Das AWO-Logo vor einem Haufen Euo-Scheine

Kasse machen mit Flüchtlingsheimen: Der Frankfurter AWO-Chef Triantafillidis hat an Verträgen einst 182.000 Euro verdient, wo nach städtischer Berechnung 2.000 Euro angemessen waren. Das wirft Fragen auf, auch an Sozialdezernentin Birkenfeld (CDU).

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zum Video Die wundersame Honorarvermehrung bei der AWO

hessenschau vom 06.01.2020
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Es herrschte offensichtlich Goldgräberstimmung bei einigen Frankfurter AWO-Verantwortlichen, als sie 2016 zwei Flüchtlingsheime für die Stadt Frankfurt einrichteten. Für den Anwalt Panagiotis Triantafillidis lohnte sich der Auftrag jedenfalls. Für die Gestaltung der Verträge zwischen dem Sozialverband und der Kommune wurde er seinerzeit fürstlich bezahlt.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft in Sachen AWO-Flüchtlingshilfe wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug in Millionenhöhe. Es geht um Sicherheitsdienstleistungen und Sportangebote, die sich die AWO von der Stadt bezahlen ließ. Aber auch das öffentlich bereits bekannte 182.000-Euro-Honorar von Triantafillidis wirft noch immer Fragen auf. Denn das Rechtsamt der Stadt hatte nach hr-Informationen gerade einmal ein Hundertstel der Honorarsumme für angemessen gehalten.

Vize-Chef, Sonderbeauftragter, Honorarempfänger

Den von Affären um üppige Gehälter, Beraterhonorare und Dienstwagen geschüttelten Frankfurter AWO-Kreisverband führt der Jurist neuerdings als einer von zwei hauptamtlichen Vorstandsvorsitzenden. Seinerzeit spielte er bei der AWO Frankfurt nicht nur als Anwalt eine Rolle. Er war auch ehrenamtliches Vorstandsmitglied. Ende 2016 wurde er zudem Sonderbeauftragter der Geschäftsführung für Bauen und Immobilien. Die Frankfurter AWO-Geschicke lenkte da noch Jürgen Richter, der vor kurzem unter dem Druck der Vorwürfe zurücktrat.

Bei der bis vergangenen Herbst von Richters Ehefrau Hannelore geführten AWO Wiesbaden war Triantafillidis auch noch aktiv, als ehrenamtlicher Revisor. Auch dieser Kreisverband ist in die Schlagzeilen geraten, nicht zuletzt wegen des hohen Geschäftsführergehalts, das Frau Richter bezog. Und dem Ehepaar Richter und anderen AWO-Funktionären war Triantafillidis noch anderweitig verbunden: als Geschäftsführer des 2016 gegründeten Beratungsunternehmens Consowell, über das lukrative Beraterverträge abgewickelt wurden.

Anzeige geprüft, Anzeige verworfen

Als Anwalt Triantafillidis die Rechnung wegen der Verträge über die Frankfurter Flüchtlingsheime stellte, galt das Besteller-Prinzip: "Die AWO macht, die Stadt bezahlt." Und so reichte die Arbeiterwohlfahrt seine Honorarforderung mit der Bitte um Erstattung an Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) weiter.

Aufmerksamen Mitarbeitern im Rechtsamt fiel der Betrag unangenehm auf. Sie rechneten nach und kamen auf ein Honorar, das gerade einmal bei etwas mehr als einem Prozent der Forderung hätte liegen sollen. Bei zehn Arbeitsstunden à 200 Euro plus 30 Euro für Post und Telefon wären demnach rund 2.000 Euro vertretbar gewesen, nicht 182.000 Euro.

Verrechnet, oder ...?

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Sozialdezernat: Warten auf AWO-Prüfbericht

Das Frankfurter Sozialdezernat rechnet nicht vor Ende des Monats mit einem Bericht des Revisionsamtes zur wirtschaftlichen Verwendung städtischer Zuschüsse an die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt. Das sagte eine Sprecherin von Dezernentin Birkenfeld (CDU) am Montag. Die Stadt suche auch das Gespräch mit dem AWO-Bundesverband, der mit einer eigenen Prüfung auf Aufklärung und Transparenz dringe. Für den Nachmittag war den Angaben zufolge ein Gespräch Birkenfelds mit Wolfgang Stadler, dem Vorstandsvorsitzenden der AWO, geplant.

