Aktivisten bei einer Ackerbesetzung mit Pflanzaktion in der Gemeinde Neu-Eichenberg (Werra-Meißner).
Aktivisten bei einer Ackerbesetzung mit Pflanzaktion in der Gemeinde Neu-Eichenberg (Werra-Meißner). Bild © hr

Umweltaktivisten haben einen Acker im Werra-Meißner-Kreis besetzt. Hier soll ein 80 Hektar großes Logistikzentrum entstehen. Der Protest richtet sich gegen die Versiegelung von Böden.

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Umweltaktivitisten haben mit einem buntgestreiften Zirkuszelt und einer Gemüse-Pflanzaktionen dem Bensheimer Investor Dietz AG den Kampf angesagt: Sie besetzten einen Acker in der Gemeinde Neu-Eichenberg (Werra-Meißner), auf einem Schild steht "Der Acker bleibt".

Die Dietz AG plant Logistikhallen auf rund 80 Hektar Land. Am Ende wird der Komplex größer sein als das Dorf Hebenshausen, das direkt an das Gebiet grenzt.

Gut für Lkw - schlecht für die Umwelt?

Von dort aus erreichen Lkw innerhalb von wenigen Minuten die A38 und die A7 - aus Logistiker-Sicht ein gut gelegener Ort. Nicht für die Umweltaktivisten. Seit Samstag ist die "Aktionsgruppe Acker bleibt" vor Ort.

Sie haben sich mit Camp-Küche und Schlafmöglichkeiten zum Bleiben eingerichtet, sagte Aktivist Kalle Theodor am Montag dem hr: "Wir bleiben, bis die Dietz AG sich vom Acker macht".

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Es gehe ihm und seinen Mitstreitern um eine 'kleinbäuerliche Landwirtschaft von unten', das Logistikzentrum sei 'katastrophal' für die Gegend und die Umwelt. Am Montag pflanzten sechs Aktivisten demonstrativ Fenchel und Mangold - für eine grüne Zukunft auf dem Areal.

Die Aktivisten auf dem Acker sind nicht die einzigen, die gegen die Bebauung sind: Die Bürgerinitiative für ein lebenswertes Neu-Eichenberg (NEB) protestiert schon länger gegen die Logistikhallen. Ihre Onlinepetition "Beton kann man nicht essen" hat mittlerweile 3.404 Unterstützer.

Sie kritisieren, dass hochwertiger Ackerbau versiegelt wird, die Lkw Lärmbelästigung und Feinstaub mitbringen - und die Gemeinde am Ende finanziell nichts davon habe. Laut NEB gebe es bereits 1,1 Millionen Euro Planungskosten für die Gemeinde, dazu kämen 13 Millionen Euro für die Erschließung des Gebiets.

Logistikzentrum in der Ökolandbau Modellregion

Die Gegend gehört außerdem zur "Ökolandbau Modellregion Nordhessen" - sie soll Vorreiter und Vorbild beim Öko-Landbau sein. Die Universität Kassel-Witzenhausen forscht im Werra-Meißner-Kreis zu ökologischen Agrarwissenschaften, auf der Internetseite wird für Bio-Apfelchips und "Braten-Patenschaften" für Öko-Rinder geworben. Gefördert wird die Bio-Initiative vom Umweltministerium.

Die Bürgerinitiative NEB verweist auf Ziele des Umweltbundesamts für die Zukunft: Bis 2020 soll die Versiegelung durch Siedlungen oder Verkehr auf 30 Hektar pro Tag verringert werden. 2014 wurden in Deutschland immerhin noch 69 Hektar am Tag versiegelt.

Besetzung wird geduldet

Noch ist das Land Hessen Eigentümer der künftigen Logistik-Fläche. Die Gemeindevertretung von Neu-Eichenberg muss noch abschließend über die Änderung des Bebauungsplans abstimmen. Der stellvertretende Bürgermeister Achim Albrecht-Vogelsang (parteilos) schätzt, dass die Sache bis Ende Juni entschieden ist und der Startschuss für den Bau bis zum Herbst fallen könnte.

Die Proteste sieht er entspannt: "Das darf der Bürger und das Land duldet das", sagte er am Montag. Dass die Gemeinde am Ende finanziell nichts vom Logistikzentrum habe, glaubt er nicht - er sei da optimistisch.

Weniger ruhig sieht er den Konflikt innerhalb seiner Gemeinde zwischen Unterstützern der Bürgerinitiative NEB und den Befürwortern des Logistikneubaus, das gehe schon mal unter die Gürtellinie. Ehrenamtliche Gemeindevertreter würden offen kritisiert, der Streit werde sogar über die eigenen Kinder ausgetragen.

Investor: Ball liegt bei Gemeinde und Land

Investoren und Gemeinde haben vereinbart, dass 20.000 Quadratmeter der Gemeinde zur Verfügung gestellt würden. Als weiteres Entgegenkommen soll die Bebauung maximal 15 Meter hoch sein. Die Hoffnung auf Arbeitsplätze ist noch ungewiss, bis zu 2.000 Jobs oder mehr könnten im Logistikzentrum entstehen. Bisher bleibt es allerdings bei Schätzungen. Auch wie viele Lkw künftig durch die Gegend fahren werden, ist noch ungewiss.

Die Dietz AG zeigt sich vom bunten Umwelt-Protest wenig beeindruckt: Man sehe zwar "mit Sorge, dass durch die Besetzung Eigentümerrechte nicht respektiert werden" - das sei allerdings das Problem vom Land als Eigentümer. Wann es losgehen soll mit dem Bau und wann dieser abgeschlossen sein wird, konnte die Dietz AG nicht beantworten, dazu müssten Land und Gemeinde ihre Vertragspflichten erst erfüllen, teilte das Unternehmen mit.

Wer das Logistikzentrum künftig nutzen soll, beantworte das Unternehmen nicht, sagte eine Sprecherin, solange der Ball bei Gemeinde und Land liegen würde, die "ihre Hausaufgaben" machen müssten.

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", sagt hingegen der stellvertretende Bürgermeister Albrecht-Vogelsang. Er bereitet sich schon auf die Phase nach dem Bau vor: "Wir werden große Mühe haben, die Gräben in der Gemeinde wieder zu schließen."