Und da sollen Gedanken rauskommen? Henning Beck zeigt ein menschliches Gehirn.
Und da sollen Gedanken rauskommen? Henning Beck zeigt ein menschliches Gehirn. Bild © Susanne Mayer/hessenschau.de

Hirnforscher Henning Beck aus Bensheim versteht nicht, dass Menschen wie Maschinen ticken wollen. Im Gespräch mit hessenschau.de erzählt der Autor von "Irren ist nützlich", wie wir kreativer werden - und den inneren Schweinehund austricksen können.

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Schon mit 15 Jahren wusste er, dass er Hirnforscher werden will: Der Neurowissenschaftler und Autor Henning Beck ist in Bensheim (Bergstraße) aufgewachsen und hat sich schon früh für das menschliche Gehirn interessiert. Im Gespräch mit hessenschau.de erzählt der 34 Jahre alte Wahl-Frankfurter, warum es auch mal gut ist, Regeln zu brechen und Fehler zu machen.

hessenschau.de: Herr Beck, Sie sind Neurowissenschaftler und erforschen das menschliche Gehirn. Was fasziniert Sie daran?

Henning Beck: Das Gehirn ist das tollste Organ von allen. Es wird seit tausenden Jahren untersucht und trotzdem hat noch keiner verstanden, wie es genau funktioniert. Bei allen anderen Organen, sei es Herz oder Lunge, kann man sehen, wie sie funktionieren. Beim Gehirn schaust du drauf und fragst dich: Und da sollen diese Gedanken rauskommen? Das ist unfassbar faszinierend. Je mehr ich damit arbeite, desto mehr Fragen und Rätsel kommen auf. 

hessenschau.de: Wissen Sie Näheres über den inneren Schweinehund, der Gutes und Gesundes gerne mal verhindert?

Beck: Wir wissen, dass nicht nur eine Hirnregion dafür zuständig ist, dass man faul in der Ecke liegt. Der innere Schweinehund hat sich in mehreren Regionen eingenistet. Ich möchte zum Beispiel ins Fitnessstudio, kann mich aber nicht aufraffen. Das heißt, in diesem Moment bin ich motivierter, auf dem Sofa zu liegen als Sport zu treiben. Der innere Schweinhund lässt sich aber mit einer einfachen Frage austricksen: Wie könnte ich in einem Jahr aussehen, wenn ich regelmäßig trainiert habe? 

Er hat es deshalb so leicht, weil wir unser zukünftiges Ich nicht so präsent vor Augen haben und eher auf kurzfristige Belohnungen aus sind. Das Gehirn verarbeitet unser zukünftiges Ich wie einen wildfremden Menschen. Deshalb können wir gut auf Kosten unserer Zukunft leben, weil wir uns im Hier und Jetzt mit Schokolade belohnen. Sich vorzustellen, wie man in Zukunft sein könnte, ist die beste Strategie um aktiv zu werden.

hessenschau.de: In ihrem Buch "Irren ist nützlich" meinen Sie, das Gehirn sei permanent am Fehler machen - und das sei gut so. Was ist an Denkfehlern denn nützlich?

Cover Henning Beck "Irren ist nützlich"
Beck wird mit seinem Buch "Irren ist nützlich" auf der Frankfurter Buchmesse sein. Bild © Hanser

Beck: Vorneweg: Nicht jeder Fehler ist super, denken wir mal ans Autofahren. Aber wenn ich ein neues Auto bauen oder erfinden will, dann funktioniert das nicht über Regeln, die befolgt werden. Alle großen Ideen entstehen, wenn jemand alte Regeln bricht oder neue Perspektiven zulässt. Das kann falsch sein, wer weiß das schon. Aber das ist das Spannende daran: Dadurch, dass ich es nicht weiß und etwas ausprobiere, bin ich frei. 

hessenschau.de: Gerade in der Arbeitswelt sind neue, ungewöhnliche Ideen gefragt. In miefigen Konferenzräumen entstehen die ja selten. Haben Sie Tipps?

Beck: Wenn ich Menschen frage, wo ihnen kreative Ideen einfallen, sagen diese tatsächlich nie: am Arbeitsplatz oder in einer Besprechung. Es geschieht in der Natur, beim Laufen, beim Duschen, beim Autofahren oder beim Geschirr abtrocknen. Da spielt die Routine ihre Stärke aus, denn wenn wir Handlungen automatisch ausführen, beginnt das Gehirn ein bisschen abzuschalten und herumzuwandern. "Mind wandering" heißt das in der Wissenschaft. Beim Tagträumen holen wir uns neue Inspirationen. 

hessenschau.de: Viele Science-Fiction-Filme handeln von künstlicher Intelligenz, die uns irgendwann ersetzen wird. Ist das vorstellbar?

