Seit fast 60 Jahren gibt es den Club Voltaire in der Kleinen Hochstraße in Frankfurt. 1968 wird er zu einem wichtigen Treffpunkt der Studentenbewegung. Dabei hatten die Macher mit Studenten erst einmal gar nichts am Hut.

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Für den Metzger auf der Frankfurter Fressgass ist sie die "Frau Vulgär", für den Verkäufer im Kaffeegeschäft die "Frau Club" und im Feinkosthaus heißt sie "Frau Volontär": Else Gromball ist Mitbegründerin des legendären Club Voltaire in Frankfurt - und war dort 30 Jahre lang Wirtin.

Der Club, diese Kneipe mit Veranstaltungsraum in einer Seitenstraße der Fressgass, gilt als einer der zentralen 68er-Orte in Frankfurt. Die heute 82-jährige Else Gromball findet, dass das die Bedeutung des Clubs nicht ganz trifft: "Mit Studenten hatten wir anfangs ja gar nichts zu tun."

Club Voltaire
Der überfüllte Club bei einem Konzert in den 60ern, der Eingang des Clubs. Bild © hr

Von Arbeitern gegründet

Es seien vorwiegend Arbeiter linker Jugendorganisationen gewesen, die den Club im Jahr 1962 als eingetragenen Verein gründeten. Die Gründer hatten sich mit der SPD und den Gewerkschaften zerstritten, die ihrer Meinung nach zu angepasst an die konservative Meinungsführerschaft der Adenauer-Ära waren. "Es gab damals noch keine Streitkultur", erinnert sich Gromball.

Club Voltaire
Else Gromball, 30 Jahre lang Wirtin des Clubs, Richard Ullmer, derzeit im Vorstand und Heiner Halberstadt, langjähriger Kopf des Vereins (v.r.n.l.). Bild © Sonja Fouraté (hr)

Also suchen Gromball und ihre Mitstreiter, wie der spätere Frankfurter Linken-Politiker Heiner Halberstadt, einen eigenen Versammlungsort, um ein linkes, aber parteiunabhängiges Diskussionsforum aufzubauen. Und sie finden eben jenes, fast leere Häuschen in der Kleinen Hochstraße Nr. 5. Hier treffen sich Anfang der 1960er Jahre Algerier, die vor dem Krieg in ihrem Land nach Europa geflohen sind.

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Die Algerier sind einverstanden, dass sich hier auch der Club einrichtet. Zuvor tragen sie maßgeblich zu dessen Namensfindung bei: Mit "links" haben sie so gar nichts am Hut. Den Namen Voltaire aber kennen sie aus ihrem Studium in Frankreich - der Philosoph passt bestens zur Aufklärung, der sich der Club verschrieben hat. Der Name wird prompt genommen.

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Noch wenige alternative Treffpunkte

Los geht es im Dezember 1962 zunächst mit geschlossenen Veranstaltungen. Schon bald aber wächst der Betrieb: "Wir haben über drei Jahre fast umsonst gearbeitet", erzählt Gromball, die anfangs noch bei einer Treibstoffgesellschaft beschäftigt ist. Ab 1966 arbeitet sie hauptberuflich für den Club.

Denn noch gibt es nicht viele alternative Treffpunkte, die Lesungen von DDR-Autorinnen wie Anna Seghers, Christa Wolf oder linken Schriftstellern wie Gerhard Zwerenz anbieten. Oder die zeitweise verbotene Filme wie "Der geteilte Himmel" zeigen: "Den haben wir 1964 aus der DDR rausgeschmuggelt", berichtet Gromball grinsend.

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Nach und nach entwickelt sich der Club zu einem Treffpunkt für allerlei Minderheiten: Nach den Exil-Algerien kommen Exil-Spanier, Afrikaner sowie Mitglieder der afroamerikanischen Black-Panther-Bewegung. Der Club unterstützt auch Soldaten der US-Armee, die wegen des Vietnam-Kriegs desertieren.

Studenten ecken hier nicht an

Rudi Dutschke
Studentenführer Rudi Dutschke Bild © picture-alliance/dpa

Dass der Club ein Szene-Ort für die 68er wird, ist nur folgerichtig: Anders als im noblen Intellektuellen-Café Laumer sind die Studenten hier ausdrücklich erwünscht. Studentische Theatergruppen proben im Obergeschoss, hier trifft sich auch der Weiberrat. Studentenführer Rudi Dutschke hält Vorträge, nach dem Attentat auf ihn starten von hier aus Demonstrationszüge.

"Es war eine Zeit, in der viele Minderheiten zum ersten Mal auf sich aufmerksam machten", erinnert sich Gromball. "Erst später wurde das dann unter 'den 68ern' zusammengefasst." Wenn sie aus dem Jahr erzählt, spricht die ehemalige Wirtin denn auch immer von den "so genannten 68ern".

Über zentrale Figuren der 68er will sie lieber nicht sprechen: "Ich will nicht nachtreten", sagt sie. Ja, auch die Radikalisierung eines Teils der 68er habe sie mitbekommen ("Der Baader gehörte zu den weniger angenehmen Menschen.") - auch weil Mitglieder des Clubs nach den Kaufhausbränden befragt wurden: "Es gab den Verdacht, das Ganze sei hier geplant worden", sagt Gromball.

Es bleibt der Kampf ums Geld

Schon Ende 1968 ebbt der Schwung der Bewegung ab, der Club aber macht weiter wie zuvor: Else Gromball hängt Plakate für das erste Schwulen-Festival "Homolulu" aus, die ersten Grünen treffen sich hier, es gibt Diskussionsrunden zum Thema Startbahn West, später zum Einsatz der Bundeswehr im Kosovo.

Was bis heute bleibt, ist der Kampf ums Geld. 70.000 Euro laufende Kosten muss der Club jährlich stemmen, und das trotz moderater Miete und Unterstützung von den Hauseigentümern. Zwar fördert die Stadt den Club, zuletzt mit insgesamt 34.000 Euro. Je nach politischer Wetterlage fordern einzelne Fraktionen im Stadtparlament immer mal wieder, diese Gelder zu streichen.

Beeindrucken oder gar politisch vereinnahmen lassen will sich das Team aber nicht: "Wir haben uns nie einer Gruppierung untergeordnet oder angeschlossen", sagt Gromball. "Das ist sicher einer der Gründe, warum es den Club immer noch gibt."