Computer beim Arzt
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Die elektronische Patientenakte rückt näher. In diesem Jahr werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Ärzte und Krankenkassen Daten von Patienten online abrufen können. Mediziner aus dem Lahn-Dill-Kreis warnen vor dem Projekt.

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hs

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Sie soll dem Arzt schnelle Informationen bringen und dem Patienten eine bessere Versorgung: Die Vorteile der neuen elektronischen Patientenakte liegen auf der Hand. Peter Franz, Hausarzt in Ehringshausen-Katzenfurt, überzeugen diese allerdings nicht. Der Vorsitzende des Arztnetzes im Lahn-Dill-Kreis ist ein entschiedener Gegner der elektronischen Patientenakte. Denn so praktisch sie auch sei, sicher sei sie nicht, findet er und wiederholte damit seine Kritik, die er bereits vor einigen Tagen im Gießener Anzeiger geäußert hatte.

"Wir haben ungefähr 170.000 Ärzte in Deutschland, dazu kommen drei bis vier Helferinnen pro Praxis, Krankenkassenmitarbeiter sowie Wartungspersonal, das sich um die elektronische Verwaltung kümmert. Hochgerechnet sind es zwei Millionen Menschen, die Zugang zu diesen Akten haben werden", meint Franz. Er wolle aber nicht, dass Fremde Zugriff auf die Daten seiner Patienten haben.

Hausarzt Peter Franz
Hausarzt Peter Franz ist ein Gegner der neuen elektronischen Patientenakte. Bild © Mike Marklove

Eingeführt werden soll die neue Patientenakte Anfang 2021: Dann sollen die Daten aller Patienten auf eine Daten-Cloud im Internet hochgeladen werden und für Ärzte und weitere Beschäftigte der Gesundheitsbranche zentral abrufbar sein. In diesem Jahr werden die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Hacker könnten Patientendaten veröffentlichen

Franz weist darauf hin, dass sich Hacker unerlaubten Zugang zu den teils sensiblen Patientendaten verschaffen könnten. "Wir haben es ja schon in Australien gesehen, dort konnte man im Darknet für 30 australische Dollar Einsicht in fremde Akten illegal erwerben", so der Arzt.

Die Folgen könnten gravierend sein - zum Beispiel, wenn ein Arbeitgeber die Patientenakte eines Bewerbers einsehen möchte. "Nehmen wir an, sie oder er hätte HIV und der Personalchef sieht das. Dann entscheidet er sich womöglich, diese Person nicht einzustellen", meint Franz.

Franz sieht sich mit seiner Kritik nicht alleine. Viele seiner Patienten können sich auch nicht mit der Idee anfreunden, dass ihre Akten online abrufbar sein könnten. "Es kann ja jeder mit dir machen, was er will. Du bist zu jeder Zeit durchsichtig", sagt Patientin Marion Hoffmann. Und Achim Hofmann fügt an: "Selbst der Bundestag wird gehackt."

Wer nicht mitmacht, wird bestraft

Bislang haben sich laut der Betreiber der Geräte, mit denen die Ärzte an das zentrale Netz angebunden werden, 40 Prozent der Kollegen dem System angeschlossen, wie Franz berichtet. "Gefühlt sind es aber weniger." Viele seiner Kollegen zögen in Erwägung, eine Strafe zahlen, anstatt sich hinterher mit juristischen Streitereien herumzuschlagen. Dabei fällt die Strafe durchaus ins Gewicht – wer sich nicht dem Netz für die elektronische Patientenakte anschließen will, muss ein Prozent vom Bruttohonorar bezahlen.

Franz fordert, dass die Patienten ihre Daten auch auf den Krankenkassen-Gesundheitskarten abspeichern und selbst mit sich führen können. Erst wenn diese Karten in ein Lesegerät eingeführt würden, bekäme der behandelnde Arzt Zugriff auf die Informationen – ähnlich wie bei einem USB-Stick.

Kassenärztliche Vereinigung weist Kritik zurück

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es wenig Verständnis für die Kritik der Hausärzte. "Wir müssen uns in Deutschland die Frage stellen, was wir eigentlich wollen", sagt Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Wolle man dem Patienten eine elektronische Befundsammelbox anbieten, in der mehr oder weniger zufällig stehe, welche Anliegen der Patient habe? Oder wolle man eine Akte, mit der Menschen im gesamten Gesundheitswesen die Patienten behandelten?

Dastych räumt ein: Ein gewisses Restrisiko, dass die Patientendaten in falsche Hände gelangen könnten, bestehe durchaus. "Wenn wir 100 Prozent Sicherheit wollen, dann müssen wir uns von der Digitalisierung verabschieden." Wenn man eine schnellere und effizientere Patientenversorgung wolle, dann führe kein Weg an der elektronischen Patientenakte vorbei.

Dastych verweist dabei auf Länder, in denen das System sehr gut funktioniere – so wie etwa in Estland. Hier hätten die Bürger digitale Identitäten. "Man hat einen Ausweis mit einem Chip, den gibt man in ein tragbares Lesegerät und dann muss man sich noch mit einem Passwort und einem zusätzlichen Pin anmelden." In Estland sei nicht nur die digitale Patientenakte online, sondern auch die Steuerakte.