Miriam Kassis in der Bowl im Hafenpark Frankfurt

Seit Beginn der Pandemie füllen sich die Skateparks, in manchen Läden sind keine Bretter mehr erhältlich. Nicht zuletzt erwachsene Frauen treiben den Skateboard-Boom voran.

Videobeitrag

Video

zum Video Skate-Boom unter jungen Frauen in der Pandemie

Skaterin Miriam Kassis im Hafenpark
Ende des Videobeitrags

Der Asphalt ist noch feucht vom Sommerregen. Zwar nicht die ideale Bedingung, um aufs Skateboard zu steigen. Trotzdem schlängeln sich hartgesottene Skaterinnen und Skater neben jungen Leuten auf Tretrollern und Inline-Skates über den Beton im Frankfurter Hafenpark. Im Hintergrund ragt das gläserne Hochhaus der Europäischen Zentralbank auf. Das Rattern der Rollen tönt in den Ohren. Mitten in der Bowl, einem Kessel aus Beton, sitzt Miriam Kassis auf ihrem Board.

Der Reiz der Gefahr

"Ich spüre meinen ganzen Körper beim Skaten, lerne meine Grenzen kennen und fühle mich frei. Die Gefahr macht’s auch spannend. Ich hatte einfach den Wunsch, mich neu auszuprobieren", erklärt Miriam Kassis, warum sie mit 32 noch anfing, Skateboard zu fahren: "Die jungen Hüpfer können einem ganz schön was vormachen, da muss man mit Anfang 30 schon seinen Mut zusammennehmen." Heute ist sie 34.

Sich in diesem Alter einer neuen Sportart zu widmen, koste nicht nur Überwindung, sagt Kassis. Als Berufstätige habe sie auch weniger Zeit als in Schul- oder Studiumszeiten. Sie arbeitet in der Marketingabteilung eines Unternehmens. "Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal auf dem Board stand, wusste ich sofort, das ist es", erinnert sie sich. Genau das scheinen gerade viele Menschen zu denken.

"Wir erleben einen extremen Boom"

Das Skaten ist während Corona immer beliebter geworden. "Wir erleben einen extremen Boom seit der Pandemie, auch seitdem Skaten olympisch geworden ist", sagt etwa Adrian Kemps vom Skateboardladen "Titus" in der Frankfurter Innenstadt.

Die Gründe dafür lägen auf der Hand. "Es ist möglich, sich im Freien und mit Abstand körperlich zu betätigen", sagt Kemps: "Skaten ist als Individualsport coronafreundlich, man braucht nur sein Board und gutes Wetter." In manchen Onlineshops gibt es keine Skateboards mehr zu kaufen.

"Geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren"

Der Rollsport-Boom ist auch im Hafenpark am Main zu beobachten. Laut Daniel Beck, dem Inhaber der Skateboardschule Frankfurt, ist der Skatepark an der EZB 20-mal so voll wie vor der Corona-Krise: "Ich kann mich nicht erinnern, dass Skaten jemals so stark nachgefragt wurde wie jetzt gerade."

Daniel Beck unterrichtet seit neun Jahren Kinder und Erwachsene auf dem Brett. "Das Skaten lehrt einen, seine Furcht zu besiegen. Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren, das ist das Schöne", sagt Beck. In der Pandemie, so seine Beobachtung, hätten besonders Frauen die Sportart für sich entdeckt.

Frauen erobern die Skateparks

In Daniel Becks "Latebeginner"-Kursen liegt der Frauenanteil seinen Angaben zufolge bei 80 Prozent. Die meisten seien um die 30 Jahre alt. "Die Mütter, die ihre Kinder in die Kurse gebracht haben, wurden selbst neugierig aufs Fahren. Männern ist da schneller mal was peinlich", sagt Beck.

"Seit Corona weichen sich die Grenzen im männerdominierten Skaten auf. Immer mehr Frauen steigen aufs Brett", hat auch Miriam Kassis bemerkt. Und Adrian Kemps vom "Titus"-Shop sagt: "Mittlerweile kommen mehr Frauen als Männer in den Laden und wollen mit dem Skaten anfangen. Die Profi-Sportler sind aber immer noch Männer."

Miriam Kassis vor der Bowl im Skatepark

Frauen sollten den Raum fürs Skaten noch mehr für sich beanspruchen, fordert Miriam Kassis. "Auch mit 30 muss man sich immer noch behaupten - traut euch", sagt die 34-Jährige.

Skaten ist zwar kein Mannschaftsport, allerdings legen die Skater viel Wert auf soziales Miteinander. "Man kann die anderen gut beobachten und voneinander lernen, außerdem tausche ich mich gerne mit den anderen aus", erzählt Miriam Kassis: "Meine Skater-Gruppe habe ich über Whatsapp gefunden." Anfängerinnen und Anfängern empfiehlt sie, auf der Suche nach Gleichgesinnten die Sozialen Medien abzuklappern. "Oder das Board schnappen und ab nach draußen."

"Es fehlen Räume für Skaterinnen und Skater"

Seitdem die Corona-Beschränkungen gelockert wurden, wird es im Hafenpark besonders voll. Viele kommen einfach nur zum Chillen an den Main. Da sei teilweise gar kein Platz mehr zum Skaten, sagt Daniel Beck: "Es fehlen Räume speziell für Skaterinnen und Skater in ganz Frankfurt." Damit sich alle auf ihren Boards austoben könnten und es zu keinen Unfällen und Streitereien komme, müsse die Stadt mehr Räume schaffen, findet der Skate-Lehrer.

Miriam Kassis kommt trotzdem gerne dorthin, auch wenn es voll ist. "Die Atmosphäre gerade in der Dämmerung im Sommer ist total toll", erzählt sie. Jetzt will sie aber aufs Brett, es kribbelt schon in den Beinen, wie sie sagt. Sie stellt sich aufs Board, stößt sich mit einem Fuß zwei-, dreimal kräftig vom Boden ab und bewegt sich wellenartig davon.