Andrea Wagner in ihrer Schokoladenmanufaktur.
Andrea Wagner in ihrer Schokoladenmanufaktur. Bild © Rebekka Dieckmann

Als erste Stadt in Hessen wurde Marburg vor rund zehn Jahren zur "Fairtrade Town". War fairer Handel damals noch ein Nischenthema, boomt heute das Geschäft mit dem gerechten Kaffee und dem guten Gewissen.

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Fairtrade in Marburg

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Andrea Wagner lässt dicke dunkle Tropfen auf einen kleinen Teller rieseln – daraus will sie gleich dunkles Schokoladeneis herstellen: "Das ist meine 70-prozentige Zartbitterkouvertüre", erklärt sie. "Die stammt aus Peru und ist komplett bio und fair." Wagner besitzt eine kleine Schokoladenmanufaktur in der Marburger Oberstadt. In der "Manufacture d’Anouk" verkauft sie hausgemachte Pralinen, Kaffee und Kuchen, im Sommer Eis.

"Alle meine Produkte sind bio, wo es geht auch fair", sagt sie. "Dadurch ist meine Gewinnspanne zwar geringer, aber für mich ist das eine Grundsatzentscheidung." Und nicht nur für die Manufakturinhaberin - sondern auch für immer mehr Kunden, stellt sie fest: "Früher haben die Kunden vor allem nach bio gefragt, inzwischen legen immer mehr auch Wert auf Fairtrade."

Die Stadt Marburg als Vorreiterin

Als die Nichtregierungsorganisation TransFair e.V. vor zehn Jahren in Deutschland begann, Städte als "Fairtrade Towns" auszuzeichnen, war Marburg ganze vorne mit dabei: Als erste Stadt in Hessen und vierte in Deutschland bekam Marburg diesen Titel verliehen. Seitdem sind viele auf den Kampagnen-Zug aufgesprungen: Über 600 "Fairtrade Towns" gibt es inzwischen in Deutschland, weltweit sind es mehr als 2.000. In Deutschland können sich Städte, Gemeinden, Regionen und Verbände dafür kostenlos bewerben. Sie können sich untereinander vernetzen oder an Konferenzen teilnehmen.

Weitere Informationen

Fairtrade Towns

Fünf Kritierien für den Titel "Fairtrade Town":
- ein Ratsbeschluss, dass die Kommune den fairen Handel voranbringen will
- es muss eine Steuerungsgruppe gebildet werden, für koordinierte Aktivitäten
- es soll eine gewisse Quote an Geschäften und Gastronomien mindestens ein faires Produkt anbieten
- pro 200.000 Einwohner muss sich mindestens eine Schule, ein Verein und eine Kirchengemeinde für den fairen Handel engagieren
- die lokale Presse muss über die Aktivitäten informiert werden

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Andrea Heinz ist Teil der Steuerungsgruppe, die in Marburg im Rahmen der "Fairtrade Town"-Zertifizierung gegründet wurde. Die Gruppe koordiniert verschiedene Aktionen und Veranstaltungen in der Stadt und motiviert Händler, faire Produkte zu verkaufen. "Wir wollen in der Gesellschaft eine Bewusstseinsveränderung vorantreiben", sagt Heinz. Egal ob Kerzen, Kleidung oder grüner Tee - besonders bei Produkten, die im globalen Süden hergestellt werden, müssten die Produzenten häufig für Centbeträge unter schlimmen Bedingungen schuften, erklärt Heinz. "Aber es gibt Alternativen und wir können als Konsumenten mit unserem Kaufverhalten abstimmen."

