Drei Porträts der Protagonisten, im Hintergrund Aktenregale

Bespitzelt, abgehört, verfolgt: Die DDR hatte ihre Bürger ununterbrochen im Visier. Nun wandern die Stasi-Akten endgültig ins Archiv. Für Recherchen bleiben sie weiter zugänglich. Auch über Menschen aus Hessen gibt es Akten, drei Betroffene erzählen ihre Geschichte.

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Audioseite Hessische Stasi-Opfer berichten

Stasiakten in einem Regal
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Die Stasi-Unterlagen-Behörde ist mit Stichtag 17.06. ins Bundesarchiv in Berlin-Lichtenberg integriert worden. So werden die Akten auch für zukünftige Generationen erhalten. Interessierte Bürger, Journalisten und Forscher sollen die Dokumente auch weiterhin einsehen und nutzen können. Und das Interesse ist ungebrochen. Laut der Behörde gehen immer noch jeden Monat 3.000 bis 4.000 Anträge von Betroffenen ein. Die Wartezeit beträgt je nach Akte und Umfang bis zu zwei Jahre.

Betroffen von den Stasi-Spitzeleien waren auch Menschen außerhalb der DDR. hessenschau.de hat mit drei Menschen aus Hessen über ihre Akte gesprochen und wie sie ihr Leben noch heute beeinflusst: Ein Republikflüchtling, ein Besitzer einer Kneipe an der DDR- Grenze in Nordhessen und ein Journalist, der über einen erschossenen Flüchtling berichtete.

Jörg Mühl: Als Republikflüchtling verurteilt

Jörg Mühl

Jörg Mühl ist aus der DDR geflohen. 1988 besuchte der gelernte Zimmerer Verwandte im hessischen Bad Nauheim und kehrte nicht mehr zurück in seine Heimat in Sachsen. In Abwesenheit wurde er als Republikflüchtling verurteilt. Heute wohnt der 62-Jährige mit Frau und Tochter in Ober-Mörlen (Wetterau).

Seine Stasi-Akte bewahrt Jörg Mühl sorgfältig auf, er hat sie seit Mitte der 1990er-Jahre. Darin sind Protokolle über ihn, sieben Jahre lang wurde er beobachtet. Von 1981 bis 1988, also schon lange vor seiner Flucht. In seiner Akte steht unter anderem, dass er mit seinen steinreichen Verwandten im Westen geprahlt habe. Das schmerzt ihn heute noch. "Das war schon schockierend, als ich das gelesen habe, weil ich mir das nie so vorstellen konnte, dass ich so ausspioniert wurde. Er vermutet, dass ein ehemaliger Lehrer von ihm an die Stasi über berichtet hat.

Nach seiner Flucht wird Jörg Mühl in der DDR in Abwesenheit verurteilt. Zu mindestens drei Jahren Haft, wie hoch die Strafe genau ist, weiß er nicht. Deshalb interessiert ihn seine zweite Stasi-Akte. Diese wurde erst 2009 bei Sanierungsarbeiten an einem ehemaligen Stasi-Gebäude in einer zugemauerten Toilette gefunden. "Die war bis zur Decke vollgestopft mit Stasi-Akten. Und oben drauf wurde meine gefunden". Erst über einen Artikel in der Sächsischen Zeitung sei er von seiner Tante darauf aufmerksam gemacht worden.

Viktor Speiser: Kneipenwirt an der Grenze unter Beobachtung

Viktor Speiser

Viktor Speiser hat immer vom Westen aus auf die DDR geblickt. Der 71-Jährige hatte jahrelang gemeinsam mit seiner Frau eine Gaststätte im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf. Die Kneipe "Zur Krone" war nur zwei Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. "Bei uns gingen alle ein und aus, Sportler, ehemalige Studenten, Lebenskünstler, zwielichtige Gestalten, Journalisten", erzählt der gebürtige Österreicher, der vor über 40 Jahren der Liebe wegen nach Hessen kam.

Eines Tages habe ein Stammgast einen Studenten aus der DDR mit in die Kneipe gebracht. "Ich habe mich mit ihm unterhalten, ihn gefragt, was ich tun müsse, um mal in die DDR zu reisen. Das hat mich wirklich interessiert. Ich wollte mir gerne mal die Wartburg anschauen", erinnert sich Speiser. Ein paar Wochen später kam ein Brief von dem Gast, in dem er verspricht, Viktor Speiser zu helfen, in die DDR zu reisen. Und nebenbei fragt er, ob er nicht vielleicht als Österreicher Papiere besorgen könne. "Ich habe mich erstmal zu Tode erschreckt", erzählt Speiser. "Die wollten mir wirklich eine Falle stellen. Ich sollte Leute aus der DDR rausschmuggeln." Und tatsächlich war der Kneipengast ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, ein IM wie es in der DDR hieß. Und so gibt es auch über Viktor Speiser und seine Gaststätte eine Stasi-Akte, in der zahlreiche Gäste vorkommen und natürlich der Wirt selbst. "Wir haben Jahre später darüber gelacht", erzählt Speiser. Obwohl die Sache durchaus ernst gewesen sei.

Chris Cortis: Journalist berichtet über "Mord" an der Grenze

Chris Cortis

Ein alter Freund von Viktor Speiser ist der Journalist Chris Cortis. Er hat in den 1980er-Jahren für die Werra Rundschau geschrieben und regelmäßig über Geschichten rund um die DDR-Grenze bei Bad Sooden-Allendorf berichtet. Er war Stammgast in Viktor Speisers  Gaststätte "Zur Krone", "um Geschichten aufzuschnappen", wie er sagt. Auch er taucht in der Akte über die Kneipe auf - und er hat auch eine eigene Stasi-Akte. "Mir war klar, dass die mich im Blick haben", sagt der heute 73-Jährige. "Ich war für die ein Feind."

Ein Ereignis habe ihn nachhaltig geprägt: Direkt an der Grenze bei Bad Sooden-Allendorf wurde am 29. März 1982 ein Flüchtling aus der DDR erschossen. Heinz-Josef Große hatte seinen Traktor nah an den Grenzzaun gefahren, stellte die Schaufel des Frontladers auf die Selbstschussanlage, kletterte auf die Schaufel und von dort über den vorderen Grenzzaun. Beim Versuch, auf die andere Seite zu fliehen, wurde er von DDR-Grenzsoldaten von hinten erschossen. Kurz vor westdeutschem Gebiet blieb er am Boden liegen und verblutete.

"Was ich am Schlimmsten fand war, dass unsere Leute auf Westseite, die bis unter die Zähne bewaffnet waren, nichts getan und tatenlos zugeschaut haben." Sie hätten dem Mann zumindest Rückendeckung geben können, findet Cortis. Sie hätten ihm zumindest Feuerschutz geben und über die Köpfe der DDR-Grenzsoldaten schießen können, um sie zu hindern, den Mann zu töten. Das Opfer, Heinz-Josef Große, sei damals genauso alt wie er gewesen, 34 Jahre.

Die Überschrift von Cortis Artikels damals in der Zeitung lautete: "Mord an der Grenze". "Ich habe das auch als Mord empfunden. Wenn man jemanden hinterrücks in den Rücken schießt, ist das Mord." Cortis forderte seine Stasiakte Mitte der 1990er-Jahre an. Es habe ihn nicht geschockt, zu lesen, dass er als Feind der DDR galt. "Sie haben alle Journalisten, die von der Grenze aktiv berichtet haben, beobachtet." Angst aber, sagt er, habe er seltsamerweise nie gehabt.

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