Kassel
Bild © picture-alliance/dpa, hessenschau.de (Montage:hr)

Obwohl es 1968 noch keine Uni in Kassel gab, gingen dort Studenten und Schüler auf die Straße. Sie wehrten sich gegen Krieg, Gewalt und Spießbürgertum. Mittendrin: Gisela Getty, eine schillernde Ikone der Bewegung.

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zum Video 1968 - kreativer Protest in Kassel

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Während in Berlin oder Frankfurt Steine flogen und Autos brannten, liefen die Studentenproteste 1968 in Kassel wesentlich ruhiger ab: Rund tausend junge Menschen demonstrierten am Ostersamstag, den 14. April, in der Kasseler Innenstadt friedlich gegen den Vietnamkrieg und das Berliner Attentat auf Studentenführer Rudi Dutschke. An der Organisation der Demo war auch Gisela Getty beteiligt.

Getty war damals 19 Jahre alt und hatte gerade an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel ihr Studium angefangen. Sie und ihre Zwillingsschwester Jutta ließen sich mitreißen von der neuen Bewegung, die sich gegen einen als miefig und verkrustet empfundenen Staat wehrte. Und sie wollten - wie viele anderen jungen Menschen auch - gänzlich anders sein als ihre Eltern.

"Wir hatten natürlich diese Eltern, die im Dritten Reich lebten und wir erfuhren, was da passiert war", sagte die heute 69-Jährige der hessenschau. "Diese Eltern, die wir ja liebten, und plötzlich merkten wir: Wir haben Mördereltern." Dies beziehe sich auf eine ganze Generation, die Deutschland im Jahr 1968 prägte.

Das Ehepaar Gisela Getty und Paul Getty. (Archivbild 1974)
Das Ehepaar Gisela Getty und Paul Getty. (Archivbild 1974) Bild © picture-alliance/dpa

Unterwegs mit Mick Jagger und Andy Warhol

Gemeinsam mit ihrer inzwischen verstorbenen Zwillingsschwester wurde Gisela Getty in den nachfolgenden Jahren eines der Gesichter der deutschen Studentenbewegung. Sie heiratete Paul Getty, den Enkel des Milliardärs Jean Paul Getty und lernte Robert de Niro, Mick Jagger und Andy Warhol kennen. 1980 trennte sich das Paar, Getty zog nach München. Ihre Schwester Jutta Winkelmann gründete dort 1976 mit Rainer Langhans und anderen eine Kommune.

Gisela Getty
Gisela Getty Bild © Imago Images

Getty selbst, die unter anderem als Fotografin, Regisseurin und Schriftstellerin arbeitet, sieht sich weniger als 68er-Ikone. "Meine Schwester und ich sind wirklich nur Protagonisten dieser Generation." Sie seien vielleicht ein bisschen extremer und risikobereiter als andere gewesen.

Studenten belagern Stadthalle

Auch bei der zweiten großen Demonstration des Jahres 1968 in Kassel war Gisela Getty dabei. Um ein Zeichen gegen die Notstandsgesetze der Großen Koalition zu setzen, belagerten am 29. Mai rund tausend Schüler und Studenten bis in die Abendstunden hinein die Stadthalle.

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Notstandsgesetze

Die Notstandsgesetze wurden am 30. Mai 1968 vom Bundestag verabschiedet. Sie erlauben unter anderem, dass Truppen in Deutschland im Notfall zum Schutz des Landes eingesetzt werden dürfen.

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Dort traf sich die Führungsspitze der Bundeswehr gerade zur Kommandeurstagung. Die Studenten setzten die Deutschlandflagge auf Halbmast, hämmerten auf die schicken Autos der Offiziere: "Notstand, Notstand über alles!". Einen Tag später sollte die Notstandsverfassung das Bonner Parlament passieren.

Bei der Veranstaltung kam es in Kassel erstmals zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Auf beiden Seiten wurden mehrere Menschen leicht verletzt.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Ulrich de Maizière, entschuldigte sich später für den terminlichen Fauxpas. Er sagte, man habe nicht voraussehen können, dass die Bundeswehr-Tagung mit der 3. Lesung der Notstandsgesetze zeitlich zusammenfalle.

Protest auch bei der documenta

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Im Juni 1968 wurde dann die vierte documenta eröffnet. Auch bei der internationalen Kunstschau demonstrierten Studenten - und zwar gegen die aus ihrer Sicht zu große Fixierung auf amerikanische Künstler.

Bei den Demonstrationen dieser Zeit bekam Gisela Getty auch Hass zu spüren. "Einmal hat eine Frau einen Regenschirm auf mich gehauen", erinnert sie sich."Wir sind von dieser Elterngeneration sehr angegriffen worden."

Auch Schüler gingen auf die Straße

Nicht nur Studenten waren in Kassel aktiv. Hans Dieter Baumann war 1968 noch Schüler, er stand kurz vor dem Abitur. Er engagierte sich politisch und war regelmäßig bei Treffen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) dabei. Diese fanden im Hörsaal der Hochschule für Bildende Künste statt, dem Herz der 68er-Bewegung in Kassel. Erst drei Jahre später eröffnete dann die Gesamthochschule Kassel, die heutige Universität.

"Die Leute, die in der 68er-Zeit, als ich 18 Jahre alt war, dazu gestoßen sind, waren ja nur ein paar Jahre älter als ich. Trotzdem haben wir als Schüler zu denen aufgeblickt, die hier den AStA gemacht haben und die ganzen Sachen organisiert haben", sagte Baumann der hessenschau. Die seien für die ganze Entwicklung der APO in Kassel eine Keimzelle gewesen.

Baumann: "Hoffnung auf eine Welt ohne Krieg, ohne Gewalt"

Später studierte Baumann selbst Kunstwissenschaften. Heute ist er Herausgeber eines Fachmagazins für Bildbearbeitung. Das Jahr 1968 veränderte ihn: "Das was ich und viele anderen damals mit Revolution verbunden haben, war weniger der Kommunismus und die Diktatur des Proletariats, als vielmehr die Hoffnung auf eine Welt ohne Ungerechtigkeit, ohne Krieg, ohne Gewalt und ohne Dummheit", sagte er. Dafür ging er mit Gleichgesinnten auf die Straße.