Ein Demonstrant hängt im Dannenröder Forst kopfüber an einer Traverse.

Die Protestlager im Dannenröder Forst werden für den Ausbau der A49 geräumt. Dabei stürzten mehrere Waldbesetzer aus Bäumen und Bauwerken ab und verletzten sich schwer. Die Polizei und ein Friedensforscher sehen das mit Sorge.

Die Waldbesetzer im Dannenröder Forst sorgen für Aufsehen. Manch einem Beobachter stockt nicht selten der Atem. Denn sie klettern auf über 20 Meter hohe Bäume, teilweise bis in die Kronen. Schon leichter Wind bringt die bedenklich dünnen Ästen zum Schwanken.

Selbstgebaute Gebilde für den Sitzstreik

Andere bauen experimentell anmutende Konstrukte für Sitzstreiks. Sie hocken auf Holzpaletten oder einer Art Schaukel in der Luft, die mit Seilen zwischen Bäumen fixiert sind. Einige sitzen auf miteinander verbundenen Baumstämmen, sogenannten Tripods. Dort versehen sie ihren Protest bis zum Zugriff der Polizei, wenn sie nicht freiwillig aufgeben.

Ein Aktivist hangelt sich an einem Seil in luftiger Höhe entlang.

Die Polizei ist seit dem 10. November dabei, Teile des Dannenröder Forstes zu räumen. 27 Hektar Wald sollen gerodet werden, damit die A49 weitergebaut werden kann. Sie soll Kassel besser mit Gießen verbinden.

Verletzte bei gefährlich wirkenden Aktionen im Forst

Die Aktionen im Dannenröder Forst bei Homberg (Ohm) im Vogelsbergkreis wirken nicht ungefährlich. In den vergangenen Tagen stürzten wiederholt Mitstreiter aus mehreren Metern Höhe ab und verletzten sich.

Auch am Dienstag kam es zu einer brenzligen Situation, als ein A49-Gegner in fünf Metern Höhe auf eine Schaukel klettern wollte und ein Befestigungsseil riss. Die Person habe in letzter Sekunde einen Baum umklammert und so einen Sturz vermieden, berichtete die Polizei.

Polizisten transportieren die verletzte Person ab.

In einem anderen Fall wurde schnell deutlich: Tatsächlich zerschnitt ein Polizist das Sicherungsseil, das mit dem Tripod verbunden war. Für ihn sollen die Folgen aber nicht absehbar gewesen sein, befand die Staatsanwaltschaft Gießen. Die Ermittlungen laufen.

Ein weiterer Fall ereignete sich am vergangenen Samstag, als eine Aktivistin von einer zwischen Bäumen befestigten Europalette stürzte.

Die Gegner des Autobahn-Ausbaus gaben in beiden Fällen rasch der Polizei die Schuld. Und wenn sich Beamte bei ihren alltäglich Einsätzen den Demonstranten in Bäumen nähern, schallt ihnen entgegen: "Ihr gefährdet Menschenleben!" Das ist Warnung und Vorwurf zugleich.

Polizei: Ausbaugegner der A49 lebensgefährlich unterwegs

Die Polizei erklärt: Die Ausbaugegner brächten sich vielfach in erhebliche Lebensgefahr. "Die Einsatzkräfte finden in vielen Fällen sehr fragile Strukturen vor: Es werden Materialien verwendet, die weder für solche Bauten zugelassen, noch fachgerecht verwendet werden."

Komplexe Befestigungen und Seilverbindungen seien schwierig nachvollziehbar und sogar teilweise verdeckt. "Diese selbstgebauten Konstruktionen in großen Höhen stellen oftmals allein aufgrund ihrer Bauweise eine erhebliche Gefahr dar."

Eine Waldbesetzerin erklärte auf hr-Anfrage: "Wir wissen war wir tun. Die Baumhäuser wurden mit großem Verantwortungsbewusstsein erbaut. Auch wenn unsere Seile dünn wirken, halten sie viele Hundert Kilogramm aus."

