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"Mein Geburtstagswunsch ist es, dass ich zurückkomme"

Vor einigen Tagen ist die Familie Ghalianloo aus Büdingen nach Iran abgeschoben worden. Vor allem die 13-jährige Tochter Yasaman ist verzweifelt. Denn sie kennt das Land ihrer Eltern nicht. Sie steht vor dem Nichts.

Erzieherin wollte Yasaman Ghalianloo werden. Vielleicht auch Tierärztin. In ein paar Monaten hätte sie ausprobieren können, was ihr eher liegt. Dann wäre sie in der siebten Klasse der Realschule in Büdingen (Wetterau) gewesen, und die ersten Berufspraktika hätten angestanden. Doch daraus wird nichts. Seit einem Monat sitzt Yasaman in der iranischen Hauptstadt Teheran in der Wohnung ihrer Oma und blickt in eine ungewisse Zukunft.

Mitte März wurden die 13-Jährige und ihre Mutter nach Iran abgeschoben. Der Vater kam später aus freien Stücken nach, seine ursprünglich geplante Abschiebung wurde damals aufgehoben, weil kein Platz mehr im Flugzeug war.

"Es ist so ungerecht"

"Es ist so schwer", erzählt Yasaman, "auf einmal wird man aus dem Land rausgerissen, in dem man aufgewachsen ist und in ein Land abgeschoben, das man gar nicht kennt und in dem man sich nicht sicher fühlt."

Seit 2012 hatte die Familie in Deutschland gelebt. Die Eltern waren geflohen, weil sie sich eine bessere Zukunft für ihre Tochter erhofften. In Büdingen wurden sie heimisch. "Wir hatten ein Haus, Auto, meine Eltern hatten beide Arbeit", sagt Yasaman. "Ich verstehe das nicht, es ist so ungerecht." Doch seit Jahren waren die Familie nur geduldet, nachdem ein Asylantrag abgelehnt worden war.

Nach Einschätzung des Hessischen Flüchtlingsrats hätte die Familie die Voraussetzungen für das Bleiberecht erfüllen können. Sie hätte dafür aber beraten werden müssen, was das Land Hessen nicht vorsieht. Und so stellte sie die entsprechenden Anträge nicht. "Weil sie es nicht wussten, weil Ausländerrecht sehr, sehr kompliziert ist und sich dauernd ändert", sagt Geschäftsführer Timmo Scherenberg. Er sieht die UN-Kinderrechtskonvention "in eklatanter Weise" verletzt, nach der bei allen staatlichen Maßnahmen das Kindswohl zu berücksichtigen ist.

Abschiebung ohne Vorwarnung

Der Tag der Abschiebung fing dabei so gut an für Yasaman: Sie war mit einer Freundin, die sie lange nicht gesehen hatte, zum Mittagessen verabredet. Die beiden Mädchen saßen quatschend in ihrem Zimmer, als es an der Tür klingelte. Vier Polizisten waren gekommen, um die Familie zum Flughafen zu bringen.

Die Familie konnte es nicht glauben, kramte Arbeits- und Schulunterlagen hervor, Tanten kamen und versuchten zu vermitteln, Mutter und Tochter weinten vor Angst. Die Polizei blieb unerbittlich.

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Frauenrechte in Iran

Frauen sind durch die in Iran angewandte Scharia in fast allen Rechtsbereichen stark benachteiligt. Einige Beispiele: Es herrschen Verschleierungspflicht und weitere Kleidungsvorschriften, die von einer Sittenpolizei streng kontrolliert werden. Mädchen dürfen zwangsverheiratet werden. Ihre Ehemänner haben "das Recht" auf die sexuelle Verfügbarkeit der Ehefrau und dürfen dies auch mit Gewalt durchsetzen. Ohne Zustimmung ihres Ehemannes oder Vormundes erhalten iranischen Frauen keinen Pass, um ins Ausland zu reisen.

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Eine Vorwarnung - etwa einen Brief der Behörden - habe es nicht gegeben, sagt Yasaman. Mitnehmen konnten sie nur einen Koffer mit dem Nötigsten. Das erste, was sie nach der Ankunft aufsetzen musste, war ein Kopftuch, erinnert sich die 13-Jährige: "Das war schrecklich für mich. Wenn man fast sein ganzes Leben in einem freien Land gelebt hat, ist es schwer, plötzlich total eingeschränkt zu sein."

Schulen wegen Corona geschlossen

In Deutschland hatte sie sich gerade von der Haupt- in die Realschule hochgearbeitet, hatte Freundinnen, Hobbys, Sicherheit. "Als wir in Iran angekommen waren, dachte ich: Wow, jetzt habe ich mein ganzes Leben verloren."

Wie es dort weitergehen könnte, weiß sie nicht. Sie müsse Persisch lernen, sagt sie, bislang kann sie sich gerade mal mit ihrer Mutter unterhalten, schreiben kann sie noch nicht. Das wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben: Die Schulen sind in Iran seit zwei Jahren wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Und so hat sie kaum etwas zu tun, geht kaum raus. Die einzige Ablenkung ist das Handy, über das sie mit ihren Freundinnen in Kontakt bleibt.

"Ich habe nur einen Geburtstagswunsch"

Auch finanziell steht die Familie vor dem Nichts, Arbeit gibt es für die Eltern nicht. Und auch keine ausreichende Versorgung für die krebskranke Mutter. An den Krebs habe die Mutter in Deutschland kaum gedacht, sagt Yasaman: "Meine Mutter war einfach glücklich, dass sie etwas in ihrer Hand hatte, um mich glücklich zu machen. Und das wurde ihr genommen." Die 13-Jährige hat nur ein Ziel: "Ich bin doch in Deutschland aufgewachsen, ich möchte zurück in mein Land."

Dafür habe sich die Familie jetzt einen Anwalt genommen. Mutter und Tochter wollen alle Möglichkeiten für eine Rückkehr ausloten - auch wenn das bedeuten würde, vom Vater getrennt zu sein. Denn dieser hat nun eine fünfjährige Ausreisesperre aus Iran - weil er selbst wieder eingereist ist. "Ich werde bald 14", sagt Yasaman. "Ich habe nur einen Geburtstagswunsch: Dass ich zurück kann."

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