Neurowissenschaftler Henning Beck
Neurowissenschaftler und Science-Slammer: Henning Beck Bild © Henning Beck

Beck: Ich weiß natürlich nicht, was in 500 Jahren sein wird. Aber momentan verfügen wir gar nicht über die Technik, dass Maschinen klüger werden als Menschen. Vielleicht ist die Frage eher: Werden Menschen immer mehr wie Maschinen? Wir benehmen uns so, wollen keine Fehler machen und perfekt funktionieren. 

Da wir ein Gehirn haben, ticken wir aber ganz anders als Maschinen. Regeln brechen - das können Computer nicht. Außerdem werden Maschinen nicht lernen, emotional auf andere einzugehen. Zwischentöne verstehen sie auch nicht, und andere mögen können sie schon gar nicht. Ein Computer hat selten gute Freunde, er rechnet lieber vor sich hin.

hessenschau.de: Das Gehirn muss ja für viele Redewendungen und Schimpfwörter herhalten: "Herr, wirf Hirn vom Himmel" zum Beispiel. Ist es möglich, ein Gehirn zu trainieren?

Beck: Natürlich, ein Gehirn ist nicht doof. Wenn jemand viele Kreuzworträtsel macht, kann er irgendwann besser Kreuzworträtsel lösen. Ein Gehirn ist niemals fertig, es passt sich immer daran an, wie es benutzt wird. Wer es mehr benutzt, hat auch mehr davon. Allerdings kann Intelligenz, als Maß für die Schnelligkeit im Denken, kaum trainiert werden. Im Alter von 22, 23 Jahren ist diese Fähigkeit ausgereift und bleibt dann konstant. 

hessenschau.de: Sagt ein IQ-Test eigentlich etwas darüber aus, wie gut ein Gehirn funktioniert?

Beck: Ein IQ-Test sagt vor allem etwas darüber aus, wie gut ein Gehirn im Vergleich zu anderen Gehirnen funktioniert. Intelligenz ist immer nur relativ, nicht absolut. Das ist wie beim Fußball: Selbst wenn die Bayern 50 Mal Meister werden -  was ich schlecht fände - heißt das noch nicht, dass das eine absolut gute Fußballmannschaft ist. Sie ist immer nur relativ besser als die anderen. 

hessenschau.de: Ich kann mir zum Beispiel schwer Vornamen merken, manchmal vergesse ich auch meine Bank-PIN. Passiert das mit zunehmendem Alter?

Beck: In zunehmendem Alter fällt es einem tatsächlich schwerer, sich an Namen zu erinnern. Denn wenn ich ganz viele Namen weiß, dann dauert es auch länger, bis ich den richtigen gefunden habe. Es ist nicht so, dass Sie einen Namen vergessen haben. Sie können sich nur langsamer daran erinnern. Da hilft es, Verknüpfungen herzustellen.

Bei Bank-PINs gibt es ein interessantes Phänomen. Ich merke mir am Bankautomaten gar nicht so sehr die Nummer, sondern das Muster, das ich eintippe. Wenn Menschen ihre PIN aufsagen sollen, fällt ihnen das schwerer als sie einzutippen. Die Zahlen vergisst man schnell, das Muster auf dem Zahlenblock nicht.

hessenschau.de: Sie haben in Kalifornien Start-Up-Unternehmen beraten. Was haben Sie den Teams dort beigebracht? 

Beck: Wenn ich weiß, wie ein Gehirn tickt, kann ich das übertragen. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel etwas Neues präsentieren will, sollte das Produkt nicht im Vordergrund stehen, sondern das, was die Kunden Cooles damit machen können. Das wäre gehirngerecht. Denn das Gehirn ist immer an einer Geschichte, an etwas Spannendem interessiert. 

hessenschau.de: In Sachen Innovationen sind die Amerikaner uns teils weit voraus. Was machen sie anders?

Beck: Das Gehirn der Menschen funktioniert weltweit ähnlich gut. Aber in Kalifornien habe ich tatsächlich festgestellt, dass sich die Menschen mehr trauen. In Deutschland muss alles einen perfekten Plan haben. Wenn hier jemand ein Unternehmen gegen die Wand fährt oder einen Fehler macht, ist er schnell der Depp. Auf wirklich gute Ideen kommt man aber nur, wenn man etwas wagt und sich traut, hinzufallen und dann wieder besser aufzustehen.