Ein Kompostgestell aus altem Grenzzaun

Vor 60 Jahren begann der Bau der Mauer. Unser Redakteur ist im ehemaligen Zonenrandgebiet aufgewachsen, den Todesstreifen hat er aber nie selbst erlebt. Präsent war die Grenze dennoch - unter anderem im eigenen Garten.

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Audioseite 60 Jahre Mauer - wen interessiert das noch im ehemaligen Zonenrandgebiet?

Die Gedenkstätte Point Alpha an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze
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Das Kompostgestell auf dem Grundstück meiner Eltern besteht aus einem feinmaschigen und doch robusten Streckgitter. Es stand nicht immer in unserem Garten – es war vorher Teil des Grenzzauns zwischen Hessen und Thüringen. Mein Opa hatte das Gitter nach der Grenzöffnung für kleines Geld gekauft und ihm eine nützliche Aufgabe zugeteilt.

Dieses Kompostgestell aus Grenzzaun ist eines von vielen Relikten des Todesstreifens. Ich bin 1996 geboren und in Burghaun im Kreis Fulda aufgewachsen, 15 Kilometer von Point Alpha entfernt, einem Beobachtungsposten der US-Armee. Die Schrecken der Grenze habe ich nie erlebt. Aber wie viele andere junge Erwachsene aus Osthessen bin ich mit ihren Überbleibseln aufgewachsen.

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Die Geschichte des Todesstreifens an der hessisch-thüringischen Grenze

In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 beginnt die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer, um die Flucht der Bürger aus dem eigenen Land zu stoppen. Der Mauerbau jährt sich am Freitag zum 60. Mal. Bereits in den 1950er-Jahren begann das Regime damit, erste Sperranlagen an der Grenze zu Westdeutschland zu errichten. So entstand schon früh ein Zaun entlang der hessisch-thüringischen Grenze, der im Laufe der Jahre zum so genannten Todesstreifen ausgebaut wurde. Die ganze Geschichte des Mauerbaus finden Sie unter diesem Link.

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zum Video Mauerbau vor 60 Jahren

hs
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Minenwarnung beim Spaziergang

Diese Überbleibsel waren mal mehr, mal weniger präsent. Sehr sicht- und spürbar fand ich sie, wenn beim sonntäglichen Familienausflug eine Wanderung auf dem ehemaligen Grenzstreifen anstand. Auf alten Panzerstraßen durch die Natur, die Warnung meiner Mutter im Hinterkopf: "Verlass bitte den Weg nicht, hier liegen noch Minen rum." Für ein Kind faszinierend, aber auch beklemmend – obwohl die Gefahr durch herumliegende Minen im Rückblick wohl verschwindend gering war.

Heizungsbauer mit bewegter Geschichte

Die Nachwirkungen der Grenze wurden mir auch bewusst, als wir unser Haus renovierten: Der Heizungsbauer war Sohn von Hans Plüschke. Plüschke hatte in einem unübersichtlichen Schusswechsel 1962 den DDR-Grenzer Rudi Arnstadt erschossen. Danach hatte er aus Angst vor einem Racheakt der DDR seine Identität lange geheim gehalten, bis er schließlich 1997 an die Öffentlichkeit ging.

Ein Jahr später wurde Plüschke – mittlerweile Taxifahrer – nahe dem Tatort von 1962 tot aufgefunden. Die Täter wurden nie gefasst, die Hintergründe nie aufgeklärt, doch Ort und Art des Mordes deuten auf eine Verbindung zu dem Grenzzwischenfall hin.

Ein lebensgroßes Modell eines Schäferhundes vor einem Wachturm

Die Tat ereignete sich in der Nähe der heutigen Gedenkstätte Point Alpha. Natürlich unternahmen wir mehrere Schul- und Familienausflüge zur Gedenkstätte. Hier blieb mir vor allem die Beschreibung der Selbstschussanlagen im Kopf, aber auch die lebensgroße Hundefigur an einem rekonstruierten Grenzabschnitt. Von einem Schäferhund gejagt zu werden, das war für mich als Kind eine sehr greifbare, und deshalb schreckliche Vorstellung.

Angeltouren und Kompostgestelle

Da ich aber das große Glück hatte, mit einer offenen Grenze aufzuwachsen, verbinde ich nicht nur bedrückende Erinnerungen mit Point Alpha. Auch Vorfreude: Dort fuhr ich mit meinem Vater vorbei, wenn wir eine Angeltour nach Geisa (Thüringen) unternahmen. Das blaue "Frieden"-Denkmal auf der linken Seite der Landstraße sagte mir dann immer: "Gleich da."

Denkmäler, andere Überbleibsel und Erzählungen erinnern auch mich immer an die Schrecken des Todesstreifens. Trotzdem bin ich ohne eine echte Grenze aufgewachsen. Für mich ist es normal, für eine Angeltour einfach an Point Alpha vorbeizufahren. Oder Grenzzaun für Kompostgestelle zu benutzen.

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Ihre Kommentare Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Mauer?

14 Kommentare

  • Ich bin ein sentimentaler Mensch. Die Mauer verlief - sinnbildlich - mitten durch meine Familie. Das hat mein Leben sehr geprägt. Mauer bedeutete für mich Trennung, Schmerz, Trauer, Tränen. Und trotz allem auch: Verbundenheit über die Grenze.

    Grenzübertritte waren ein stetiger Quell von Abenteuertum und unfreiwilligem Humor durch Grenzüberwacher. Unvergessen auch 'Geschwindigkeitsübertretungen' mit drei oder fünf km/h auf den Transitstrecken nach Berlin. Als Träumer gab ich mich der Illusion hin, dass die Schlaglöcher auf den Autobahnen davon beseitigt würden. Pustekuchen.

    Das Schreiben über die Verarsche, die den 'daheimgebliebenen' Ex-DDRlern widerfahren ist (Treuhand & Friends), beschweige ich lieber. Ich würde mich sonst um Kopf und Kragen reden.
    Zumindest den Kopf brauche ich noch.

    Eine unvergessene Erfahrung bleibt: der Fall der Mauer bescherte mir eine zwar kurze, aber sehr leidenschaftliche Zeit mit einer Ostfrau.

    Deshalb - in liebevoller Erinnerung für Heike.

  • Ich bin im August 1960 mit meiner Mutter in die Freiheit geflüchtet, da hat Walter ein Jahr später die Mauer gebaut, er hat wohl Angst gehabt, dass ich zurück komme, diese Angst war berechtigt!

  • Anfang der achtziger Jahre durfte ich, Grundschulkind, wieder mal in den Ferien ein paar Tage bei den Großeltern übernachten. Sie wohnten in einem sehr kleinen Dorf auf der hessischen Seite nahe der Grenze. Abends saßen wir auf der Terrasse und mein Opa erklärte mir Sternbilder, plötzlich fielen Schüsse und die Grenze war beleuchtet, lautes Hundegebell und Schreie waren zu hören. Leider hatte ich dann so viel Angst, dass mein Vater mich wieder nach Hause holen musste, denn an einschlafen war nicht zu denken.

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