Junge sitzt deprimiert mit dem Handy auf einem Sofa

Sie ziehen sich zurück, werden lethargisch und entwickeln verstärkt Krankheitssymptome - über die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche haben sich Experten in Frankfurt ausgetauscht. Dabei ging es auch darum, was Eltern tun können.

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hs
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Mehr psychische Auffälligkeiten und Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie - Wissenschaftler schlugen in jüngster Zeit in mehreren Studien Alarm. Die Landesärztekammer Hessen hat nun einen "Runden Tisch" initiiert, um über Erfahrungen, Vorbeugung und Warnsignale zu sprechen.

"Brennglaseffekt" verstärkt Symptome

Mehrere Experten sprachen dabei am Dienstag in Frankfurt einen "Brennglaseffekt" der Pandemie an. "Wir stellen häufig fest, dass Symptome stärker ausgeprägt sind als vor Corona", sagte die Kinder- und Jugendpsychiaterin Martina Pitzer, Direktorin einer Fachklinik in Eltville.

So habe es eine deutliche Zunahme von Essstörungen gegeben mit massiv untergewichtigen jungen Patienten, die in die Klinik gekommen seien. Auch sehe sie eine Zunahme vor allem bei Patientinnen mit ausgeprägter Depression bis hin zu Gedanken an einen Suizid oder Versuchen, sich das Leben zu nehmen.

Vielen fehlt Raum zur Entfaltung

Das Risiko von Kindern und Jugendlichen, während der Corona-Pandemie psychisch zu erkranken, hängt nach Ansicht der Experten auch stark mit der jeweiligen Lebenssituation zusammen. Wer in beengten Verhältnissen ohne Balkon oder Garten lebe, habe weniger Möglichkeiten, etwa durch Bewegung ein positives Erlebnis zu haben als Kinder, die buchstäblich Raum zur Entfaltung haben, hieß es.

Daniel Schröder, Regionalleiter des Kinderprojektes "Die Arche" in Frankfurt, hat nach dem Corona-Lockdown Kinder gesehen, die "kiloweise zugenommen" haben: ohne den Sportunterricht an der Schule, oft in kleinen und beengten Wohnungen lebend, mit Eltern, die hofften, dass es irgendwann schon wieder rund ginge. "Es gab Kinder, die haben nur noch Chips gegessen und waren 16 Stunden online", sagte er.

Eltern sollten auf Signale achten

Eltern sollten darauf achten, ob ihre Kinder Anzeichen eines sozialen Rückzugs zeigten, empfahl der Kinder- und Jugendarzt Ralf Moebus. Wenn Kinder morgens gar nicht mehr aus dem Bett kämen oder nur noch online Freundschaften schließen, könne dies ein Warnsignal sein. Er habe einen deutlichen Anstieg von Kindern mit psychosomatischen Beschwerden festgestellt, von Kindern, die unter Schmerzen leiden, für die keine organische Ursache erkennbar sei, sagte Moebus.

Manche Kinder und Jugendliche seien niedergeschlagen, andere zeigten ein "unangepasstes Sozialverhalten". Noch ungewiss seien die Auswirkungen auf ganz junge Kinder, die in die Pandemie hineingeboren wurden und außerhalb der Familie kaum einen Erwachsenen ohne Mund-Nase-Maske zu Gesicht bekommen hätten.

Hilfsangebote dürften nicht kurzfristig angelegt sein und müssten deutlich über die Zeit der Pandemie hinausgehen, waren sich die Experten am "Runden Tisch" einig. Doch genau hier zeige sich ein schon lange bestehendes Problem. "Es fehlen Stellen, und es fehlen Fachkräfte", sagte Moebus.

Es fehlt an Personal

"Unsere Schulen müssten besser ausgestattet sein, es braucht mehr Personal, um Auffälligkeiten festzustellen", meinte auch Schröder. Es fehle an Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen. Gerade an Schulen in sozialen Brennpunkten seien sie aber dringend nötig, um Probleme frühzeitig zu erkennen und Hilfsangebote machen zu können.

Die Frankfurter Arche habe den Kontakt zu den Kindern und den etwa 300 Familien, mit denen sie arbeite, zwar auch im Lockdown nicht abreißen lassen. Dieser habe jedoch gerade bei Kindern aus wirtschaftlich schwachen Familien ohne Deutsch als Muttersprache im Grundschulalter schwere Folgen gehabt. "Es gab Kinder, die die Grundrechenarten und Sprachfertigkeit verlernt haben. Da muss man im Grunde bei Null anfangen."

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