Prostitution Sujet

Die Bordelle in Hessen sind geschlossen, also bieten viele Prostituierte in Wohnungen ihre Dienste an. Ein Wohnungsbesitzer in Pohlheim hat daraus ein Geschäft gemacht - und sich damit keine Freunde unter den Nachbarn gemacht. Die Fronten sind verhärtet.

Die Gegend sieht ziemlich unscheinbar aus. Ein Wohnblock aus Mehrfamilienhäusern, dazu Parkplätze und spielende Kinder auf der Wiese in der Mitte. Typisch Kleinstadt eben. Seit mehreren Jahren fühlen sich einige der Anwohner hier in Pohlheim (Kreis Gießen) aber um ihre Idylle betrogen.

Denn in einem der Häuser gibt es eine Vierzimmerwohnung, die während der Pandemie immer wieder von verschiedenen Prostituierten für ihre Dienste genutzt wird. Wenn Herr Müller (Name geändert) an der Wohnung in seinem Haus vorbeigeht, hört er schon mal Dinge, die nicht für seine Ohren bestimmt sind - und auch nicht für die der anderen Bewohner.

Immer wieder fremde Männer im Haus

Auch seine Lebensgefährtin hat regelmäßig Begegnungen mit den Prostituierten und ihren Freiern. "Immer wieder halten hier Autos, Männer steigen aus und fragen, wo denn hier das Hotel ist. Rund eine Dreiviertelstunde später kommen sie dann wieder raus", erzählt sie.

Dass, so sagt Frau Müller, jeden Tag fremde und zwielichtige Menschen durch ihr Haus liefen, mache ihr Sorgen. Sie und ihr Lebensgefährte seien Risikopatienten. Auch Herr Meier (Name geändert), ein weiterer Nachbar, fragt sich, wie ein solcher Publikumsverkehr ungeachtet der Kontaktbeschränkungen möglich sein könne.

Tatsächlich herrschte bei den hessischen Ordnungsbehörden lange Unklarheit beim Thema Prostitution während Corona. Die Corona-Verordnung (CoKoBeV) untersagt nämlich nur den Betrieb von "Prostitutionsstätten". Anfang März hat das Sozialministerium dann erläutert, was das genau heißt: Bordelle bleiben dicht, nur wenn Prostituierte ihre Dienste in ihrer eigenen privaten Wohnung anbieten, ist das legal.

Wohnung wird im Internet angeboten

Doch die Wohnung in Pohlheim gehört nicht einer der Prostituierten, sondern einem privaten Vermieter. Deshalb ist hier Prostitution wegen der Corona-Verordnung tabu. Das Ordnungsamt in Pohlheim bestätigt, dass es Ermittlungen gebe. Zu den Umständen will es sich nicht äußern.

Der Vermieter gibt auf hr-Anfrage an, nichts von einem Problem zu wissen. Er vermiete seine Wohnung völlig legal über Internetportale an Jedermann. Tatsächlich kann man die Wohnung im Internet zum Beispiel als Tourist mieten. Die Kommentare klingen allerdings nicht besonders einladend. Ein Gast schreibt etwa: "Hat ein wenig was von Liebeszimmer."

Diesen Verdacht hatte Mitte letzten Jahres auch Herr Meier. "Nachts sind dann irgendwelche Autos mit aufgedonnerten Motoren auf den Hof gefahren, da stiegen dann zwei, drei Girls aus und dazugehörige Männer, die waren dann zwei, drei Stunden in der Wohnung und sind wieder abgefahren."

Kontrollen zeigen keine Wirkung

Nachdem das mehrmals passiert sei, hätten er und andere Nachbarn das Ordnungs- und Gesundheitsamt kontaktiert. Ende November vergangenen Jahres gab es dann die erste Kontrolle. "Danach haben sie mir gesagt, dass sie in der Wohnung drei Prostituierte inklusive Zuhälter angetroffen und des Hauses verwiesen hätten", berichtet Herr Meier.

Offenbar kein nachhaltiger Erfolg. "Eine Woche später kamen wieder Polizei, Ordnungsamt und Gesundheitsamt und haben eine Großkontrolle durchgeführt. Da haben sie wieder vier Prostituierte, deren Zuhälter und die entsprechenden Kunden rausgeholt."

Das Spiel wiederholt sich noch mehrere Male: Immer wieder wird kontrolliert, immer wieder werden Prostituierte und Freier im Wohnhaus erwischt. Zum Teil wird es abenteuerlich, einmal versucht ein Zuhälter zu fliehen, indem er vom Balkon der Wohnung im etwas erhöht gelegenen Erdgeschoss springt.

Nachbarn vor Gericht gescheitert

Die Behörden versiegeln schließlich die Wohnung, geben sie aber nach ein paar Tagen wieder frei, wie Herr Meier berichtet. Er fühle sich in seinem Wohnhaus nicht mehr sicher und von den Behörden im Stich gelassen.

Mehrere Mieter und Wohnungseigentümer erzählen bei einem Besuch vor Ort, dass sie sich unwohl mit der Situation fühlten. Ihre Namen wollen sie aber nicht lesen - aus Angst, dass der Streit zwischen dem Eigentümer der Erdgeschosswohnung und den Hausbewohnern noch weiter eskaliert.

Zwischen ihnen und dem Vermieter der Wohnung herrscht inzwischen Funkstille. Herr Meier berichtet, dass er und andere Hausbewohner den Vermieter gebeten hätten, die Kurzzeitvermietung zu stoppen. Das hätte dieser abgelehnt: Er wolle die Kosten für eine Renovierung wieder reinholen.