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Audioseite Ältester Schöffe Deutschlands macht mit 92 noch Ortsbegehungen

Ein älterer Mann sitzt an einer Eckbank und arbeitet

Otfried Winkel ist mit 92 Jahren Schöffe am Marburger Ortsgericht. Trotz zwei Schlaganfällen schätzt er immer noch Häuser, geht gerne auf Ortsbesichtigungen und hat den Marburger Immobilienmarkt ganz genau im Blick. Jetzt bekommt er das historische Stadtsiegel.

Bereit für die Arbeit: Otfried Winkel rutscht auf seine gepolsterte Eckbank. Auf dem Tisch liegen schon ein gespitzter Bleistift und sein Taschenrechner. Der 92-Jährige sucht seine Brille, schlägt einen roten Aktenordner auf und holt einen Stapel Fotos raus.

"Oh, das hier ist ein ganz schlimmer Fall", sagt er. Seit rund 20 Jahren ist Winkel Schöffe am Marburger Ortsgericht und nimmt Schätzungen von Grundstücken und Häusern vor, die etwa in Erbstreitigkeiten verwickelt sind.

Das Objekt, mit dem er sich derzeit befasst, ist ein winziges Häuschen: 75 Quadratmeter Grundstück, 40 Quadratmeter Wohnfläche. "Das ist so klein, wenn man da das Fenster aufmacht und rausguckt, ist man schon auf dem Nachbargrundstück", sagt Winkel grinsend.

92-Jähriger macht noch Hausbegehungen

Der Zustand des Hauses ist schlecht, meint der Schöffe. Er nimmt an den Hausbegehungen noch persönlich teil. "Natürlich, das muss sein", sagt er - allerdings inzwischen mit Gehstock. "Die Leiter da hoch bin ich aber nicht mehr geklettert, da haben die anderen Fotos gemacht", sagt er und zeigt auf das Bild des chaotischen, unisolierten Dachbodens. Er schätzt den Wert des Häuschens aktuell auf 30.000 Euro. "Da sei viel dran zu machen."

Ein älterer Mann am Tisch

Winkel kennt sich aus mit Immobilien, besonders hier in der Region: Er ist gelernter Architekt und hat lange das Bauamt in Stadtallendorf geleitet. Viele der Häuser im Marburger Stadtgebiet, die er nun schätzen soll, hat er als Architekt sogar mal selbst geplant oder umgebaut. Oft bearbeitet er nun mehrere Fälle auf einmal. Der Schöffe arbeitet Werttabellen durch, ergänzt alte Grundrisse, füllt unvollständige Papiere aus.

Winkel erhält historisches Stadtsiegel

Laut Stadt Marburg ist Winkel derzeit Deutschlands ältester Schöffe. Am Donnerstag erhält er das Historische Stadtsiegel "für sein unermüdliches Engagement". Damit zeichnet die Stadt Menschen aus, die in besonderer Weise in Marburg ehrenamtlich tätig sind.

Dass das in diesem Alter überhaupt möglich ist, liegt auch an der deutschlandweit einzigartigen Einrichtung der Ortsgerichte, die es ausschließlich in Hessen gibt. Für Schöffinnen und Schöffen an den Strafgerichten gilt bei Amtsantritt nämlich bundesweit eine Altersgrenze von 69 Jahren.

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Hessische Ortsgerichte

Ortsgerichte gibt es in allen hessischen Gemeinden. Sie werden ausschließlich von Ehrenamtlichen besetzt. Die Ortsgerichte können zum Beispiel Urkunden beglaubigen, Sterbefallsanzeigen erteilen oder Nachlässe sichern, wenn zum Beispiel die Erben unbekannt sind. Die Gebühren sind gedeckelt. Für Bürgerinnen und Bürger ist das meist günstiger, als bei einem freiberuflichen Sachverständigen oder Notar.

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"Eine Lehrstunde in Lokalgeschichte"

Einen "Glücksgriff" nennt Hans-Jürgen Schäfer es, dass Winkel mit 72 Jahren noch als Schöffe ernannt wurde. Schäfer leitet das Ortsgericht I in Marburg. Er ist oft mit Winkel zusammen unterwegs, telefoniert regelmäßig mit ihm oder holt ihn zu Terminen ab. "Er bringt als Architekt Qualifikationen mit, die normalerweise ein Schöffe nicht mitbringt", so Schäfer.

Hinzu komme: Winkel kenne in Marburg fast alle Bauprojekte der letzten Jahrzehnte. "Es gibt kein Haus, wo er reinkommt und nicht wenigstens die früheren Eigentümer, die jetzigen Eigentümer, die Veränderungen am Haus oder in der Nachbarschaft kennt." Das erleichtere oft die Schätzungen und Vervollständigung der Unterlagen. "Und für mich ist es auch immer wieder eine Lehrstunde in Lokalgeschichte."

Mit der modernen Technik stehe Winkel dagegen etwas auf Kriegsfuß, sagt Schäfer grinsend. "Er arbeitet sehr analog." Per E-Mail gehe da nichts. "Ich bin ständig bei ihm, um ihm Post zu bringen."

Nach Schlaganfällen zurück ins Leben gekämpft

Dass der Schöffe heute immer noch aktiv ist, konnte sich vor zwei Jahren kaum jemand vorstellen. Nach zwei Schlaganfällen lag Winkel lange Zeit im Krankenhaus - aber er erholte sich. Schäfer sagt: "Es ist bewundernswert, wie er sich gerade in der Corona-Zeit mit Maske wieder zurück ins Leben gekämpft hat."

Es sei für ihn extrem außergewöhnlich und bemerkenswert, wie es jemand schaffe, in diesem Alter geistig fit zu bleiben und sich dann auch noch so für die Allgemeinheit einzusetzen, sagt Schäfer. "Ich führe das darauf zurück, dass er in jungen Jahren Erfahrungen gemacht hat mit unserer deutschen Zeitgeschichte."

Abschied fällt schwer

Nächstes Jahr im März läuft Winkels Amtszeit allerdings aus und eine nächste wird es wohl nicht geben. Schäfer erklärt: "Wir müssen bei den Begehungen ja vom Dachboden bis runter in den Keller, das ist jetzt schon eine Herausforderung und ihm nicht noch weitere fünf Jahre zuzumuten." Winkel habe aber bis dahin aber noch mehrere Fälle in Bearbeitung. "Und er freut sich auch auf die Termine."

Der Abschied wird Winkel schwerfallen. Dass er nun als ältester Schöffe Deutschlands geehrt wird, darüber habe er schon geschimpft mit "seinem Hajo", wie er Schäfer nennt. "Ich hab ihm gesagt: Wie oft wollt ihr denn das noch rausziehen?" Aber natürlich freue er sich über die Anerkennung.

Vor allem habe ihn aber in all den Jahren gefreut, wenn er Leuten helfen konnte. An so einer Immobilie hänge ja oft einiges. "Manchmal haben wir Hoffnungen bestätigen können, manchmal mussten wir sie auch reduzieren, je nach Marktlage." Im Moment sei die Immobilienlage in Marburg einfach "verflucht", sagt er - zumindest für die, die ein Haus kaufen wollen.

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