Gedenken an die Anschlagsopfer in Hanau-Kesselstadt

100 Tage sind seit dem rassistischen Anschlag in Hanau vergangen. Am 19. Februar hat der 43-jährige Tobias R. gezielt neun Menschen mit ausländischen Wurzeln getötet. Zuerst schoss er in der Innenstadt und dann im Stadtteil Kesselstadt – in dem heute nichts mehr so ist, wie es einmal war.

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Die Regale im "24/7 Kiosk" sind fast leer. Kemal Kocak räumt Cola-Flaschen, Chips-Packungen und Kaugummis in einen Pappkarton. Der Getränkekühlschrank und die Kühltruhe für Eis stehen mitten im Raum, die Kabel liegen auf dem Boden. Daneben: eine 20-Cent-Münze, Staub, in der Ecke ein Holzbesen. "Ich will hier nur noch raus", sagt Kemal Kocak. Dabei war sein Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz mal sein "Baby", wie er sagt: "Es ist hart, es tut weh. Ich fühle mich wie eine Mutter, die ihr Kind zurücklässt."

Kemal Kocaks Kiosk wurde am 19. Februar zum Tatort. Nachdem Tobias R. zunächst in der Innenstadt gezielt auf Menschen mit ausländischen Wurzeln geschossen hatte, fuhr er nach Kesselstadt und eröffnete dann das Feuer im Kiosk. Kemal Kocak war nicht vor Ort. Er hatte die Frühschicht, sein Sohn mittags gearbeitet, am Abend löste ihn Gökhan Gültekin an der Kasse ab. Gültekin wurde getötet, ebenso wie Mercedes Kierpacz, die zur Probe arbeitete, und Kiosk-Kunde Ferhat Unvar.

Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt: Arena Bar & Café

Im Stadtteil ist es deutlich stiller geworden

In der angeschlossenen "Arena Bar" erschoss Tobias R. wenige Augenblicke später Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi. "Alles nette Leute", sagt Kocak. Sie alle waren regelmäßig hier. Jetzt sind sie nicht mehr da. Deshalb will auch Kemal Kocak hier weg. In der kommenden Woche gibt er die Schlüssel für seinen Kiosk ab. "Ich kann im Dunkeln nicht mehr hierher kommen", erklärt er. "Ich habe Angst."

Ähnlich äußern sich auch andere Kesselstädter. Eltern erzählen, dass sich ihre Kinder zurückgezogen hätten. Sie seien still geworden. Am Kurt-Schumacher-Platz halten sich, nicht nur wegen der Corona-Beschränkungen, deutlich weniger Menschen auf als früher.

Auch am Jugendzentrum "K-Town", einem Treffpunkt der Kesselstädter Jugendlichen, ist weniger los. "Die Jungs waren regelmäßig hier", erzählt Armin Kurtovic. Die Jungs, das sind sein Sohn Hamza und die ebenfalls getöteten Said Nesar Hashemi und Ferhat Unvar. "Es war wie ihr zweites Zuhause." Heute hängen hier Fotos der drei jungen Männer sowie Aufkleber mit ihren Namen. "Wir denken an euch", steht auf einem Plakat geschrieben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hanau-Kesselstadt: "Immer noch traumatisiert"

Jugendzentrum "K-Town" in Kesselstadt
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Antje Heigl ist Sozialarbeiterin im Jugendzentrum. Wegen Corona ist es geschlossen. Deshalb versucht sie, auf der Straße zu helfen. "Mein Gefühl ist, dass die Begegnung gebraucht wird und dass man miteinander sprechen muss", sagt sie. "Was ich am meisten höre: Es wird nichts mehr wie vorher sein. Ich kann darauf eigentlich nichts antworten, weil es mir ähnlich geht."

Eine latente Vorsicht liegt in der Luft

Viele im Viertel sagen: Auch 100 Tage nach dem Anschlag ist der Alltag der Kesselstädter von Angst geprägt. Anwohnerin Graciella Parisi-Genero beispielsweise holt ihren Sohn mittlerweile immer von der Schule ab, obwohl er früher alleine ging. "Und wenn man ein Kind alleine vor der Schule sieht, dann spricht man es an und fragt, ob man helfen kann." Seit Jahren leben in Kesselstadt Menschen mit Wurzeln aus unzähligen Nationen friedlich nebeneinander. Das freundschaftliche Miteinander ist zwar geblieben, aber es liegt eine latente Vorsicht in der Luft.

Denn immer wieder schrecken die Menschen in Kesselstadt auf: bei Blaulicht, Martinshorn oder den Rotorgeräuschen von Helikoptern. "Das löst Angst aus", erklärt Anwohner Adolfo Russo. In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Hubschraubereinsätzen über Hanau: Fahndungen nach Vermissten, nach Einbrechern oder wie Ende April nach einer Messerstecherei in der Innenstadt. All das war auch in Kesselstadt zu hören.

Selbst zwei Feuerwerke in den vergangenen Tagen und Wochen haben die Menschen verängstigt. In den lokalen Facebook-Gruppen zeigten sich viele besorgt: "Durch das Knallen ist sofort wieder der 19. Februar."

Um mit eben dem abzuschließen, verlässt Kemal Kocak den Stadtteil. Mit seinem Sohn betreibt er jetzt einen Kiosk in der Innenstadt. "Mich hält hier nichts mehr", sagt er, bevor er die Tür des Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz abschließt, mit einem vollgepackten Karton in sein Auto steigt und davon fährt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 31.05.2020, 19.30 Uhr