Neubau der Uniklinik Gießen

Die Gießener Uniklinik will mit einer satten Einstiegsprämie von 5.000 Euro neue Pflegekräfte gewinnen. Corona mache es nötig, argumentiert das Krankenhaus. Die bestehende Belegschaft empfindet den Bonus als "Klatsche".

Audiobeitrag

Audio

Audioseite UKGM: Bestandsmitarbeiter empfinden Bonus als "Klatsche"

Originalanzeige des Klinikums Giessen-Marburg
Ende des Audiobeitrags

"Innovativ, familienfreundlich, nah am Patienten", so wirbt das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) online um neue Pflegekräfte. Ob auf der Neugeborenen-Intensivstation, der Kinder-Kardiologie, Pneumologie oder Notaufnahme: Die Liste der offenen Stellen ist derzeit lang.

Besonders groß ist der Pflegekräftemangel aber offenbar auf der Intensivstation am Standort Gießen: Das UKGM bietet neuen Intensivpflegerinnen und -pflegern jetzt eine satte Einstellungsprämie von 5.000 Euro. Als Bedingung müssen sie Vollzeit arbeiten und sich verpflichten, mindestens zwei Jahre zu bleiben.

Uniklinik Gießen versorgt die meisten Intensivpatienten in Hessen

In einer schriftlichen Stellungnahme begründet Klinikdirektor Werner Seeger den Personalmangel hauptsächlich mit der hohen Belastung durch die Corona-Pandemie. Das Universitätsklinikum Gießen versorge bei weitem die meisten Intensivpatientinnen und -patienten aller Krankenhäuser in Hessen; während der Pandemie habe sich die Lage weiter zugespitzt. Die Uniklinik habe eine zentrale Versorgungsrolle für die gesamte mittelhessische Region und darüber hinaus eingenommen.

"Im Maximum dieser Pandemie versorgte das Klinikum in Gießen mehr als 100 stationäre Corona-Patienten zeitgleich, davon 50 Prozent unter künstlicher Beatmung auf den Intensivstationen, viele davon an eine künstliche Lunge angeschlossen", so Professor Seeger. Auch diese Zahlen würden die durchschnittlichen Werte der anderen Krankenhäuser mehrfach übersteigen.

Pflegekräfte von "essentieller Bedeutung" für Versorgungspflicht

Aus der hohen Belastung des Pflegebereiches auf den Intensivstationen sei ein teilweise erhöhter Krankenstand resultiert. Zudem seien Pflegekräfte aus Altersgründen oder um sich eine neue Funktion zu suchen ausgeschieden. Angesichts der wieder steigenden Coronazahlen sei es nun "von essentieller Bedeutung für die Versorgungspflicht", zusätzliche Pflegekräfte zu gewinnen.

Arzt Hendrik Halfar (rechts) und Krankenpfleger Markus Dienst bei der Behandlung eines Covid-19-Patienten im Uniklinikum Gießen

Der 5.000-Euro-Bonus soll gezahlt werden, bis der notwendige Personalstand erreicht ist. "Wir wissen sehr wohl, dass ein Eintritt in diesen Bereich mit einer hohen persönlichen Belastung und zum Teil auch mit einem persönlichen Infektionsrisiko verbunden sein wird", so Seeger. Dies wolle man mit dem Bonus anerkennen und zugleich weniger auf kostenintensive Leiharbeiter zurückgreifen.

Uniklinik Marburg: Kritik an Arbeitsbedingungen

Pflegekräftemangel ist am UKGM schon länger ein Thema. Neben der gestiegenen Corona-Belastung gab es erst vor kurzem erneut Kritik an den Arbeitsbedingungen an Deutschlands einziger privatisierter Universitätsklinik. Insbesondere seit der Übernahme durch den Asklepios-Konzern würden laut Betriebsrat immer mehr Pflegekräfte aus Unzufriedenheit an andere Krankenhäuser wechseln wollen.

Demonstranten mit Transparent gegen Asklepios.

