Besucher an der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Rasdorf am Mahnmal für die Deutsche Teilung und Wiedervereinigung.

Wo einst der Eiserne Vorhang im Kalten Krieg verlief, wird dieser Tage gefeiert: 30 Jahre Wiedervereinigung. Doch ganz unbeschwert kann die Gedenkstätte Point Alpha dem Anlass nicht entgegenblicken.

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hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 03.10.2020
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30 Jahre Deutsche Einheit - ein Grund zum Feiern. Doch heitere Sekt-Laune herrscht in Hessens namhaftester Grenzgedenkstätte an der Landesgrenze zu Thüringen nicht. Point Alpha hat Sorgen. Das ist zwar zuletzt nichts Ungewöhnliches gewesen für die zugehörige Stiftung. Doch auch mit der neuen Führungsspitze lösen sich die Probleme nicht in Luft auf.

Einschränkungen durch die Corona-Krise, anhaltende Finanzprobleme, die Suche nach Geldgebern und großer Modernisierungsaufwand sind nur einige der Baustellen, die sich dem neuen Geschäftsführer Sebastian Leitsch (35) bei Point Alpha ergeben.

Gedenkstätte erinnert an Kalten Krieg

Point Alpha ist der Name eines Beobachtungsposten der US-Armee an der ehemals innerdeutschen Grenze. Im Kalten Krieg standen sich zwischen dem osthessischen Rasdorf (Fulda) und dem benachbarten Geisa (Thüringen) zur DDR-Zeiten die Militärblöcke von Ost und West gegenüber.

Die Gedenkstätte Point Alpha an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

Die künftigen Aufgaben für die nach Personal-Querelen krisengeschüttelte Gedenkstätte sollen in den kommenden Tagen aber erst einmal in den Hintergrund treten. Bereits am Freitag - einen Tag vor dem Tag der Deutschen Einheit - wird es feierlich und staatstragend. Im ehemaligen US-Militärcamp in Rasdorf wird ein Festakt veranstaltet.

Ex-Politstar Karl-Theodor zu Guttenberg redet beim Festakt

Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

Zu Gast als prominenter Redner wird der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sein. Zu Guttenber galt zeitweise als einer der aufstrebendsten deutschen Politiker. 2009 wurde er im Alter von erst 37 Jahren zum Bundeswirtschaftsminister ernannt. Im Jahr 2011 musste er aber zurücktreten. Er hatte ganze Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben und vorsätzlich getäuscht.

Coronabedingt weniger Zuschauer zugelassen

Unangemeldete Besucher können bei dem Festakt (16.30 Uhr) aber keinen Blick auf zu Guttenberg werfen. Coronabedingt sind nur 150 Teilnehmer zugelassen - und alle Plätze sind bereits vergeben. Die Obergrenze von 150 Personen gilt auch am Sonntag, wenn in der Gedenkstätte ein ökumenischer Gottesdienst zelebriert wird (10 Uhr).

Abgehalten wird der Gottesdienst unter anderem vom Fuldaer Bischof Michael Gerber als Vertreter der katholischen Kirche. Die Veranstaltung ist bereits ausgebucht, wird aber online übertagen. Der traditionelle Familientag mit Spezialitätenmarkt und Unterhaltungsprogramm fällt der Corona-Pandemie zum Opfer.

Offene Museumsführungen für Besucher

grenzenlos

Am Freitag und Samstag, 2. und 3. Oktober, gibt es aber offene Museumsführungen. Zudem hat die Gedenkstätte zu den regulären Eintrittspreisen geöffnet. Zu sehen sind an dem historischen Ort die klassischen musealen Angebote im Haus auf der Grenze und im US-Camp. Dazu gibt es unter freiem Himmel einen Blick auf die früheren Grenzsperranlagen des Eisernen Vorhangs sowie die Kunst-Installationen auf dem "Weg der Hoffnung".

Aktuell läuft auch eine Sonderausstellung namens "30 Jahre Deutsche Einheit: Umbruch Ost. Lebenswelten im Wandel". Im Zentrum stehen die Wende-Erfahrungen der Ostdeutschen.

"Die Lage ist angespannt"

Im laufenden Jubiläumsjahr kamen nach wochenlanger Corona-Zwangspause zwar wieder mehr Besucher zu Point Alpha. Doch wegen der Teilzeit-Schließung fehlen Einnahmen. Der neue Geschäftsführer Leitsch sagt zur finanziellen Situation: "Die Lage ist angespannt." Im vergangenen Jahr waren insgesamt 75.000 Besucher gezählt worden.

Es fehlen nicht nur Eintrittsgelder in der Kasse. Auch die Einnahmen aus dem angelegten Stiftungskapital fallen aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase geringer aus. Die Stiftung will deswegen versuchen, mehr Geld von den Ländern Hessen und Thüringen zu erhalten. "Das müssen wir künftig erörtern und darüber sprechen, wie wir die Stiftung aufstellen wollen", sagte Leitsch. Der zusätzliche Finanzbedarf wurde zuletzt mit 500.000 Euro pro Jahr beziffert.

2008 gab es knapp zehn Millionen Euro Kapital

Das Kapital der seit 2008 arbeitenden Stiftung kam vom Bund, aus Thüringen und Hessen, aus dem Landkreis Fulda und dem Wartburgkreis sowie von der Stadt Geisa und der Gemeinde Rasdorf. Knapp zehn Millionen Euro waren es damals, um etwa den Ort und die Gebäude zu bewahren.

Die Gedenkstätte widmet sich aber auch der historischen und politischen Bildung sowie der Förderung der Wissenschaft. Sie vermittelt vor allem der jungen Generation aus dem geschichtlichen Kontext heraus, aber auch direkt die Bedeutung von Grundwerten wie Demokratie, Freiheit, Menschenrechten und Völkerverständigung.

Bildungslücken: "Hier gab’s mal eine Grenze?"

Kolonnenweg an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze bei "Point Alpha" zwischen Rasdorf und Geisa in der Rhön mit Skulpturen des Kunstprojektes "Wege der Hoffnung", entworfen und gefertigt von dem Bildhauer Dr. Ulrich Barnickel aus dem hessischen Schlitz.

Wie wichtig diese Arbeit ist, erfahren auch immer wieder Gästeführer an Point Alpha. Wenn es um den Bildungsstand junger Menschen geht, machen sie erstaunliche Beobachtungen: "Ach was: Hier gab’s mal eine Grenze? Warum?", heiße es da zuweilen von Besuchern. Die Erinnerungen wach zu halten - das ist auch eines der Ziele, die sich der neue Geschäftsführer Leitsch gesetzt hat. Er leitet die Stiftung zusammen mit dem wissenschaftlichen Leiter Roman Smolorz.

Leitsch hat die Nachfolge von Ricarda Steinbach angetreten. Die Stiftung hatte der hauptamtlichen Direktorin im November 2018 nach internen Differenzen fristlos gekündigt. Dagegen klagte sie. Beendet wurde der Streit im Januar 2020 mit einem Vergleich. Leitsch wollte nicht kommentieren, wie sehr diese Querelen der Stiftung geschadet haben. Er wolle lieber "in die Zukunft blicken und die Geschehnisse der Vergangenheit hinter sich lassen".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 02.10.2020, 16.45 Uhr