68er in Marburg
Links: Trauer in Marburg um den getöteten Studenten Benno Ohnesorg, rechts: die Marburger Uni heute. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), hessenschau.de

Die Uni-Stadt Marburg ist 1968 ein zentraler Ort der Konfrontation zwischen konservativen und linken Kräften. Große Randale gibt es nicht, die Revolution findet eher auf dem Papier statt.

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Marburg 1968: heimelig, gemütlich und ein bisschen Provinz. In diese Idylle kam Wolfgang Hecker als Student. "Von nix eine Ahnung, weder von der Universität noch vom Alleine-Wohnen, aber ich wollte natürlich unbedingt eine sturmfreie Bude haben", sagt er der hessenschau.

Hecker studierte an der Marburger Philipps-Universität und begann in der Redaktion der "Marburger Blätter" zu arbeiten, der Studentenzeitung des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA). War die Zeitung vorher eher konservativ ausgerichtet, bekam der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) dort in den 60er Jahren mehr und mehr das Sagen. Die Studenten hatten ein Vorbild und einen Vordenker: Wolfgang Abendroth, Professor für Politikwissenschaft.

Professor Abendroth mit Studenten an der Uni Marburg.
Professor Abendroth mit Studenten an der Uni Marburg. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Linke Studenten stehen hinter Abendroth

Hecker und die anderen Studenten, die in Marburg auf die Straße gingen, demonstrierten für mehr studentische Mitbestimmung. Abendroth unterstützte deren linken Kurs. "Es ging natürlich um die Notstandsgesetze. Als Staatsrechtler übte Abendroth massive Kritik an der Einschränkung des Streikrechts und der parlamentarisch-demokratischen Verfassung", erinnert sich Hecker. Dass sich viele Studierende weit über den SDS hinaus an den Protesten beteiligten, sei für Abendroth sehr gut gewesen.

Dank Abendroth entwickelte sich in den 60er Jahren die Marburger Politikwissenschaft mit dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften zu einem der Zentren der Studentenbewegung. Durch den marxistischen Politologen wurde die sogenannte "Marburger Schule" der Politikwissenschaft maßgeblich geprägt.

Konservative Professoren verfassen "Marburger Manifest"

Abendroths Gegner sprachen von einer "Parteienhochschule" und "roten Kaderschmiede". Ihr Widerstand gegen die studentische Mitbestimmung mündete im sogenannten "Marburger Manifest", das am 17. April 1968 von 35 Professoren, mehrheitlich sehr konservativ, veröffentlicht wurde. Sie wehren sich gegen den Verlust der uneingeschränkten Macht an der Uni und die Demokratisierung der Hochschulen. Viele Professoren anderer Hochschulen schlossen sich an.

Abendroths Schüler Frank Deppe erinnert sich an die extremen Positionen an der Uni. Es habe Abendroth schwer getroffen, wenn er Vorwürfe von "ultralinken Spinnereien" und "revolutionärem Gehabe" gehört habe. "Das war für ihn die schlimmste Entgleisung", sagt Deppe.

Der Marxist Abendroth wollte nach eigenen Worten "diejenigen Kommunisten, die zur Verteidigung der Demokratie und des Grundgesetzes mitwirken wollen, als politische Kraft sammeln."

Revolution auf dem Papier statt auf der Straße

Gewalt als Mittel der Politik? Damit wollte Abendroth nichts zu tun haben. Und seine Anhänger vom SDS folgten ihm. "Teach-Ins zu Notstandsgesetzen oder auch zu Springer endeten immer so: Jetzt gehen wir auf den Marktplatz, um mit der Bevölkerung zu diskutieren", sagt der frühere Student Hecker. Viele wollten sich allerdings gar nicht aufklären lassen - und auch nicht alle Studenten waren 1968 links.

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Der frühere Jurastudenten Friedrich Bohl, später Kanzleramtsminister unter Helmut Kohl (CDU), ärgert sich heute noch, wenn er an die linke Bewegung in Marburg zurückdenkt. "Weil hier die Post abging und ich immer sehr empört war, wenn insbesondere durch Linke hier in Marburg eine Atmosphäre der Einschüchterung und des Bevormundens und des Meinungsterrors herrschte", sagt das CDU-Mitglied. "Das fand ich unerträglich."

Randaleszenen wie in Frankfurt gab es in Marburg nicht. Eine Ausnahme bildete der Aufmarsch der Korporierten am 1. Mai 1968. Da kam es zu Rangeleien zwischen Linken und Studenten in Verbindungen und Burschenschaften. Dennoch: Die Revolution fand in Marburg eher auf dem Papier statt, gedruckt. Und die Uni wurde zur Denkfabrik der 68er-Proteste.

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68er am Theater und an der Uni

50 Jahre nachdem die Studentenbewegung im Jahr 1968 ihren Höhepunkt erreicht hat, feiert die Stadt Marburg das Jubiläum gebührend. Es finden diverse Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Theaterstücke statt.

Das Hessische Landestheater erinnert mit dem Stück 50 Jahre 1968 - die Revue an die 68er-Bewegung. Zudem gab es die Ausstellung Klasse Kampf - 68 erinnern.

An der Marburger Uni gab es im Wintersemester extra eine Vortragsreihe zum Thema: "Aufbrüche - Ausbrüche - Umbrüche in Marburg, Deutschland und der Welt. Ein Rückblick nach 50 Jahren."

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