Frankfurter Weg in der Drogenpolitik

In den 1990er Jahren gilt Frankfurt als Drogen-Hochburg. Die Stadt reagiert mit einer Doppelstrategie, die später als "Frankfurter Weg" Schule machen wird. Eine Zwischenbilanz nach 25 Jahren.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 25 Jahre "Druckraum" in Frankfurt

Frankfurter Weg in der Drogenpolitik
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In den 1980er und 1990er Jahren ist die Frankfurter Drogenszene außer Kontrolle geraten. Die Stadt gilt als Drogenhochburg. In Grünanlagen und im Bahnhofsviertel konsumieren die Abhängigen ihren Stoff. Sie benutzen dreckige, gebrauchte Spritzen, holen sich dadurch zusätzlich Infektionserkrankungen, auch HIV. Viele sterben.

"Wir hatten eine katastrophale Situation im öffentlichen Raum. In der Taunusanlage. Damals wurden die Drogen konsumiert in Kloschlüsseln in irgendwelchen Ecken im Bahnhofsviertel oder anderswo“, erinnert sich der heutige Gesundheitsdezernent Stefan Majer.

147 Drogentote in einem Jahr

Den traurigen Höhepunkt stellt das Jahr 1991 dar. Damals zählt die Stadt 147 Drogentote. Die Behörden reagieren mit einer Mischung aus hartem Durchgreifen und alternativen Angeboten.

Die Polizei räumt die Drogenszene in der Taunusanlage. Drei Jahre später, vor nun genau 25 Jahren, öffnet mit dem "Eastside" im Frankfurter Ostend Deutschlands erster Drogenkonsumraum. Frankfurts Idee einer liberalen Drogenpolitik: Abhängige können hier unter Aufsicht mitgebrachte Drogen konsumieren. Das Zubehör wie saubere Spritzen und destilliertes Wasser bekommen sie gestellt. Damit will die Stadt die Kontrolle zurück gewinnen und den Junkies helfen.

Förderung des Drogenkonsums?

Nach und nach öffnen drei weitere Drogenkonsumräume, auch Druckräume genannt. Diesmal im und in der Nähe des Bahnhofsviertels, einem weiteren Treffpunkt für Drogenabhängige. Das Konzept greift. Die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth zieht Ende der 1990er Jahre eine erste Bilanz: "Dieser Weg den wir jetzt hier in Frankfurt seit 5 Jahren beschreiten gibt uns allein schon daher Recht, als dass die Anzahl der Drogentoten im letzten Jahr bei 22 lag, immer noch zu viel. Während sie vor fünf Jahren noch bei über 140 lag.“

Aber natürlich gibt es auch viele Gegner des so genannten Frankfurter Wegs. Bis heute. Auch in der Bevölkerung bestehen Vorbehalte. Der Drogenkonsum werde durch die Druckräume noch unterstützt, ja regelrecht gefördert, sagen Kritiker. Doch die Stadt Frankfurt geht noch weiter. 2002 folgt der nächste große Schritt: Die kontrollierte Heroin-Abgabe wird eingeführt. Nach Schweizer Vorbild erhalten langjährig und schwerst Drogenabhängige auf Rezept und unter strenger ärztlicher Aufsicht Heroin vom Arzt.

4.500 Abhängige nutzen Konsumräume

Frankfurter Weg in der Drogenpolitik

"Unterm Strich profitieren wir alle davon. Denn das Heroin wird ansonsten über Beschaffungskriminalität besorgt. Dann ist es besser wir machen es auf diesem Weg. Heute ist das auch selbstverständlich, damals war es eine Revolution“, verteidigt Gesundheitsdezernent Majer das Konzept.

Aktuell, Stand 2019, hat sich die Zahl der Drogentoten in Frankfurt bei 20 bis 30 im Jahr eingependelt. 2018  wurden in den vier Drogenkonsumräumen in Frankfurt knapp 200.000 Mal Drogen konsumiert. Etwa 4.500 Abhängige nutzen laut Stadt die Räume jedes Jahr. Einige nur gelegentlich, manche täglich. 85 Prozent der Nutzer sind Männer. 2018 kam es zu 385 medizinischen Notfällen, im Vorjahr waren es 322. Der Anstieg lässt sich laut Drogenreferat nicht eideutig erklären, "da die Ursachen für eine Überdosierung vielfältig und individuell sehr unterschiedlich sind oder sein können."

Öffnung für weitere Hilfsangebote

Das Gesundheitsdezernat schätzt, dass es in Frankfurt insgesamt etwa 5.000 Drogenabhängige gibt, das bedeutet, dass die Konsumräume rechnerisch fast alle erreichen. Die Abhängigen setzen sich im Druckraum - in Ruhe und unter Aufsicht - einen Schuss oder inhalieren Crack. Die Räume stellten "eine Rückzugsmöglichkeit dar für die Abhängigen zu dem täglichen Leben auf der Straße" dar, sagt der Leiter des Drogennotdienstes in der Elbestraße Wolfgang Barth.

Und sie übernehmen noch eine andere wichtige Funktion. Sie bieten die Chance, in Kontakt mit den Drogenabhängigen zu kommen. "Sie werden erreichbar für uns und wir können dann mit ihnen darüber reden, was vielleicht noch notwendig ist, um ihr Leben und ihre Gesundheit wieder stabilisieren zu können“, sagt Gesundheitsdezernent Majer. Man könne die Menschen in andere Hilfsangebote vermitteln, sie vielleicht von einer Therapie überzeugen oder ihnen helfen, wieder Wohnung und Arbeit zu finden.

 Drogen und Sucht wird es immer geben

Insgesamt hält Majer den Frankfurter Weg für eine Erfolgsgeschichte. Aber in einem Punkt ist er illusionslos: "Wir wissen in allen Kulturen und allen Zeiten, dass wir das nicht schaffen werden - Wir werden das Drogenproblem nicht lösen können.“

Süchtige habe es immer und werde es immer geben. Die entscheidende Frage sei, wie man mit ihnen umgehe.

Sendung: hessenschau, hr-fernsehen, 02.Dezember 2019, 19.30 Uhr