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Hinterländer Mountainbiker

Die Hinterländer Mountainbiker haben ein ungewöhnliches Hobby: Sie verfolgen die Spuren des hessischen Hinterlandes auf der ganzen Welt – mit dem Fahrrad. Als nächstes geht es an die Wolga.

"Wir er-fahren Geschichte", erklärt Team-Mitglied Ulrich Weigel aus Eschenburg (Lahn-Dill), "wir sind bekennende Hinterländer und arbeiten hart gegen das Vorurteil, dass das hier nur Provinz ist.“ Seit über 25 Jahren gehen die fünf gestandenen Männer gemeinsam auf Entdeckungstour: Durch Namibia, die USA und China sind sie schon geradelt.

Dieses Jahr geht die Reise nach Russland. Die Mountainbiker sind überzeugt: Die Einflüsse des hessischen Hinterlands findet man auf der ganzen Welt.

Hinterländer Platt an der Wolga

Vor jeder ihrer Touren recherchieren die fünf monatelang in Archiven und Bibliotheken, sie kontaktieren das Auswärtige Amt und sprechen mit Historikern. "Zum Beispiel der kreative Schöpfer der Freiheitsstatue in New York“, sagt Weigel, "der hat seine Wurzeln hier in Oberhörlen.“ Frederic Auguste Bartholdi (1834-1904) war der Nachfahre eines Steffenberger Pfarrers. "Wir haben jetzt auch rausgefunden, dass der Sohn eines ausgewanderten Hinterländers später in Russland Finanzminister geworden ist, sagt Weigel. Gemeint ist der aus Breidenbach stammende, 1778 geborene Georg Cancrin.

Hinterländer Mountainbiker

In Russland wollen die Hobby-Fahrradfahrer dann 12 Tage lang die Spuren einer Familie Engel verfolgen: Die Mittelhessen sind im 18.Jahrhundert an die Wolga ausgewandert ist. Einige ihrer Nachfahren sind inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt.

Die Mountainbiker suchen in Russland hessisch geprägte Baudenkmäler, sie halten Ausschau nach regionaltypischen Spezialitäten und wollen Nachkommen von Auswanderern treffen. "Wir sprechen ja noch Platt“, sagt Ulrich Weigel. "Und wenn wir dann noch jemanden finden, der unseren Dialekt versteht – das wäre ein Highlight.“

Das ist kein Urlaub

Die Mountainbiker sind zwischen Mitte 40 und Mitte 60. Dieses Jahr touren sie das erste Mal mit E-Mountainbikes. Das bringt logistisch besondere Herausforderungen mit, erklärt Team-Mitglied Jörg Krug. "Akkus nach Russland zu bringen ist extrem schwierig“, sagt er. "Man kann die nicht einfach so mit ins Flugzeug nehmen.“ Und auch so sei die Reise nach Russland besonders spannend: "Schon allein wegen der Sprache. Und auch die ganzen Formalitäten sind schwieriger.“

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Hinterländer Mountainbiker
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15 bis 20 Stunden pro Woche investiert jedes Team-Mitglied in die Vorbereitung, die historische Recherche und das Training für die Tour. Ein besonders wichtiger Punkt: Sponsoren suchen. Die ganze Reise kostet etwa 70.000 Euro –  inklusive nagelneuer E-Mountainbikes. Eigenes Geld müssen die fünf Männer nach eigenen Angaben nicht investieren. Unterstützung kommt etwa von regionalen Unternehmern, der Fluggesellschaft und verschiedenen Sportartikelherstellern.

Unterwegs fliegen auch mal die Fetzen

Der Abflug ist Ende Juni. Ulrich Weigel sagt: "Das ist kein Urlaub, das wird natürlich stressig." Übernachtung und Verpflegung – das sei alles sehr spartanisch. Zwei Nächte müssen sie im Zug schlafen und jeden Tag 100 Kilometer mit dem Rad schaffen, sagt Ulli Weigel: "Und es ist natürlich schon mal passiert, dass wir uns gefetzt haben, wenn wir kaputt waren oder wenn wir die Wege nicht gefunden habe. Aber wir vertragen uns auch wieder.“

Über die Jahre sind die fünf eine eingespielte Truppe geworden, die sich durch und durch kennt. "Das gemeinsame Mountainbiken ist für uns viel mehr als ein Hobby“, sagt Ulrich Weigel. "Diese Freundschaft hat vielen von uns – mir ganz besonders – im stressigen Arbeitsalltag oft geholfen. Und sich dabei auch noch sportlich zu betätigen, das war immer ein tolles Ventil.“