Sechs Menschen, die im freien an einem großen Tisch sitzen, umgeben von Protestplakaten

Tausende Aktivisten wollen rund um den Dannenröder Forst campen und verhindern, dass Bäume für die A49 gerodet werden. Eine verordnete Begrenzung des Protests wollen sie ignorieren. So rüstet man sich im Vogelsberg für die Konfrontation.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found A49-Gegner rüsten sich für Protestcamps

Aktivist Dannenroeder Forst
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Noch ist es die Ruhe vor dem Ansturm, die über den weiten Feldern und Wiesen rund um den Dannenröder Forst bei Kirtorf im Vogelsberg liegt. Doch schon bald könnte es hier ganz anders aussehen. Je näher der 1. Oktober und mit ihm die angekündigten Rodungen rücken, desto größer und dringlicher wird der Widerstand der Gegner des A49-Ausbaus zwischen Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) und Gemünden (Vogelsberg). Auch mit Behörden und Anwohnern kommt es zunehmend zu Unstimmigkeiten.

Für Wirbel sorgt vor allem die Ankündigung des "Aktionsbündnisses Keine A49", rund um den umkämpften Wald gleich vier Protestcamps für jeweils bis zu 2.000 Teilnehmer zu errichten. Die Autobahngegner wollen sechs Monate lang rund um den Wald campieren und mit Protestaktionen den Ausbau der A49 stören.

Zelten verboten - Behörden schränken Protestcamps ein

Eigentlich sollte es mit den Camps schon an diesem Samstag losgehen. Doch das Regierungspräsidium (RP) Gießen erlaubte Mitte der Woche nur eines der vier beantragten Camps. Die anderen Flächen seien für diese Zwecke nicht geeignet, befand das RP. Außerdem darf das eine genehmigte Camp in Schweinsberg nur ohne Zeltübernachtungen und für einen viel kürzeren Zeitraum als beantragt stattfinden.

Bei einer Pressekonferenz im Dannenröder Forst machten die Aktivisten am Freitag ihren Unmut darüber deutlich und betonten, dass sie sich von der Entscheidung des RP nicht aufhalten lassen wollen. "Wir werden trotzdem mehrere Camps durchführen", sagte die Aktivistin Clara Thompson.

Karte vom Dannenröder Fost mit Markierungen der Standorte der Aktivisten

Allerdings solle es damit erst am Samstag, 12. September, losgehen. In der kommenden Woche wollen die Aktivisten verschiedene Protestaktionen starten. Thompson betonte auch, dass die Organisatoren ein Corona-Konzept erstellt hätten.

"Wo sollen die ganzen Leute denn hin?"

Die Organisatoren haben mehrere Eilanträge beim Gießener Verwaltungsgericht gestellt - in der Hoffnung, doch noch mehrere Camps rund um dem Wald erlaubt zu bekommen, zum Beispiel in Lehrbach und Dannenrod. Sie hoffen auch, dass ihnen letztlich erlaubt wird, in Zelten zu übernachten, sagt einer der Organisatoren, der sich als Florian vorstellt. Seinen vollen Namen möchte er nicht nennen, um sich nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen, wie er sagt.

Florian ist der Meinung, dass die Einwände des RP Gießen gegen die Camps nur vorgeschoben seien und die Behörden nicht an einer gemeinsamen Lösung interessiert seien. "Unser Protest soll marginalisiert und mit allen Mitteln klein gehalten werden", sagt er.

Doch genau das könne am Ende sogar zu Eskalationen führen, befürchtet Florian: "Wo sollen die ganzen Leute denn auch hin, die zum Protestieren herkommen wollen?" Wenn es dann zu chaotischen Zuständen kommen sollte, sei das die Schuld der Landesregierung, meint der Autobahngegner, "weil nicht genügend Platz da ist".

Polizeigewerkschaft besorgt über Großeinsatz

Nicht nur bei den Aktivisten laufen die Vorbereitungen für eine bevorstehende Räumung des Waldes auf Hochtouren, sondern auch bei der Polizei. Der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Andreas Grün, berichtet: Er habe "große Bedenken" mit Blick auf den Großeinsatz, vor allem was das Infektionsrisiko angehe.

"So einen Einsatz kann Hessen nicht alleine bewältigen", sagt Grün. Mindestens 1.000 Einsatzkräfte aus ganz Deutschland würden vor Ort sein. Sie alle benötigten Übernachtungsmöglichkeiten, Waschräume und Toiletten. Für die Polizei seien solche Großeinsätze schon ohne Corona-Auflagen eine logistische Herausforderung, gibt der Gewerkschafter zu bedenken.

Besorgt ist Grün vor allem wegen der anstehenden Räumung der Baumhäuser der Waldbesetzer: "Wir rechnen da mit erheblichen körperlichen Kontakten." Die Sondereinsatzkräfte seien dafür ausgebildet, "in schwindelnde Höhen" hochzuklettern. Sie müssten etwa Menschen von Bäumen holen oder von Sitzblockaden wegtragen. "Was ist, wenn bei den Waldbesetzern ein Superspreader dabei ist, bei dem sich Polizisten anstecken und dann wieder in ihre Heimatdienststellen zurückreisen?"

Anwohner befürchten Randale und Verschmutzung

Besonders treffen wird der Ansturm an Aktivisten und Sicherheitskräften Orte wie Schweinsberg, das zu Stadtallendorf gehört. Das bisher einzige genehmigte Protestcamp soll auf einem Grillplatz am Dorfrand Platz finden.

Große Wiese, im Hintergrund der Wald

In Schweinsberg sei die Befürchtung groß, dass der 1.200-Einwohner-Ort von den Aktivisten "überrollt" wird, sagt ein Bewohner, der nicht genannt werden will: "Wir haben Angst vor Verschmutzung, Randale und Sachbeschädigung." Er fragt: "Was passiert, wenn die Aktivisten nicht wie angeordnet um 23 Uhr gehen?"

Ein anderer Schweinsberger fügt hinzu: Auch er finde den Trassenverlauf der A49 alles andere als ideal. "Aber so ist nun mal die Rechtslage - und an die muss man sich in einer Demokratie halten, sonst lebt man in einer Anarchie."

Bürgermeister: Nach 40 Jahren Planungszeit ein Ende finden

Ähnlich äußert sich Bürgermeister Christian Somogyi. Zwar könnten viele die Ziele der Umweltschützer durchaus nachzuvollziehen. "Aber es gibt bei uns eine schweigende und wartende Mehrheit, die findet, dass das Thema jetzt nach 40 Jahren Planungszeit auch mal ein Ende finden muss", sagt der SPD-Politiker.

Er halte das Demonstrationsrecht für ein wichtiges Instrument, aber man müsse sich dabei an geltendes Recht halten, so der Bürgermeister. Er wolle positiv denken und davon ausgehen, dass die Aktivisten das auch tun werden.

Sendung: hr3, 04.09.2020, 17 Uhr