Menschen sitzen auf Bänken im Bethmannpark

Raus vor die Tür! Das empfiehlt der Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch mit Blick auf die Corona-Entwicklung. Zusammen mit Kollegen hat er einen Offenen Brief geschrieben. Die Devise: Corona ist ein Innenraum-Problem - die Politik soll zum Rausgehen motivieren.

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Drinnen lauert die Corona-Gefahr, draußen kann man weit sorgloser sein, sagen Wissenschaftler der Gesellschaft für Aerosolforschung und haben einen Offenen Brief an die Bundeskanzlerin, den Bundesgesundheitsminister und die Ministerpräsidenten geschrieben.

"In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen", heißt es darin. Dass die Gefahr drinnen und nicht draußen lauert, zeige sich allerdings nicht bei politischen Maßnahmen: In Parks werden Kontakt-Verstöße geahndet, beliebte Flaniermeilen abgeriegelt und nächtliche Ausgangssperren verhängt.

Einer der Initiatoren des Offenen Briefes ist der ehemalige Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin (ISAM), der Physiker Gerhard Scheuch aus Gemünden (Waldeck-Frankenberg). Im Interview spricht er über Sinn und Irrsinn von Maßnahmen und warum man durchaus mit 30 Leuten Spazierengehen könnte.

hessenschau.de: Seit Corona wissen viele überhaupt erst, was Aerosole sind und dass durch die winzigen Tröpfchen Corona übertragen werden kann. Sie haben zusammen mit anderen Aerosol-Forschern einen Offenen Brief geschrieben. Warum gerade jetzt?

Gerhard Scheuch: Wir haben gerade über die Osterfeiertage gesehen, dass wir uns auf die falschen Orte konzentriert haben: Da wurde eine Katastrophisierung ausgelöst, in Köln wurde das Rheinufer gesperrt, in Hessen Ausflugsziele, Sportveranstaltungen oder Massenansammlungen in Parks werden verurteilt. Da dachten wir: Das geht in die völlig falsche Richtung. Die Erkenntnisse der Aerosolforschung zeigen ganz deutlich, dass wir ein Innenraum-Problem haben. Das heißt, die Ansteckungen finden zu 99,9 Prozent drinnen statt. Und da haben wir gesagt, wir müssen unsere Stimme nochmal erheben, sonst gehen die Corona-Maßnahmen am Ziel vorbei.

hessenschau.de: Haben Sie das Gefühl, das alles ist bei der Politik noch nicht angekommen? Man muss sich ja seit Monaten durchrechnen, wie viele Leute aus wie vielen Haushalten darf ich jetzt draußen zum Spazierengehen treffen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Aerosolforscher Scheuch: "Wir haben ein Innenraum-Problem"

Der Physiker Gerhard Scheuch
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Scheuch: Ich glaube, die Politik hat wirklich noch nicht ganz verstanden, wie Aerosolübertragungen stattfinden. Die finden dadurch statt, dass sich eine Aerosolwolke anreichert, also aufkonzentriert und das passiert in Innenräumen. Wenn ich mich da als Infizierter aufhalte, dann wird die Konzentration immer höher - und wenn dann jemand den Raum betritt, steckt er sich schnell an.

Das passiert im Außenbereich überhaupt nicht. Wenn ich dort ausatme, verfliegt die Aerosolwolke sofort und verdünnt sich. Es entsteht nicht die Konzentration, um sich zu infizieren. In einer irischen Studie wurde gerade festgestellt, von 232.000 Infektionen waren 262 im Außenbereich, also 0,1 Prozent.

hessenschau.de: Wie kümmert man sich denn um das Innenraum-Problem? Viele müssen noch ins Büro und in die Schule, fahren dort auch mit Bus und Bahn hin.

Scheuch: Das ist das schlechteste, was man machen kann: Die Anreise der Schüler in Bussen, wo alle Klassen gemischt sind. Ich habe in meinem Raum zum Beispiel einen Raumluftfilter, noch viel wichtiger ist das Lüften. Auch sehr wichtig ist, die Aufenthaltszeit zu reduzieren, die spielt eine ganz erhebliche Rolle. Man könnte in Schulen die Unterrichtsstunde auf 30 Minuten reduzieren. Wir fordern, Außenbedingungen in Innenräumen zu schaffen. Wir müssen die Aerosolwolken, die wir produzieren, so schnell wie möglich verdünnen und aus dem Zimmer schaffen.

Und, was auch von Beginn der Pandemie an gesagt wurde, man sollte sich mit möglichst wenigen Leuten drinnen in Räumen treffen - draußen ist das ungefährlich. Auch in der Fußgängerzone Maske tragen, ist nicht unbedingt notwendig, außer man steht längere Zeit eng zusammen. Dann macht das Sinn.

hessenschau.de: Also weiterhin lieber fünf Leute zum Spazierengehen treffen als eine Person drinnen auf einen Kaffee?

Scheuch: Sie können auch mit 30 Leuten spazieren gehen, das spielt keine Rolle. Da werden Sie sich nicht anstecken. Aber wenn drinnen einer infiziert ist, wird es gefährlich.

hessenschau.de: Im Winter hatten Sie gefordert, dass man das Skigebiet Willingen öffnen soll, damit die Leute rausgehen. Gleichzeitig wurden die Schneegebiete in Hessen abgeriegelt wegen Angst vor Überfüllung. Aktuell gibt es in Regionen Ausgangssperren ab 21 Uhr abends – wenn sowieso nicht mehr viel los ist auf den Straßen. Manche fragen da nach dem Sinn dieser politischen Maßnahmen.

Scheuch: Die Kommunikation ist katastrophal. Wenn man über Ausgangssperren redet, dann suggeriert man den Menschen: "Achtung! Draußen ist es gefährlich, bleibt drinnen." Aber genau das Gegenteil ist der Fall, man muss die Leute motivieren, raus zu gehen. Ich sage immer, Open Air statt Lockdown und Ausgangssperren. Jede Stunde, die wir uns draußen aufhalten, senkt das Risiko, sich anzustecken um vier bis fünf Prozent.

hessenschau.de: Haben Sie Hoffnung, dass Ihr Offener Brief zu Reaktionen führt?

Es gibt gerade massiv viele Anfragen. Ich bin auch direkt mit einigen Politikern und mit den Beraterkreisen in Kontakt. Ich hoffe, dass wir etwas bewirken können.

Das Gespräch mit Gerhard Scheuch führte Sonja Süß.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 12.04.2020, 16.45 Uhr