Dilara Ahmadi hat in Afghanistan als Staatsanwältin gearbeitet. Nun hilft sie afghanischen Ortskräften in Hessen, die ähnliche Sorgen haben wie sie selbst: Angst um die Familie, um Freunde und um Kolleginnen, die sich vor den Taliban verstecken müssen.

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Audioseite Gefährliche Lage für Menschen in Afghanistan

Autos mit bewaffneten Personen auf der Ladefläche.
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Dilara Ahmadi (Name von der Redaktion geändert) war Juristin in einem Land, in dem es heute keine Juristen mehr gibt: Die Taliban haben das Rechtssystem in Afghanistan seit ihrer Machtübernahme im August weitgehend abgeschafft.

Die 32-jährige Ahmadi lebt bereits seit acht Jahren in Deutschland und berät jetzt bei der Flüchtlingshilfe der Diakonie Hessen afghanische Ortskräfte und andere Flüchtlinge aus Afghanistan, die sich nun hierzulande aufhalten. Da sie noch Familienangehörige im Land hat und sich um deren Sicherheit sorgt, möchte Ahmadi hier nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden.

hessenschau.de: Was beschäftigt Sie gerade bei Ihrer Arbeit in der Flüchtlingshilfe?

Ahmadi: Wir bekommen in letzter Zeit viele Zuweisungen von Ortskräften aus Afghanistan, die jetzt hier in Hessen sind. Viele Klienten kommen zu uns, weil sie noch Familie in Afghanistan haben und fragen, ob wir als Diakonie Hessen helfen können. Oft sind das Mitarbeiter der ehemaligen Regierung in ganz verschiedenen Bereichen. Sie hatten keine Zeit mehr, das Land rechtzeitig zu verlassen. Jetzt müssen sie sich verstecken - immer.

hessenschau.de: Sie selbst haben Jura studiert und als Staatsanwältin gearbeitet. Wie ist es, daran zurückzudenken - mit dem Wissen über die Situation heute?

Ahmadi: Die Zeit, in der ich damals Afghanistan verlassen habe, und die Zeit der Taliban jetzt sind nicht vergleichbar. Man muss wissen: Auch damals war es gefährlich, in gewissen Behörden zu arbeiten. Aber es gab Polizeibehörden, Staatsanwaltschaften - es gab eine Struktur. Jetzt gibt es nichts mehr.

Frau mit schwarzen Haaren und hellblauem Pullover am Schreibtisch vor einem Computerbildschirm.

Wenn Leute Probleme untereinander haben, streiten sie nicht mehr vor Gericht, sondern auf der Straße. Abteilungen wie Jura, Informatik und Ingenieurswesen haben die Taliban abgeschafft. Sie sagen: 'Wir haben eine Scharia-Uni, das reicht.' Wir haben in den vergangenen Jahren so eine Entwicklung gehabt - das haben wir alles verloren, in jedem Bereich. Besonders im Juristischen.

hessenschau.de: Was bedeutet das für die Menschen im Land, kein Rechtssystem mehr zu haben?

Ahmadi: Man kann den Taliban nicht vertrauen, erst recht nicht als Frau. Ich kenne eine Frau, die Probleme mit ihrem Mann hat und sich eigentlich scheiden lassen will. Aber sie kann jetzt nicht zu einem Gericht gehen, weil sie weiß, was die Taliban sagen werden.

Es gibt zurzeit viele Frauen in Afghanistan, die nicht direkt durch die Taliban, sondern durch häusliche Gewalt in Gefahr sind. Zwangsheirat, Heirat von Kindern, die erst acht, neun Jahre alt sind - oder Mädchen werden an alte Männer verkauft. Diejenigen brauchen wirklich Hilfe, und das geht gerade nur durch Hilfsorganisationen.

hessenschau.de: Stehen Sie gerade selber in Kontakt mit Menschen, die Ihnen von diesen Problemen erzählen?

Ahmadi: Ich habe vor allem Kontakt zu Frauen, die im juristischen Bereich gearbeitet haben, bis die Taliban an die Macht gekommen sind: Meine Freunde und Kommilitonen aus der Zeit, als ich in Herat Jura studiert habe. Sie haben es nicht mehr geschafft, Afghanistan zu verlassen.

Das Problem ist, dass europäische Länder und die USA hauptsächlich Ortskräfte und teilweise auch weniger gefährdete Menschen mitgenommen haben. Diejenigen, die zum Beispiel an Gerichtsprozessen gegen die Taliban beteiligt waren, besonders die Frauen, die sind jetzt wirklich in Gefahr.