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Fachleute im Rechnungsamt glauben nicht, das Triantafillidis sich verrechnet hat. Behördenübergreifend war die Höhe der Rechnung deshalb ein Thema, bestätigte eine Sprecherin des Sozialdezernats dem hr auf Anfrage. Sozialdezernentin Birkenfeld hat sich demnach mit den Leitern der Innenprüfung und des Rechtsamtes beraten, ihnen lag ein Prüfbericht vor.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hohes Honorar für AWO-Vorstand Triantafillidis

Panagiotis Triantafillidis, Vorstandsvorsitzender der AWO Frankfurt (4. von rechts), mit Kollegen von der AWO und der Consowell GmbH. Mit dabei: Ex-AWO-Chef Jürgen Rchter (li.).
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In dem Gespräch ging es auch darum, ob nicht eine Strafanzeige erstattet werden sollte. Warum unternahm Birkenfeld nichts? "Es bestand Einigkeit darin, davon abzusehen, weil zu dem Zeitpunkt hinreichende Anhaltspunkte für strafbares Verhalten fehlten, das mehr voraussetzen würde als eine Schlechterfüllung von Verträgen", teilt die Sprecherin der CDU-Politikerin mit.

Als Aufklärerin inszeniert

Auch wenn sie diese Rechnung nicht durchgehen ließ: Andere Forderungen in Höhe von 26.000 Euro für Rechtsberatungen zahlte ihr Dezernat der AWO. Dabei sei es ausschließlich um juristische Streitigkeiten mit dem Vermieter des Flüchtlingsheims in der Gutleutstraße gegangen, betont die Birkenfeld-Sprecherin.

Das erwünschte Honorar bekam Anwalt Triantafillidis am Ende doch. Die AWO überwies ihrem heutigen Vorstandsvorsitzenden die 182.000 Euro, wie sie der Frankfurter Neuen Presse schon früher bestätigt hat. Auf eine aktuelle Nachfrage des hr antwortet AWO-Pressesprecher Johannes Frass gereizt: "Die isolierte Betrachtung irgendwelcher herausgegriffener Details ist für einen geordneten Aufklärungsprozess nicht zielführend."

FDP: Sozialdezernentin drückt sich

Nachdem die öffentliche Empörung über Millionenzahlungen an die AWO so gestiegen ist, inszeniert sich Birkenfeld als Aufklärerin - in einem Skandal, den erst Whistleblower offenbarten. In einem Schreiben hat sie die AWO-Ortsvereine aufgefordert, die alte Führungsriege abzulösen. Andernfalls müsse sie prüfen lassen, alle Verträge mit dem Sozialverband zu kündigen.

Kritiker wie Yanki Pürsün besänftigt das nicht. Birkenfeld versuche, "den Ehrenamtlichen in den Ortsvereinen eine Verantwortung aufzuladen, vor der sie selbst sich bislang gedrückt hat", sagt der Sozialpolitiker, der für die FDP im Stadtparlament und im Landtag sitzt. Seiner Meinung nach hätte die Sozialdezernentin alle Verträge mit der AWO kündigen müssen. Stattdessen habe die CDU-Politikerin einen fragwürdigen Aufhebungsvertrag mit der AWO geschlossen.

Forderungen nach Rückzahlung überhöhter Rechnungen schließe die Vereinbarung aus. So werde es schwer, "an Geld zu kommen, das AWO-Funktionäre sich möglicherweise widerrechtlich in die eigene Tasche gesteckt haben", sagt Pürsün. Birkenfelds Sprecherin weist die Vorwürfe zurück: Man sei so weit wie möglich gegangen, um möglichst schnell aus dem Vertrag für die Flüchtlingsheime heraus zu kommen.

AWO zahlte volles Honorar

Und Triantafillidis? Er reagiert erst gar nicht auf wiederholtes Nachhaken zu dem "herausgegriffenen Detail", das ihm 182.000 Euro einbrachte. Auch er will zu den Aufklärern gehören: Im Rahmen einer "Transparenzoffensive" hat er gerade angekündigt, allen Vorwürfen nachzugehen, manche hätten sich auf Kosten der AWO bereichert.

Die Stadt selbst unternimmt derzeit nichts, um Geld von AWO-Verantwortlichen zurückzufordern. Ihre Sprecherin verweist auf die Möglichkeit, dies nach Abschluss der staatsanwaltlichen Ermittlungen nachzuholen.

Weniger geduldig zeigt sich Wolfgang Stadler, Geschäftsführer des AWO-Bundesverbands. Er hat angekündigt, von den Empfängern die Rückzahlung ungerechtfertigt geflossener Gelder zu verlangen. Die Geschichte der 182.000 Euro teuren Anwaltsrechnung ist also vielleicht noch nicht zu Ende.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 06.01.2020, 16.45 Uhr