Autoparkplatz findet.
    Wir haben erst vor kurzem einen Wanderurlaub im Saarland gemacht und sind dort verschiedene Traumschleifen gelaufen. Hier sollte man sich Mal ein Beispiel nehmen.
    Man kann online wählen wie lange die Tour sein soll und wie das Gelände sein soll usw.
    Und erhält dann eine Wanderroute die durchgängig beschildert ist, an verschiedenen Ruhebänke und Gast und Imbiss Stätten vorbei führt.
    Diese Region kann ich nur empfehlen.

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