Fairtrade aus dem Discounter

In den letzten zehn Jahren hat sich viel verändert, stellt Jochen Friedrich fest, der von Anfang an in der Steuerungsgruppe aktiv war und den Fachdienst Umwelt der Stadt Marburg leitet. "Damals hat man fair gehandelte Produkte fast nur im Weltladen oder im Biosupermarkt gefunden", erinnert er sich. "Wir sind damals richtig von Geschäft zu Geschäft gegangen und mussten die Lokale überzeugen, auch fairen Kaffee im Ausschank anzubieten." Heute sei das kein Problem mehr, so Friedrich. Der Faire Handel sei längst aus der hintersten Supermarktnische herausgekommen. "Jeder Laden, der was auf sich hält, hat heute mindestens ein faires Produkt im Angebot".

Der faire Stadtführer für Marburg
Der faire Stadtführer für Marburg Bild © Rebekka Dieckmann

"Wir haben in Marburg in den letzten Jahren schon einiges erreicht", so Friedrich. Die Steuerungsgruppe sei in Kontakt mit Schulen, Vereinen und Kirchen. Der Magistrat der Stadt trinke bei Sitzungen nur noch fair gehandelten Kaffee. Die Stadt gibt außerdem regelmäßig einen "Fairen Stadtplan heraus": Darin sind inzwischen rund 50 Geschäfte und 15 Gastronomien aufgelistet, die alle mindestens ein faires Produkt anbieten. Darunter sind viele kleine Einzelhändler, Bäckereien, Cafés, Kneipen und inzwischen auch die großen Discounterketten.

Als die Discounter anfingen, fairen Kaffee zu verkaufen, habe es eine große Diskussion gegeben, erinnert sich Jochen Friedrich – gerade unter Menschen, die schon lange in der Fairtrade-Bewegung aktiv seien. "Auf uns sind Leute zugekommen und haben gefragt: Kann man das überhaupt machen? Wollen wir die Discounter überhaupt in unseren Fairen Stadtführer aufnehmen? Als Steuerungsgruppe haben wir aber gesagt: Natürlich, weil wir dadurch eine Bevölkerungsgruppe erreichen, die wir sonst gar nicht erreichen würden."

Ist die Welt heute gerechter?

Die Geographin Jutta Kister forscht an der Uni Innsbruck zu globalen Wertschöpfungsketten im fairen Handel. Angebot und Nachfrage nach fairen Produkten sind definitiv gestiegen, sagt auch sie. "Die Bewusstseinsbildung zeigt offenbar Wirkung und wir stellen auch fest, dass die lange Arbeit im Bereich des fairen Handels inzwischen national und international auf politische Regelungen abgefärbt hat."

Aber ist die Welt dadurch in den letzten zehn Jahren auch wirklich gerechter geworden? Keine leichte Frage, findet Jutta Kister. Sie ist der Meinung: Es ist viel passiert, aber noch längst nicht alles erreicht. "Die Kritik am Welthandel hat sich leider noch nicht aufgelöst", sagt die Geographin. Weiterhin gebe es sehr ungleiche Verhältnisse in den Machtpositionen zwischen Produzenten und Abnehmern.

"Da machen viele Leute Geld mit"

"Es werden zwar mehr fair gehandelte Produkte gekauft, aber es gibt zum Beispiel beim Kakao und Kaffee immer noch einen Überschuss an fair produzierten Produkten", so Kister weiter. Der Markt könne demnach noch sehr viel weiter wachsen. Außerdem beobachte sie zum Beispiel, dass die konventionelle Produktpalette im Supermarkt in den letzten Jahren deutlich globalisierter geworden sei: "Da gibt es dann Tomaten aus Marokko und Heidelbeeren aus Chile."

Auch für die Schokoladenmanufaktur-Inhaberin Andrea Wagner ist der Weg zu einer wirklich fairen Welt noch lang. "Früher war es bio, jetzt ist fair in Mode", stellt sie fest. "Und da machen jetzt viele Leute mit, die einfach nur Geld damit verdienen wollen. Die stellen sich dann ein, zwei Produkte in den Laden und sonst ist es null fair." Wagner ist der Meinung, dass die Trendwende eigentlich viel tiefer gehen müsse, hin zu einem echten Bewusstseinswandel: "Dass die Leute wirklich mal schnallen: Was tun wir hier eigentlich?"