Polizist holt einen Waldbesetzer bei einer Höhenrettung von einem Baum

Dennoch stellt sich die Frage: Welches Risiko tragen die Demonstranten selbst mit ihrer Protestform? Einer Protestform, die darauf abzielt, den Ordnungshütern die Räumung so schwer und zeitaufwendig wie möglich zu machen. Obendrein kostet jede Einsatzstunde Steuergeld - für ein Bauvorhaben, das vom Bundesverwaltungsgericht grünes Licht bekam.

"Sie riskieren ungeheuerlich viel"

Politologe Dr. Johannes Becker

Der Politologe und Friedensforscher Johannes Becker von der Universität Marburg beobachtet die Klettereien, Abstürze und Schuldzuweisungen mit Sorge. Er hegt zwar Sympathien für die Waldbesetzer, ist ebenfalls gegen den Ausbau der A49 - aus Gründen des Klimaschutzes, wie er sagt.

Doch er kritisiert: "Zunächst einmal gefährden sich die Demonstranten selbst. Sie riskieren ungeheuerlich viel." Wenn sie dann der Polizei den Schwarzen Peter zuweisen wollten, habe dies "etwas Perfides".

Becker, Mitbegründer des Marburger Zentrums für Konfliktforschung, findet, der Protest basiere auf zivilem Ungehorsam. "Das ist ein hohes Gut - ebenso wie das Demonstrationsrecht." Doch er beobachtet auch: In der breiten Bevölkerung schwinde das Verständnis für die kletternden Baumbesetzer.

Experte froh: Polizei gut ausgestattet

Die gute Ausstattung der Polizei und das Bestreben, dass niemand bei den Besetzungen verletzt werden soll, beruhigt Becker. "Ich bin froh, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der der Aufwand nicht gescheut wird, diese Leute unversehrt von den Bäumen zu holen. In anderen Ländern würden die Bäume ohne Rücksicht wahrscheinlich gefällt." Inklusive Waldbesetzer.

Becker vermisst bei der Masse der überwiegend friedlich demonstrierenden Waldbesetzer eine klare, nach außen sichtbare Distanzierung von den "Krawallos, die nach Hause geschickt werden sollten". Sie würden das Ansehen der Demonstranten untergraben.

Polizeieinsatz im Dannenröder Forst

Großteil des Protestes friedlich

Am Montag war ein Gestell der Waldbesetzer aus Baumstämmen in Richtung von Einsatzkräften zusammengestürzt. Die Polizei vermutet einen gezielten Angriff auf die Beamten. Zuletzt berichtete die Polizei zudem wiederholt, dass Einsatzkräfte mit Zwillen beschossen, mit Steinen und Flaschen beworfen sowie mit Pyrotechnik attackiert worden seien. Doch es zeigt sich auch: Das Gros der Demonstranten agiert friedlich.

In Gesprächen mit einzelnen Ausbaugegnern im Wald wird deutlich: Sie haben Angst um ihr Leben. Fürchten, dass die Polizei aus Zeitdruck zu schnell agiere.

Warum sie dann nicht gehen? Jemand namens Danniele sagt: Man lebe dort seit über einem Jahr zusammen. Man habe den Wald und die Mitstreiter kennen und lieben gelernt. "Das ist eine emotionale Geschichte. Wenn deine Freunde oben im Baum sitzen und alles riskieren, um diesen Wald zu retten, kannst du nicht einfach gehen."

Ausbaugegner wollen nicht kriminalisiert werden

Demonstrant sitzt auf einem Stuhl vor dem Dannenröder Forst

Viele von ihnen kämpfen für eine offenere Gesellschaft. Danniele sagt: "Ich wünschte mir, dass unser Protest nicht kriminalisiert würde." Rein rechtlich dürfte in diesen Bäumen niemand sitzen, das ist ihnen klar.

Doch sie empfinden das als ungerecht: "Wenn das Recht nur auf Seiten der Großkonzerne und Lobbyisten ist, dann müssen wir eben selbst für Recht sorgen." Eine Haltung, die jede Diskussion schwierig macht und zeigt, wie verhärtet die Fronten sind im Dannenröder Forst.