Eine Frankfurter Allgemeine Zeitung lugt aus einem Briefkasten heraus

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung erschien vor 70 Jahren zum ersten Mal. Peter Hoeres schrieb ihre Geschichte in einem 600 Seiten starken Buch auf und erklärt hier im Interview, was die FAZ besonders macht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 70 Jahre FAZ: Weg in die digitale Zukunft

Schriftzug "Frankfurter Allgemeine - Zeitung für Deutschland" an der Fassade des Redaktionsgebäudes in Frankfurt
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In der Nachfolge der liberalen Frankfurter Zeitung (1866 bis 1943) erschien am 1. November 1949 erstmals die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland, kurz FAZ. Mit ihrem wirtschaftsliberalen bis streng konservativen Profil mauserte sie sich rasch zu einem der Leitmedien in der Bundesrepublik. Ihr täglicher Umfang war beträchtlich, die Auflage lag über 400.000 Exemplaren, die Redakteure fuhren im eigenen Dienstwagen.

Nach dem Platzen der Dot-com-Blase zu Beginn der 2000er Jahre bekam auch die stolze Bastion des Journalismus für "kluge Köpfe" (um solche handelt es sich laut Eigenwerbung bei den FAZ-Lesern) im Frankfurter Gallus Risse. Der Anzeigenmarkt brach wie bei allen anderen Zeitungen auch bei der FAZ ein, Beilagen wurden gestrichen, die Auflage sank zuletzt jährlich um vier bis fünf Prozent. Aktuell liegt sie bei rund 230.000. Demnächst zieht die FAZ aus ihrem Redaktionsgebäude an der Hellerhofstraße in ein neues, kompakteres Hochhaus im Europaviertel. Die Zeitung verkauft also ihr Tafelsilber.

Peter Hoeres ist Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg. Er kam im November 1971 in Frankfurt zur Welt und forscht schwerpunktmäßig zur Kultur- und Mediengeschichte. Soeben veröffentlichte er im Verlag Benevento unter dem Titel "Zeitung für Deutschland" eine 600 Seiten starke Geschichte der FAZ.

hessenschau.de: Herr Hoeres, Sie schreiben, die FAZ präge die politischen Debatten in der Bundesrepublik Deutschland. Wie schafft sie das?

Peter Hoeres: Die FAZ hat sich schon sehr früh aufgrund renommierter Journalisten und ihres eigenen Anspruchs den Ruf einer besonderen Qualitätszeitung erworben. Der Ruf nährt sich dann irgendwann selbst. Der Stil der umfassenden Durchdringung eines politischen Themas und der zurückhaltenden Bewertung kam dem auch zugute. Zudem war das bundesdeutsche Elektorat und Personal der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit eher konservativ gestimmt. Dazu passte eine Zeitung, die zumindest im Politik- und Wirtschaftsteil als bürgerlich-konservativ galt.

Peter Hoeres, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg

hessenschau.de: Wer sich durch die einzelnen Ressorts der Zeitung liest, wird feststellen, dass innerhalb des Blatts eine gehörige Pluralität herrscht. Profitiert die FAZ davon oder bremst sie das eher?

Peter Hoeres: Grundsätzlich ist der ausgeprägte Binnenpluralismus ein großer Vorteil, denn man hat damit Meinungen, ja mehrere Zeitungen in einer versammelt. Der Nachteil ist, dass bei wichtigen Themen keine Blattlinie zu erkennen ist und man sich Pro und Contra in den verschiedenen Büchern der Zeitung zusammensuchen muss.

Außerdem ist die Gefahr, Leser zu verprellen, durch den Binnenpluralismus natürlich größer, denn Leser wollen in ihren Annahmen bestätigt werden und kognitive Dissonanz vermeiden. Manchmal hat man das Gefühl, es sei in manchen Ecken der FAZ regelrecht ein Sport, die für konservativ gehaltenen Leser auf die Palme zu bringen.

hessenschau.de: Andere Medienhäuser haben eine Chefredakteurin oder einen Chefredakteur oder mehrere - die FAZ hat ein Herausgebergremium, dessen Mitglieder zuständig sind für jeweils einen Teil der Zeitung. Das macht sie ziemlich einzigartig. Wie kam es zu dieser Struktur?