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Frauen in Afghanistan zunehmend ohne Schutz

In Afghanistan ist es für Mädchen und Frauen seit der Machtübernahme der Taliban laut einem neuen Bericht von Amnesty International fast unmöglich geworden, Hilfe zu bekommen, wenn sie Opfer von Gewalt werden. Demnach haben die Taliban Frauenrechte weiter eingeschränkt, Frauenhäuser geschlossen und Häftlinge aus Gefängnissen entlassen, die wegen geschlechtsspezifischer Gewaltdelikte verurteilt waren.

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hessenschau.de: Wie sieht diese Gefahr konkret aus, haben Sie ein Beispiel?

Ahmadi: Ich bin gerade im Kontakt zu einer Staatsanwältin, die in Kabul gearbeitet hat. Sie versteckt sich momentan und hat mir gesagt, dass sie nicht einmal zwei Nächte in der gleichen Wohnung bleiben kann. Ich kannte diese Frau nicht direkt, sondern habe durch eine Bekannte ihren Kontakt bekommen, weil sie Hilfe braucht.

Sie hat nämlich eine E-Mail bekommen, die angeblich vom Auswärtigen Amt aus Deutschland sein soll. Darin wird sie aufgefordert, ihre Dokumente zu schicken, damit man ihr bei der Ausreise helfen kann. Sie hat mir diese E-Mail geschickt, damit ich sie vom Auswärtigen Amt prüfen lasse. Ich habe noch keine Rückmeldung, aber wahrscheinlich ist es eine Fake-Mail.

hessenschau.de: Warum denken Sie das?

Ahmadi: Weil diese Frau weiß, dass sie auf der Liste der Taliban steht. Eine ihrer Kolleginnen aus der Staatsanwaltschaft hat vor Kurzem eine ähnliche Mail bekommen. Darin stand, dass sie eine Zusage für die Ausreise in die EU habe und zum Flughafen nach Masar-I-Scharif kommen soll. Als sie dort war, wurde sie von Unbekannten festgenommen und grausam getötet.

hessenschau.de: Könnte die Politik hier in Deutschland oder Hessen aus Ihrer Sicht gerade etwas tun, um den Menschen in Afghanistan zu helfen?

Ahmadi: Ich habe eine Bitte an die deutsche Regierung: Wenn Sie irgendeine Möglichkeit haben, dann retten Sie diejenigen, die in diesem Land wirklich in Gefahr sind. Diejenigen, die in Lebensgefahr sind. Sie können einfach nicht bleiben. Es gibt in Afghanistan keine Zukunft für sie.

Ein Aufnahmeprogramm vom Land Hessen zum Beispiel wäre wieder eine Tür, eine Hoffnung für die Menschen, aus Afghanistan zu kommen. Es bräuchte eine Möglichkeit, sich zu registrieren, dann zu prüfen, ob die Menschen in Afghanistan in Gefahr sind und wenn ja, dass sie dann eine Chance bekommen, aus diesem Land herauszukommen.

hessenschau.de: Manche haben es ja auch schon aus dem Land geschafft, und sind jetzt in Nachbarländern wie dem Iran.

Ahmadi: Ja, wir haben einige Klienten, deren Angehörige in Pakistan oder Iran sind. Das Problem ist, dass es dort viel Diebstahl und Entführungen gibt. Ein Teil der Familie wird entführt, damit der andere Teil der Familie Lösegeld bezahlt. Zwei Bekannte einer Klientin wurden letzte Woche von der Grenzpolizei in der Türkei zu Tode geschlagen. Solche Probleme haben die Migranten jetzt, wenn sie versuchen, über die Türkei nach Europa zu kommen.

Wenn eine Person in Afghanistan in Lebensgefahr ist und weiß, dass auch der Weg über Iran und die Türkei Lebensgefahr bedeuten kann, sagt sie sich: Entweder hier oder da. Und dann versucht sie es.

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Kein hessisches Landesaufnahmeprogramm

Der hessische Flüchtlingsrat, die FDP, SPD und Linke fordern vom Hessischen Ministerium für Inneres und Sport ein Landesaufnahmeprogramm für afghanische Familienangehörige von Menschen, die in Hessen leben. Ein ähnliches Programm hat es in Hessen für syrische Angehörige von Menschen in Hessen gegeben. Das Hessische Innenministerium hat auf hr-Anfrage mitgeteilt, dass es ein solches Programm nicht plant, da die Bundesregierung bereits zugesagt habe, die Aufnahme von 25.000 Personen aus Afghanistan zu organisieren. Somit gebe es bereits ein "sehr beachtliches Engagement".

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Das Gespräch führte Pia Stenner.