Stößt immer wieder auf Hindernisse an der Uni: Studentin Anna Sieber

Jeder zehnte Studierende hat eine Beeinträchtigung. Die Betroffenen begegnen jeden Tag Hindernissen, die das Studium erschweren: praktische Barrieren, aber auch Barrieren im Kopf. Die hessischen Studentenwerke wollen das ändern.

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hessenschau vom 22.01.2020
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Komme ich in der neuen Stadt alleine klar? Wo sind meine Seminarräume? Wie finde ich mich in der riesigen Bibliothek zurecht? Zu den typischen Erstsemester-Sorgen kommen bei Studierenden mit Behinderungen und Einschränkungen oft noch ganz andere Probleme dazu: Wenn ich nicht mehr zu Hause wohne - wer hilft mir dann morgens beim Anziehen? Komme ich mit meinem Rollstuhl überhaupt in den Seminarraum rein? Wie finde ich blind ein Buch?

Die 31-jährige Anna Sieber studiert in Marburg Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Vor zehn Jahren kam sie als "Ersti" neu in die Universitätsstadt. Seitdem lebt sie im Konrad-Biesalski-Haus, einem Wohnheim des Marburger Studentenwerks, das speziell auf die besonderen Bedürfnisse von körperlich schwerbehinderten Menschen ausgerichtet ist. Anna Sieber hat eine spastische Tetraplegie und eine visuelle Wahrnehmungsstörung. Das bedeutet: Sie sitzt im Rollstuhl und ist im Alltag auf Hilfe angewiesen.

Barrieren – auch im Kopf

"Manchmal ist ein Seminarraum nicht barrierefrei, weil man mit dem Aufzug nicht hochkommt oder der Treppenlift mal wieder kaputt ist", erzählt sie. "Und wenn ich mir in der Unibibliothek irgendwelche Wege merken muss, klappt das nicht so gut. Da brauche in eine zweite Person, die mir sagt, wo es lang geht." Momentan schreibt Anna Sieber an ihrer Masterarbeit, ebenfalls mithilfe einer Assistenz.

Immer wieder stößt die Studentin im Alltag auf Barrieren - ganz praktisch, aber auch im Kopf bei anderen Menschen. Manchmal komme sie zum Beispiel mit Leuten im Zug ins Gespräch und die würden dann solche Fragen stellen wie: "Sie studieren in Marburg – wie geht das denn? Sie sitzen doch im Rollstuhl!" Anna Sieber sagt, durch solche Fragen fühle sie sich immer wieder "infantilisiert".

Jeder zehnte Studierende ist betroffen

Laut einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks von 2018 hat jeder zehnte Studierende in Deutschland eine Einschränkung, die das Studium erschwert. Dazu zählen nicht nur körperliche Behinderungen, sondern auch psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Entwicklungsstörungen wie Autismus.

Um den Betroffenen den Alltag zu erleichtern, haben nun die Hessischen Studentenwerke einen "Aktionsplan Inklusion" entwickelt. Die landesübergreifende Zusammenarbeit ist deutschlandweit einzigartig. Das Ziel der Studentenwerke aus Kassel, Marburg, Gießen, Frankfurt und Darmstadt: "Einen Rahmen schaffen, um Inklusion noch konkreter umzusetzen und dabei voneinander zu lernen“, erklärt Uwe Grebe, der Vorsitzende des Marburger Studentenwerks bei der Vorstellung des Aktionsplans in Marburg.

"Ein Stachel im eigenen Fleisch"

Die Behindertenrechtskonvention der EU gilt seit zwölf Jahren. Auf die Frage, warum man gerade jetzt diesen Aktionsplan erstellt, erklärt die Leiterin des Kasseler Studierendenwerks Christina Walz: "Natürlich gab es auch vorher an unseren Hochschulen schon Bemühungen zur Inklusion." Nun würden sich die hessischen Studentenwerke aber erstmals "zusammenraufen" und sich gemeinsam verpflichten, Studierende mit Handicaps ganz selbstverständlich mitzudenken. "Der Aktionsplan soll ein Stachel in unserem eigenen Fleisch sein", so Walz. Die Umsetzung solle alle zwei Jahre evaluiert werden.

Wie das praktisch aussehen kann, unterscheidet sich von Stadt zu Stadt - auch abhängig von der Nachfrage. So haben alle fünf Studentenwerke noch mal eigene, konkretisierte Aktionspläne erstellt, die beispielsweise bauliche Veränderungen beinhalten, erweiterte Beratungsangebote oder Strategien, um besser aufzuklären und zu informieren.

So wolle man in Frankfurt besonders Wert auf die psychosoziale Beratung legen, erklärt die Pressesprecherin des Frankfurter Studentenwerks, Sylvia Kobus. Das Studierendenwerk Darmstadt arbeitet etwa an einem barrierefreien Leitsystem für die Mensa. In Marburg sei man derzeit dabei, alle Bilder auf der Internetseite mit einem Erklärtext für Sehbinderte zu versehen.

Marburg als Vorreiterin

Marburg nimmt in diesem Prozess eine Vorreiterrolle ein, so Uwe Grebe. Die Universitätsstadt sei bereits in besonderer Weise auf Behinderte eingestellt. Das liege unter anderem an der traditionsreichen Blindenstudienanstalt, aber auch am Konrad-Biesalski-Haus, in dem derzeit 23 schwerbehinderte Studierende leben. Das Studentenwohnheim sei "europaweit einzigartig". Die Bewohner können dort unter anderem auf einen 24-Stunden-Assistenzdienst zurückgreifen, aber auch auf einen Pflegedienst und einen Fahrdienst, der sie sowohl zu Lehrveranstaltungen bringe, als auch abends zum Feiern und in die Kneipe oder zu kulturellen Veranstaltungen.

Auch Anna Sieber ist froh, in Marburg gelandet zu sein. Als sie vor zehn Jahren nach "Studieren mit Behinderung" gegoogelt habe, sei sie sofort auf Marburg gekommen. "Hier ist man schon relativ sensibilisiert und routiniert mit dem Thema", sagt sie. Sie würde sich aber freuen, wenn es das auch in anderen Städten der Fall wäre. "Dann könnten mehr Menschen sagen: Ich traue mich in eine andere Stadt zu ziehen und ergreife ein Studium als Lebensperspektive, egal ob ich im Rollstuhl sitze, blind bin oder eine andere körperliche Behinderung habe."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 22.01.2020, 19.30 Uhr