Auf einer Tafel im Außenbereich eines gastronomischen Betriebes steht "Ab heute nur noch 2 G Plus" geschrieben.

Bald gilt in Hessen flächendeckend 2G-Plus in der Gastronomie. In Hotspots wie Darmstadt oder Fulda durften die Betriebe die neue Realität bereits erleben. Ihre Erfahrungen sind durchweg negativ.

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Darmstadt führt 2G-Plus-Bändchen ein

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Die flächendeckende Einführung von 2G-Plus in der Gastronomie schwebt wie ein Damoklesschwert über der Branche. Am Dienstag hatte die Landesregierung mitgeteilt, den entsprechenden Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz auch in Hessen zeitnah umzusetzen. Dann dürfen nur noch Gäste bewirtet werden, die entweder geboostert sind oder zweifach geimpft und einen tagesaktuellen Test vorweisen können - unabhängig von der jeweiligen Inzidenz vor Ort.

Bereits mit 2G hatten viele Gastronomie-Betriebe mit Umsatzeinbußen zu kämpfen, die Befürchtung, durch 2G-Plus könnte alles noch schlimmer werden, ist groß.

Umsätze im Keller

In den sogenannten Corona-Hotspots, wo die Inzidenz schon länger über 350 liegt, durften Gastronomen bereits erfahren, was 2G-Plus bedeutet. Schlimme Vorahnungen bewahrheiteten sich vielerorts.

Für Petra Klein, Inhaberin des Traditions-Lokals "Ratskeller" im Herzen Darmstadts, kam es sogar noch schlimmer als befürchtet. "Ich habe mit etwa 50 Prozent Umsatzrückgang durch 2G-Plus gerechnet. In der Realität sind es aber fast 80 Prozent", klagt die Gastwirtin im Gespräch mit dem hr.

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„Eigentlich müssten wir dicht machen“ Wirtin Petra Klein Wirtin Petra Klein
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Wirtin Petra Klein vom Ratskeller in Darmstadt

Und zwar 80 Prozent im Vergleich zu den ohnehin schon niedrigen Umsätzen bei 2G. "Ich komme morgens in den Betrieb und weiß genau: Heute mache ich wieder Verluste." In Darmstadt gelten die strengeren Hotspot-Regeln seit vergangenen Samstag.

Keine wirtschaftlichen Argumente

Rein wirtschaftlich gäbe es keinen Grund, die Tür morgens aufzuschließen, erzählt Klein. "Eigentlich müssten wir dicht machen", das würde die Verluste des "Ratskeller" sogar geringer halten, vermutet sie. Aber das bringt die Gastwirtin, die auch ihr eigenes Bier braut, nicht übers Herz: "Wir haben viele Stammgäste, für manche ist der Ratskeller ihr zweites Wohnzimmer."

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„Ein weiterer Schlag ins Gesicht“ Thilo Hanke Thilo Hanke
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Wirt Thilo Hanke vom Braustüb'l in Darmstadt

So sieht das auch Thilo Hanke, der das Brauhaus "Braustüb'l" gegenüber dem Darmstädter Hauptbahnhof betreibt. "Eigentlich lohnt es sich nicht wirklich, aber für unsere Stammgäste bleiben wir geöffnet. Wir ziehen das jetzt durch", sagt der Wirt. Die Einführung von 2G-Plus in der Gastronomie empfinde er als "weiteren Schlag ins Gesicht". Sein Umsatz sei dadurch noch einmal um rund die Hälfte eingebrochen.

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„Die aktuelle Situation gleicht für uns einem Lockdown“ Denis Lukman Denis Lukman
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Gastwirt Denis Lukman vom Weinhaus in Fulda

Auch das "Weinhaus" im Hotspot Fulda, ein Restaurant mit angeschlossenem Weinhandel, gerät immer weiter in Bedrängnis. "Die Situation wird durch die 2G-Plus-Regelung immer schwieriger. Wir haben gravierende Umsatzeinbußen", sagt Inhaber Denis Lukman. Der Betrieb sei fast zum Erliegen gekommen. Unter der Woche sei extrem wenig los, und auch der Wochenend-Betrieb reiche nicht aus, um die Einbußen wettzumachen. "Die aktuelle Situation gleicht für uns einem Lockdown", klagt der Gastwirt.

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„Wenn, dann sollten diese Beschränkungen auch für andere Branchen gelten.“ Felix Wessling Felix Wessling
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Gastwirt Felix Wessling (Fulda)

Gründe zum Klagen hat auch Felix Wessling, der die Kneipe "Heimat" und das Café "Alte Schule" in Fulda betreibt. Er bezeichnet seine Situation schlichtweg als "katastrophal". Wegen des schlechten Weihnachtsgeschäfts habe er sich kein finanzielles Polster aufbauen können, jetzt komme auch noch 2G-Plus hinzu. Um die Kosten zu drücken und wenigstens kurz durchatmen zu können, macht Wessling seine Läden Anfang Februar für zwei Wochen dicht. Wie es danach weitergeht, weiß er noch nicht.

Durch 2G-Plus fühlt sich Wessling ungerecht behandelt: "Es ist unverhältnismäßig, dass wir das in der Gastronomie bekommen haben. Wenn, dann sollten diese Beschränkungen auch für andere Branchen gelten."

Gastronomieverband kritisiert flächendeckende Einführung

Der Hotel- und Gastronomieverband Dehoga kann grundsätzlich nachvollziehen, dass für Restaurants, Bars und Cafés strengere Regeln gelten als etwa für den Einzelhandel. "Schließlich befinden wir uns hier hauptsächlich in Innenräumen und das auch noch ohne Maske", sagt Julius Wagner, Geschäftsführer des Landesverbands Hessen, dem hr. Wenig Verständnis hat er dagegen für die Entscheidung, 2G-Plus nun losgelöst von den jeweiligen Inzidenzen überall einzuführen. "Das halten wir für unverhältnismäßig."

In Darmstadt versucht man das Problem jetzt aktiv anzugehen. Seit diesem Freitag werden an verschiedenen Ausgabestellen in der Stadt sogenannte 2G-Plus-Bändchen verteilt, die unkompliziert Zutritt zur Gastronomie verschaffen sollen. Die Bändchen werden nur an Menschen ausgegeben, die bereits eine Booster-Impfung erhalten haben.

Darmstadt führt 2G-Plus-Bändchen ein

Petra Klein, die Inhaberin des "Ratskellers", hat sich sehr für die Einführung dieser Bändchen, die es in anderer Form bereits für den Einzelhandel gibt, stark gemacht. "Damit werden für viele Menschen die Barrieren abgebaut, und sie kommen vielleicht doch mal wieder für einen Kaffee oder ein schnelles Bier in die Gastronomie", hofft Klein. Und offenbar wird das Konzept angenommen: Von den ersten zehn Gästen am Freitagvormittag hätten im "Ratskeller" bereits sechs das Bändchen getragen.

Für "Braustüb’l"-Wirt Thilo Hanke ist das 2G-Plus-Bändchen hingegen keine Lösung: "Das Risiko des Betrugs ist mir zu groß." Er habe bereits im Einzelhandel erlebt, dass Personen die Bänder an andere weitergegeben hätten. Er werde weiterhin alle Gäste kontrollieren, auch wenn es dann mal wieder länger dauert. "Da müssen wir jetzt alle durch."

Er hofft hingegen auf besseres Wetter und sinkende Corona-Zahlen: "Wenn die Leute wieder rausgehen, geht's bergauf." Doch bis es soweit ist, kommen auf die Gastronomie wohl noch viele kalte und harte Wochen zu.

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