Umweltaktivisten protestieren im Dannenröder Forst mit einem Transparent und einer Rauchfackel gegen den A49-Ausbau

Nach zwei Monaten fielen die letzten Bäume für die A49-Trasse durch Herrenwald und Dannenröder Forst. Vorbei ist der Kampf um den Autobahnausbau damit nicht - sagen Waldbesetzer und Polizei.

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zum Video Dannenröder Forst: Polizei und Waldbesetzer ziehen Bilanz

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Die vergangenen Monate haben allen ziemlich viel Kraft gekostet, das ist sowohl den Aktivisten als auch den Sprechern der Polizei bei ihren Pressekonferenzen am Mittwoch anzumerken.

Jeden Tag waren rund 2.000 Polizisten auf der einen und mehrere hundert Ausbaugegner auf der anderen Seite im Wald. Bei Temperaturen um die null Grad sind sie durch den schlammigen Boden zwischen hunderten Barrikaden aus Baumstämmen und Stacheldraht herumgelaufen. Die Stimmung wurde zuletzt immer angespannter.

"Es gab friedlichen Protest, aber auch Gewalt", bilanziert die Sprecherin der Polizei, Sylvia Frech. Ihr Kollege, Jochen Wegmann, ergänzt: "Unsere Beamten wurden zum Teil mit Schlägen und Tritten angegriffen, mit Zwillen beschossen oder auch mit Fäkalien beworfen."

A49-Ausbaugegner: "Junge Menschen traumatisiert"

Gewaltvorwürfe gibt es auch von der anderen Seite. Charlie Linde vom Bündnis der Ausbaugegner sagt: "Im Dannenröder Wald wurden junge Menschen traumatisiert und nachhaltig beeinflusst von der staatlichen Gewalt. Sie standen für ihre Zukunft ein und wurden wortwörtlich von der Polizei weggeprügelt." 

Wie viele Aktivisten bei den Protesten verletzt wurden, ist nicht klar. Durch die Räumungen waren zwei Waldbesetzer von Plattformen gestürzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Polizei mit Einsatz zufrieden

Polizeisprecherin Frech räumt ein, dass einzelne Kollegen auch Fehler gemacht hätten. Gegen einen Polizisten laufe etwa ein Disziplinarverfahren, weil er mit einem Totenkopf auf dem Helm im Einsatz gewesen sein soll.

Insgesamt ist die Polizei aber der Ansicht, dass der Einsatz bisher erfolgreich verlaufen sei. Über 500 Barrikaden und Baumhäuser wurden geräumt, über 1.000 Aktivisten festgenommen.

Mehrere Ausbau-Gegner noch in Untersuchungshaft

Mehrere Ausbau-Gegner sitzen noch in Untersuchungshaft. Drei Personen von zeitweilig acht sind es noch nach Taten in Mittelhessen, wie die Staatsanwaltschaft Gießen mitteilte. Dabei gehe es um Vorwürfe wie versuchte tödliche Angriffe auf Polizeibeamte und Landfriedensbruch.

Eine Person befindet sich noch in Frankfurt in U-Haft, wie die dortige Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitteilte. Zeitweilig seien es dort neun Personen gewesen. Doch da sie zwischenzeitlich ihre Namen genannt haben, so dass keine Verdunkelungsgefahr besteht, wurden sie aus der Haft entlassen, wie Behörden-Sprecherin Nadja Niesen sagte.

Barrikaden aus aufgeschichtetem Holz und Stacheldraht
Weitere Informationen

Bilanz der Polizei in Zahlen

  • über 500 Barrikaden, Strukturen und Baumhäuser geräumt
  • über 1.000 Aktivisten in Gewahrsam genommen
  • rund 3.200 Identitäten überprüft
  • rund 2.500 Platzverweise erteilt
  • Ermittlungen wegen rund 450 Straftaten und 1.550 Ordnungswidrigkeiten
  • Polizisten aus allen Bundesländern und der Bundespolizei im Einsatz
  • rund 80 verletzte Polizisten (zum Großteil leichte Verletzungen, auch ohne Fremdeinwirkungen)
  • mehrere verletzte Waldbesetzer (genaue Zahl nicht bekannt)
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Die Kosten des Polizeieinsatzes verraten die Sprecher nicht. Dafür sei es noch zu früh, denn komplett zurückziehen könnten sich die Beamten noch nicht.

Neue Aktionen angekündigt

Die Ausbaugegner haben weitere Protestaktionen angekündigt. Dazu zählen wohl auch wieder Autobahnblockaden. Auch wenn sie die Rodungen nicht stoppen konnten, sind die Aktivisten mit ihrem Protest zufrieden.

Abseil-Aktion auf A485

Sprecherin Charlie Linde: "Eine Autobahn, vor vielen Jahrzehnten ein Symbol für Freiheit und Wohlstand, muss 2020 mit Nato-Stacheldraht, Wasserwerfern und massiver Polizeigewalt verteidigt werden. Wir haben das System genau da getroffen, wo es weh tut."

Große Vorwürfe machen die Ausbaugegner der Bundes- und der Landesregierung. Besonders aber den hessischen Grünen. Denen sei der Koalitionsfrieden mit der CDU wichtiger als das Wohlergehen der nächsten Generationen.

"Jetzt beginnt Phase zwei"

Für die Ausbaugegner geht es um mehr als nur die A49 oder den Dannenröder Forst. Sie wollen generell den Neubau von Autobahnen stoppen, wie die Sprecherin sagt: "Jetzt beginnt sozusagen die Phase zwei in unserem Protest. Wir hören erst auf, wenn die letzte Autobahn verhindert ist und kein Wald mehr von der Abholzung bedroht ist. Auto-Deutschland hat dicke Dellen bekommen. Und das hier ist erst der Anfang."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 9.12.2020, 19.30 Uhr