In der Marburger Gefäßchirurgie hatte kürzlich fast eine komplette Station auf einmal hingeworfen. Ein Großteil der 15 Pflegekräfte wechselte geschlossen an das Evangelische Krankenhaus in Gießen. Auch dort wird seit 2018 eine Einstellungsprämie von 1.000 Euro bezahlt. Der UKGM-Betriebsrat betonte jedoch: Die Pflegekräfte würden nicht wegen der Prämie wechseln, sondern wegen der Arbeitsbedingungen. Das Evangelische Krankenhaus teilte mit, man habe niemanden aktiv abgeworben.

Verdi: Bonus ist "Klatsche" für Bestandsmitarbeiter

Die hohen Bonuszahlungen am UKGM stoßen nun auch auf Kritik. Verdi-Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm sagt: Zwar freue man sich, wenn durch den Bonus neue Leute kommen und Entlastung bringen. Aber diese Prämie sei ein "Vorbeidoktorn am eigentlichen Problem". Das UKGM sollte lieber die Arbeitsbedingungen verbessern, etwa durch einen grundsätzlich höheren Personalschlüssel.

Unverständnis gebe auch bei den bisherigen Intensivpflegerinnen und -pflegern in Gießen. "Mich haben Kolleginnen angerufen, die richtig sauer gewesen sind, nachdem sie davon gehört haben", berichtet Dzewas-Rehm. Die Bestandsmitarbeitenden würden die Prämie als "Klatsche" empfinden: "Die verstehen nicht, dass sie keine Prämie dafür bekommen, dass sie da sind und da bleiben."

Natürlich sei angesichts der hohen psychischen und körperlichen Belastung auch die Bezahlung ein Thema. "Ein Herausstellungsmerkmal wäre aber, wenn das UKGM besser bezahlen würde als alle anderen Arbeitgeber und nicht, dass es die höchste Prämie auslobt."

Teufelskreis: "Wer abwirbt, reißt woanders eine Lücke"

Einstiegsprämien sind grundsätzlich nicht neu, jedoch heizt sich der Wettkampf um Pflegekräfte offenbar immer weiter an, und die Summen steigen. Auch die Kreisklinik Groß-Gerau bietet derzeit einen Bonus von 3.000 Euro. In München und Berlin haben Kliniken schon bis zu 9.000 Euro geboten. Auch für Mitarbeitende, die erfolgreich andere werben, gibt es zum Teil Bonuszahlungen im vierstelligen Bereich.

Für Andrea Kiefer ist dieser Prämien-Überbietungswettkampf fragwürdig. Kiefer ist selbst langjährige Pflegekraft und Vorsitzende des Regionalverbands Südwest im Berufsverband für Pflegeberufe. Kiefer erklärt eine Art Teufelskreis: Insbesondere der Mangel an gut ausgebildeten Intensivpflegern sei groß, und es sei sehr schwierig, Menschen wieder zurückzuholen, die den Job einmal an den Nagel gehängt haben. "Man muss sich darüber klar sein: Wer abwirbt, reißt woanders eine Lücke", sagt Kiefer.

Hinzu komme: Neue Intensivpfleger könnten nicht heute anfangen und dann morgen die Patienten versorgen. Sie bräuchten Einarbeitungszeiten, die wiederum das Stammpersonal machen müsse. Kiefer stellt fest: "Die Kliniken versuchen, sich gegenseitig die Leute abspenstig zu machen, aber so lange sich die Arbeitsbedingen nicht ändern, kommen wir aus dem Kreislauf nicht raus."

Konkurrenz durch Leiharbeitsfirmen

Ein weiteres Problem ist die wachsende Konkurrenz durch Leiharbeitsfirmen, die mit Grundgehältern von bis zu 5.000 Euro werben. "Viele Pflegekräfte steigen in Leasingarbeit um, weil sie da mehr verdienen, flexibler sind und nicht in alle Arbeitsabläufe der festen Teams eingebunden sind und das als entlastend empfinden", erklärt Kiefer.

Viel Arbeitskraft würde zudem verloren gehen, weil es schwer sei, den Pflegeberuf auch im Alter durchzuhalten, meint Kiefer. Ältere Kollegen und Kolleginnen würden häufig in andere Bereiche, Teilzeit oder sogar ganz andere Berufe wechseln. "Das ist schade, weil da viel Erfahrungswissen verloren geht." Es sei deshalb auch wichtig, Arbeitsmodelle zu finden, um Älteren dabei zu helfen, den Job bis zur Rente zu machen.