KFZ-Azubi Lukas steht unter einem Auto

Die Stiftung Beiserhaus feiert ihr 175-jähriges Bestehen. Seit Generationen hilft sie Kindern und Jugendlichen mit schwierigen Schicksalen, eine neue Perspektive zu finden - so wie Lukas Wardehn, der nach dem frühen Tod seiner Mutter auf die schiefe Bahn geriet.

  • Die nordhessische Stiftung Beiserhaus wird 175 Jahre alt
  • Gegründet wurde die Stiftung als "Rettungsanstalt für verwahrloste Jugendliche"
  • 250 Erzieher und Sozialpädagogen kümmern sich um rund 350 junge Menschen
  • Lukas Wahrdehn hat mit Hilfe der Stiftung den Weg aus der Kriminalität zurück ins Leben gefunden
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"Ich war am Abgrund. Es hätte nicht tiefer gehen können." Diese deutlichen Worte findet Lukas Wardehn heute, wenn er über seine Vergangenheit spricht. Seine letzte Station, bevor er in die Wohngruppe der Stiftung Beiserhaus in Knüllwald gekommen ist: das Gefängnis.

Er hatte gestohlen und mehrere Einbrüche begangen - drei Monate saß er in Untersuchungshaft. Vorher hatte er schon in vier unterschiedlichen Heimen gelebt. Wenn er nicht hierher gekommen wäre, dann wäre er wohl immer noch kriminell, dann würde er immer noch "Scheiße bauen", wie der 21-Jährige selbst sagt.

Portrait von Direktor Harald Recke

Alles beginnt mit dem Tod seiner Mutter und dem Zerwürfnis mit dem Vater. "Ich habe dann viel mit meinem Bruder gemacht. Der ist sehr kriminell gewesen und war auch schon zwei Jahre in Haft." Dass er den Absprung schafft, hätte er noch vor wenigen Jahren selbst nicht gedacht.

Doch mit den Hilfsangeboten der Stiftung gelingt es ihm: Er macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechantroniker in einer der Lehrwerkstätten der Stiftung und lebt in einer Wohngruppe. Parallel zum ersten Lehrjahr hat er seinen Schulabschluss nachgeholt: Notendurchschnitt 1,2.

Als "Rettungsanstalt für verwahrloste Jugendliche" gegründet

Geschichten wie die von Lukas motivieren Harald Recke, den Direktor der Stiftung Beiserhaus, ganz besonders. "Der Erfolg ist letztendlich, wenn Kinder und Jugendliche ihre Ziele hier erreichen und ihren Weg ins Leben finden. Das haben wir bei vielen hingekriegt", sagt er. "Wenn man so eine Arbeit hat und so etwas feststellen kann, dann ist das auch ein Geschenk."

Am Freitag feiert die Stiftung ihr 175-jähriges Bestehen. Ein Pfarrer aus Kassel hatte sie 1844 als "Rettungsanstalt für verwahrloste Jugendliche" gegründet, um diejenigen zu unterstützen, die unter schwierigen Bedingungen aufwuchsen. An der Zielsetzung hat sich im Laufe der Jahrzehnte wenig geändert, an der Pädagogik und den Angeboten dagegen sehr viel.

Heute kümmern sich knapp 250 Erzieher und Sozialpädagogen um rund 350 junge Menschen. Hier bekommen sie ambulante Hilfe, einen Ausbildungsplatz oder ein Zimmer in einer der verschiedenen Wohngruppen. Inzwischen ist die Stiftung an 18 Standorten in Nordhessen und Thüringen vertreten.

Azubi Lukas und sein Ausbilder beugen sich über eine Motorhaube

Straffällig gewordene Jugendliche wie Lukas finden hier genauso einen Platz wie junge schwangere Frauen oder Geflüchtete. "Kinder und Jugendliche werden in völlig unterschiedliche Familienverhältnisse hineingeboren. Es gibt viele Schicksale, bei denen eine familienergänzende oder zeitlich auch mal -ersetzende Familie einfach erforderlich ist", sagt Recke.

Intensive Betreuung

Das Engagement der Mitarbeiter schätzt Lukas. "Die ersten Wochen, die ich hier war, habe ich gemerkt, wie intensiv die sich mit den Jugendlichen beschäftigen, wie sie einem weiterhelfen wollen. Nicht nur weil es ihr Job ist, sondern weil sie helfen wollen. Deswegen bin ich auch froh, hier zu sein."

Die Jugendlichen selbst Entscheidungen treffen lassen, ihnen auf Augenhöhe begegnen – das sei hier besonders wichtig, sagt Lukas' Ausbilder. Mehr als 16 Jahre lang hat er in einer "normalen" Kfz-Werkstatt gearbeitet, bevor er pädagogisch speziell geschult wurde und angefangen hat, für die Stiftung Beiserhaus Jugendliche auszubilden. Mit Lukas ist er sehr zufrieden - pünktlich, freundlich, auch im Gespräch mit den Kunden sehr nett.

Schon immer habe er etwas mit Technik und Autos machen wollen, erzählt Lukas. "Die Ausbildung macht mir viel Spaß." Schon in zwei Jahren könnte er fertig ausgebildeter Kfz-Mechantroniker sein. "Ich bin jetzt wieder voll dabei, das sage ich mir jeden Morgen. Da kann man nur positiv und glücklich sein." Angst, wieder straffällig zu werden, hat er nicht. "Weil ich jetzt alles habe, was ich mir vorstellen kann. Einen Schulabschluss, eine Ausbildung, und ich mache einen Führerschein. Es gibt keinen Grund für mich, wieder kriminell zu werden."

Weitere Informationen

Aktionstag zum Jubiläum

Das Jubiläum feiert die Stiftung Beiserhaus am 30. August in Knüllwald-Rengshausen mit einem großen Fest. Neben einem Zauberer und einer Tanzgruppe gibt es für die Jüngeren auch eine Hüpfburg und Ponyreiten. Interessierte können außerdem die Werkstätten besichtigen.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.08.2019, 19.30 Uhr