Blick in einen Hörsaal der Universität Kassel

Überfüllte Hörsäle, Schlangen vor Dozenten-Büros: Ein Studium wird in Hessen oft zur anonymen Massenveranstaltung. Die 11,2 Milliarden Euro des neuen Hochschulpaktes sollen das entscheidend ändern. Nicht jeder ist restlos überzeugt.

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Wer sich für eine Karriere in der Wissenschaft entscheidet, tut das oft, um sich in Ruhe und tiefgehend mit Themen zu beschäftigen. Doch die Realität sieht an vielen Hochschulen anders aus. Sascha Schirrmacher, Student der Literaturwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, kann davon berichten.

Wer für Abschlussarbeiten einen Betreuer sucht, findet nur schwerlich einen. Schirrmacher erlebt Dozenten am und überm Limit. "Die sind überfordert. Sie müssen viele Studenten betreuen, Hausarbeiten korrigieren, Drittmittel einwerben, Anträge stellen, mit dem Prüfungsamt diskutieren. Das ist alles Verwaltung. Die Bedingungen sind eine Zumutung.“

Wenn es nach der hessischen Landesregierung geht, soll sich die Lage für Hessens Dozenten und Studenten in den kommenden Jahren stark verbessern. Mit dem neuen Hochschulpakt will sie deutlich mehr Geld in die Hochschulen investieren. Sie sollen von 2021 bis 2025 insgesamt rund 11,2 Milliarden Euro bekommen – zwei Milliarden mehr als im aktuellen Budget. Vertreter der Landesregierung und der 14 hessischen Hochschulen unterzeichneten den Vertrag am Mittwoch in Wiesbaden.

300 zusätzliche Professuren

Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) lobte die eigene Arbeit: "Die Hochschulen können so verlässlich planen wie noch nie." Denn den Großteil des Budgets, insgesamt rund acht Milliarden Euro, sollen die Hochschulen über die Jahre verteilt erhalten. Dieser sogenannte Sockel steigt jährlich an, um Tarif- und Kostensteigerungen aufzufangen.

Ein kleinerer Teil des Budgets, 1,5 Milliarden Euro, wird zum erfolgsabhängigen Budget. Damit sollen Hochschulen belohnt werden, die besonders erfolgreich Drittmittel einwerben, Promotionen betreuen und Frauen fördern.

Mit den Geldern des Hochschulpaktes soll vor allem die Lehre für die Studenten besser werden. Ein Baustein dafür ist das Verhältnis von Studenten zu Dozenten. Bislang ist im Schnitt ein Professor für 72 Studenten zuständig. Bis 2025 soll dieser Wert auf 62 sinken. Dafür sollen 300 zusätzliche Professuren geschaffen werden, verteilt auf die Hochschulen.

Gießener Uni-Präsident überschwänglich

Vertreter hessischer Hochschulen reagierten zufrieden. Im Mittelpunkt stehen dabei die zusätzlichen Professuren: Die Universität Kassel rechnet mit 23, die Universität Gießen mit 30, die Goethe-Universität Frankfurt mit 44. Für Brigitta Wolf, Frankfurts Uni-Präsidentin, ist das Grund zur Freude. Sie sagte dem hr: Wir bekommen Stabilität und Gestaltungsspielräume."

Geradezu begeistert äußerte sich Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen. Es sei der "beste Hochschulpakt, den wir je in Hessen hatten", sagte er. Mit 30 zusätzlichen Professorenstellen könne die Universität "starke Bereiche weiter stärken und neue Fächer erschließen."

Studierendenvertreter: "Kein großer Wurf"

Deutlich skeptischer sind Studentenvertreter. Der AStA (Allgemeine Studierendenausschuss) der Universität Frankfurt freut sich auf Anfrage zwar darüber, dass der Hochschulpakt "die größte Investition der Landesregierung in dieser Legislatur" sei. Trotzdem seien Zweifel erlaubt, ob sich die Betreuung wirklich verbessern werde. So sei noch offen, ob die zusätzlichen Professuren überhaupt mit den nötigen Mitarbeiterstellen ausgestattet würden.

Für den AStA der Universität Gießen ist der neue Hochschulpakt "nicht der große Wurf, den wir uns erhofft hatten". Ein Sprecher kritisierte unter anderem, dass das Budget weiterhin nach Anzahl der Studenten auf die Hochschulen verteilt werden soll. Dadurch stünden die Hochschulen miteinander in Konkurrenz um Gelder und Studierende. Der AStA befürchte, "dass dieser Wettbewerb zu Lasten der Studierenden geht, weil die Gelder vor allem in die Forschung und nicht in gute Lehre fließen".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 11.03.2020, 16.45 Uhr