Katia und Mervan Kheder beim Interview

Eine Schülerin der Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen ist wenige Monate vor dem Realschulabschluss mit ihrer Familie abgeschoben worden – die Schulgemeinde ist schockiert und setzt sich für eine Rückkehr ein.

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hs
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Katia Kheder hätte in drei Monaten ihren Realschulabschluss in der Tasche gehabt. Jetzt sitzt sie mit ihrem Bruder Mervan und Mutter Aziazh Hamou Kheder in einem Hostel in Bulgarien und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Zu Hause in Wolfhagen protestieren währenddessen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Lehrkräfte der Walter-Lübcke-Schule gegen die Abschiebung, wie zunächst die HNA berichtete.

Mitten in der Nacht nach Bulgarien ausgeflogen

Katia Kheder und ihre Familie stammen ursprünglich aus Syrien. Über Bulgarien waren sie vor drei Jahren nach Deutschland gekommen und hatten in Wolfhagen (Kassel) ein neues Zuhause gefunden. Im Ort galten sie als gut integriert. "Als ich in Deutschland war, war es so, als ob ich in meiner Heimat bin. Meine Mutter sagte: 'Wenn wir in Deutschland sind, ist alles gut - wir bleiben da'", sagt die Schülerin am Donnerstag dem hr per Videoschalte aus Bulgarien.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland hatte die Familie einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde. Die Abschiebung nach Bulgarien war angedroht, eine Klage gegen diesen Bescheid sei Ende letzten Jahres abgewiesen worden, erklärt Hendrik Kalvelage vom Regierungspräsidium Kassel. In der Nacht zum 24. März wurde Familie Kheder schließlich abgeholt und nach Bulgarien ausgeflogen.

"Wir haben richtig Angst gehabt"

Dieser Tag sei eigentlich wie immer gewesen. Um Mitternacht habe es dann geklopft, mehr als 15 Polizisten hätten vor der Tür gestanden, erzählt Mervan Kheder. "Ihr müsst leider dieses Land verlassen, haben sie gesagt", erinnert sich der 19-Jährige. "Wir haben richtig Angst gehabt", ergänzt seine Schwester. Mit dem Bus seien sie nach Frankfurt gebracht und dann nach Bulgarien geflogen worden.

Zu Hause in Wolfhagen ist die Empörung über das Vorgehen der Behörden groß. Die Schulleitung, das Kollegium sowie die gesamte Schulgemeinde der Walter-Lübcke-Schule zeigt sich auf der Homepage der Schule schockiert.

Mitschülerin: Mit der falschen Schule angelegt

Charlotte Krapf ist eine Mitschülerin von Katia. Diese habe schon lange Angst vor einer Abschiebung gehabt, berichtet Krapf. Daher sei sie froh gewesen, ihre Klassenkameradin nach den Weihnachtsferien im Video-Unterricht zu sehen. Doch eines Tages sei Katia plötzlich nicht mehr dabei gewesen.

Ihrem Englisch-Lehrer Stefan Zindel habe man sofort angemerkt, dass etwas nicht stimme, so Krapf. Er habe dann erzählt, dass Katia nach Bulgarien ausgeflogen wurde. "Ungerecht" findet Krapf das, sie wünsche sich, dass Katia eine Chance bekomme - und gibt sich kämpferisch. "Die Behörden haben sich mit der falschen Schule angelegt", sagt sie. Sie sei sicher, dass er ermordete Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke das auch so gesehen hätte.

Ausbildungsplätze für die Geschwister waren sicher

Katia habe sich bereits im Dezember, nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichts, von ihm verabschiedet, erklärt Englisch-Lehrer Zindel. Er sei aus allen Wolken gefallen und habe Henning Riedel, den Sozialarbeiter der Schule, mit ins Boot geholt. Dieser habe die Familie immer wieder beim Gang zur Ausländerbehörde begleitet.

Im März habe die Familie dann eine Duldung bis Anfang April bekommen. Gemeinsam mit Riedel habe er Ausbildungsplätze für die Geschwister organisiert. Katia habe eine Zusage für eine Ausbildung in einer Altenpflegeeinrichtung, ihr Bruder Mervan sollte in einem Bauunternehmen starten. Die Zusagen hätten ihnen Sicherheit gegeben, berichtet Mervan: "Als wir die Ausbildungsplätze hatten, waren wir zu 100 Prozent sicher, dass wir nie im Leben abgeschoben werden."

Henning Riedel, Stefan Zindel und Charlotte Krapf (v.l.) vor der Walter-Lübcke-Schule.

Am 28. März habe man den Antrag auf Ausbildungsduldung stellen wollen. Dazu sei es jetzt wegen der Abschiebung nicht mehr gekommen. Ein Skandal, findet auch Bauunternehmer Frank Düsterwald. Er habe Mervan als Auszubildenden fest eingeplant.

Die Schulgemeinde der Walter-Lübcke-Schule kämpft jetzt mit einer Petition gegen die Abschiebung der Schülerin sowie ihrer Familie und hat ein Spendenkonto eingerichtet. Man wolle alles tun, um die drei zurückzuholen, so Zindel.

Mehrmonatige Einreisesperre für die Familie

Beim Regierungspräsidium in Kassel lag offensichtlich keine Information über Schulabschluss und Ausbildung vor, so Katrin Wallmanns, Pressesprecherin der Behörde. Man könne nicht sagen, ob die Kenntnis darüber etwas an der Abschiebung geändert hätte.

Eine Rückkehr nach Deutschland sei so erstmal nicht möglich, erklärt Walmanns. Da die Familie abgeschoben wurde und nicht freiwillig ausgereist sei, verhänge das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine mehrmonatige Einreisesperre.

Kritik an Abschiebepolitik

Die Abschiebepolitik in Hessen steht in der Kritik. Erst kürzlich hatte die integrationspolitische Sprecherin der Linken, Saadet Sönmez, die schwarz-grüne Landesregierung kritisiert. Sie sei "meilenweit entfernt von einer humanen Abschiebepolitik" und mache auch da, wo sie Spielraum hätte, keine Anstalten, sich für nachhaltige Integration einzusetzen und Menschen eine Bleibeperspektive zu geben.

Ihre Perspektive sehen die Geschwister Kheder in Deutschland. Und sind unglaublich dankbar, dass sich so viele Menschen für sie einsetzen. “Wir haben da Freunde, die Schule”, erzählt Katia. Ihr Bruder ergänzt: "Meine Freunde sagen, wir warten auf dich, egal wann du kommst, wir sind für dich da".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 08.04.2021, 19.30 Uhr