Peter Hoeres: Die Struktur wurde von der berühmten Frankfurter Zeitung, die erst 1943 von Hitler verboten wurde, übernommen. Das Kollegialitätsprinzip macht die Führung der Zeitung nicht einfacher, es drückt aber innere Liberalität und Sachkompetenz aus.

FAZ-Gebäude

hessenschau.de: Sie haben sich für Ihr Buch "Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ" intensiv mit der Zeitung auseinandergesetzt. Wo sehen Sie ihre Stärken, wo ihre Schwächen?

Peter Hoeres: Eine große Frage. Die Stärke ist das Qualitäts- und Stilbewusstsein, und daraus erwuchs vielleicht auch eine Schwäche, zumindest in der Vergangenheit. Dem Leser wurde nämlich sehr viel abverlangt. Die Lektüre der Zeitung nimmt viel Zeit in Anspruch, und die Texte kamen früher gravitätisch daher.

Ein Nachteil ist heute die produktionsbedingte Inaktualität. Champions-League-Spiele und Rücktritte am Abend oder scheiternde Koalitionsgespräche in der Nacht stehen nicht in der Ausgabe des nächsten Tages - zumindest außerhalb des Rhein-Main-Gebiets.

hessenschau.de: In Zeiten von zunehmend groben und wütenden Auseinandersetzungen auf Twitter setzt die FAZ auf lange Texte, statt auf Erregung vertraut sie auf Vernunft und Analyse. Hatte es die FAZ früher leichter, mit ihrer Art zu überzeugen?

Peter Hoeres: Die Texte sind schon kürzer geworden, der Umfang der Zeitung wurde aus Kostengründen drastisch reduziert. Aber die Differenz zu Mikronachrichten, Blogs und Posts bleibt natürlich, während gleichzeitig die Lesedauer und Aufmerksamkeitsspannen drastisch sinken. Den Anspruch der eigenen Texte kann man aber auch als Stärke sehen, Stichwort "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf".

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wer liest heute eigentlich noch Tageszeitungen?

Zeitungsständer mit Zeitungstiteln: FAZ, Frankfurter Rundschau, FNP
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hessenschau.de: Gerade unter dem verstorbenen Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher verhandelte die FAZ die Chancen und Herausforderungen durch die Digitalisierung. Nun muss die Zeitung selbst für sich eine Lösung finden, wie sie auf digitalem Weg verstärkt die Inhalte an ihre Leser bringt. Wie gelingt ihr das aus Ihrer Sicht?

Peter Hoeres: So mittel. Die FAZ gehörte nicht zur Vorhut im Netz und in den Sozialen Medien. Jetzt hat sich auf diesem Sektor aber viel bei der FAZ getan. Die Gefahr besteht nun eher in der Anbiederung und damit Unkenntlichmachung des eigenen Standorts und des eigenen Qualitätsanspruchs.

hessenschau.de: Bei fast allen Zeitungen sank in den vergangenen Jahren die Auflage, zum Teil immens. Die der gedruckten FAZ liegt aktuell etwa bei der Hälfte ihrer Auflage zur Jahrtausendwende. Wie sehen Sie als Historiker die Zukunft der gedruckten Zeitung?

Peter Hoeres: Ich glaube, das wird nicht die entscheidende Frage sein. Langfristig wird die gedruckte Zeitung ein Luxus- und Retroprodukt für Ältere und Liebhaber. Aber wie kann sich die Zeitung im Netz nachhaltig refinanzieren, ohne zu große Qualitätseinbußen hinzunehmen, vielmehr ihr Angebot trimedial auszubauen?

Paywall, elektronische Ausgaben, Plus-Angebote, Online-Werbung - bis auf Crowdfunding wird alles erprobt. Aber derzeit kann all das noch nicht den kompletten Verlust des Stellenmarkts in der Samstagausgabe und den allgemeinen Anzeigen- und Abonnentenverlust auffangen.

Das Interview führte Stephan Loichinger.

Sendung: hr-iNFO, 31.10.2019, 6.10 Uhr

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Ausgedruckt? Die Zeitungen und der schwierige Umstieg ins digitale Zeitalter

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