68er Frankfurter Uni
Links: Studentenproteste im Mai 1968 an der Frankfurter Uni gegen die Notstandsgesetze. Rechts: Der Uni-Campus in Bockenheim heute. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), hessenschau.de (Montage)

Wortgefechte im Hörsaal, Demos und Hausbesetzungen: Das Herz der 68er-Bewegung schlug in Frankfurt. Einer ihrer geistigen Wegbereiter lehrte an der Goethe-Uni: der Philosoph Theodor W. Adorno.

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Diskutieren, auf die Straße gehen und alte Häuser gegen Spekulanten verteidigen: Manche Veränderungen, die in den 1960er Jahren begannen, nahmen in Frankfurt ihren Anfang.

Eine Person steht im Mittelpunkt, wenn es um die Revolte der 68er in Frankfurt geht: Theodor W. Adorno (1903-1969), der Philosoph und Soziologe, der an der Goethe-Uni das Institut für Sozialforschung leitete.

Adorno wirkte wie ein Magnet

Adorno formulierte ein Ziel, das auch die Studenten in ihren Protesten einte: die "Erziehung der Menschen zur Mündigkeit". Damit war er auf einer Wellenlänge mit vielen Studenten, für die Adorno, wie auch der Philosoph Max Horkheimer (1895-1973), wie ein Magnet wirkte. Mit ihrer "Kritischen Theorie" der Frankfurter Schule schufen sie die intellektuelle Basis für den Aufstand der folgte.

Becker: "Kleine Insel des Non-Konformismus"

Doch das ist nicht alles, meint Egon Becker, Mitbegründer des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt. Becker studierte in den 60er Jahren in Darmstadt und Frankfurt. "Meine These wäre eher, dass Frankfurt deshalb so wichtig war, weil es als Stadt etwas verkörpert hat in Deutschland", sagt er dem hr.

Frankfurter sei etwas Besonderes gewesen, "eine kleine Insel des Non-Konformismus." Es gab laut Becker schon in den 50er Jahren "alles Mögliche", was es so in anderen Städten nicht gab. Dazu gehörten Theater wie die Städtischen Bühnen, Verlage wie Fischer und Suhrkamp und der Hessische Rundfunk, so Becker. Ebenso wie ein selbstbewusstes, liberales Bürgertum, die linke sozialdemokratische Stadtregierung und die Zentrale des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS.

Studenten trafen sich im Walter-Kolb-Heim

Seit Ende der 60er Jahre kämpften die Studenten in Frankfurt etwa für den Erhalt alter Häuser, die vor allem im Westend als Spekulationsobjekte vom Abriss bedroht waren. Der SDS organisierte im Walter-Kolb-Heim politische Diskussionen (Teach-ins) zu den Notstandsgesetzen und Proteste gegen den Vietnam-Krieg, den die USA führten.

68er: Hans-Jürgen Krahl
Hans-Jürgen Krahl (re.), einer der bekanntesten Frankfurter Köpfe der 68er-Bewegung. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Mehrfach gab es etwa Versuche das amerikanische Generalkonsulat in Frankfurt zu besetzen. Zudem strebten die Studenten Reformen des Universitätsbetriebs an. Der intellektuelle Kopf der Bewegung: Hans-Jürgen Krahl, der bei Adorno promovierte.

Osterunruhen nach Attentat auf Dutschke

Schon die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf den Studenten Benno Ohnesorg in Berlin 1967 hatte die Studenten mehr und mehr radikalisiert, erinnert sich Becker im Gespräch mit dem hr. Und dann geschah im April 1968 das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke in Berlin, der Vorfall bestimmte die Ostermärsche in Frankfurt kurz danach.

Mit dabei war Elisabeth Abendroth, die Tochter des Marburger Politologen und Rechtswissenschaftlers Wolfgang Abendroth. "Mein Vater hielt auf dem Ostermarsch die Hauptrede und sagte: 'Erstens verteidigt die Demokratie.' Das stieß bei Studenten nicht auf große Begeisterung", erinnerte sie sich. Zweitens habe er gefordert, die Studenten müssten mit den Gewerkschaften zusammengehen. Auch das sei nicht besonders gut angekommen.

Dann habe er analysiert, warum es dieses Attentat auf Dutschke gab und meinte: "Und jetzt geht Springer einen Besuch abstatten", erinnert sich Elisabeth Abendroth. Wie viele andere machte ihr Vater die angebliche Hetze der Springer-Presse gegen Studenten mitverantwortlich für das Attentat.

Societätsdruckerei wurde blockiert

Im Laufschritt ging es zur Societätsdruckerei in Frankfurt, wo ein Teil der "Bild"-Zeitung gedruckt wurde. "Es war eine friedliche Blockade", so Abendroth. Dann sei die Situation eskaliert. Abendroth macht die Polizei dafür verantwortlich. Polizisten hätten auf die Demonstranten ohne Grund eingeknüppelt. "Mein Bruder und ich sind weggelaufen. Sie haben ihm aber einen Moped-Helm auf dem Kopf zerklopft." Er habe aber weiterrennen können.

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Nach den Osterunruhen folgten in Frankfurt Uni-Streiks im Mai und Juni 1968. Zeigte der geistige Wegbereiter Adorno anfangs noch Verständnis für die Revolte, distanzierte er sich mehr und mehr davon. "Ich glaube, dass es sich um eine Art von Pseudoaktivität handelt", meint er. Es sei die verzweifelte Anstrengung der Studenten, eine Veränderung der Gesellschaft zu erzwingen - mit dem tiefen Wissen, das es so nicht funktioniere.

Der SDS arbeitete sich in der Folge an seinem geistigen Vater in einer Art Hass-Liebe ab: Sie sprengten immer wieder seine Vorlesungen. Höhepunkt war das "Busenattentat", bei dem sich Studentinnen im Hörsaal demonstrativ entblößten. Geschockt und in Tränen aufgelöst verließ der Professor den Raum. Doch die Geister, die er mit seinen Theorien rief, hatten sich da teils schon verselbständigt.