Ein Mann öffnet die Tür zur Suchtberatung der Diakonie in Kassel.

Ängste, Einsamkeit, Jobverlust - im Lockdown kommt es zu vielen psychischen Belastungen. Vor allem für Menschen mit Suchterkrankung ist das eine schwierige Zeit.

Videobeitrag

Video

zum Video Lockdown belastet Suchtkranke stark

hessenschau
Ende des Videobeitrags

Michel Borck ist rückfällig geworden. Der erste Corona-Lockdown löste bei dem 43-Jährigen auf eine Art Stress aus, die er so noch nicht kannte. Normalerweise baut er Stress mit Sport oder Saunabesuchen ab, wie Borck erzählt. Das funktionierte aber irgendwann nicht mehr.

Die Situation wurde für ihn so belastend, dass er wieder anfing zu trinken. Nach sieben Jahren. Für ihn sei das ein Schock gewesen, sagt Borck. Drei Monate lang trank er über die Maßen.

Kein Einzelfall

Die Leiterin der Suchtberatung der Diakonie Kassel, Petra Hammer-Scheuerer, beobachtet auch bei anderen Klienten die Auswirkungen des Lockdowns. Sozialer Rückzug und Einsamkeit würden zu großen Belastungsfaktoren. Hinzu kämen Kurzarbeit oder gar ein Jobverlust. "Wenn weitere Faktoren hinzukommen wie Partnerschaftskonflikte oder Kinder, die auf einmal den ganzen Tag zu Hause sind, dann führt das zu Überforderung", erklärt Hammer-Scheuerer.

Suchtberatung Diakonie Kassel

Durch die Überforderung entstehe Stress, der wiederum einen Rückfall auslösen könne. Menschen, die in Therapie sind oder waren, seien in einer sehr schwierigen Situation. "Es ist deshalb umso wichtiger, die Leute zu beraten und zu betreuen", meint Hammer-Scheuerer.

Die Corona-Pandemie ist eine Extremsituation

Auch die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer, Heike Winter, sieht die Probleme, die der Lockdown mit sich bringt: "Diese psychische Belastung, die das auslöst, für die brauchen wir Lösungen."

Im Lockdown steige das Risiko, dass Menschen legale oder illegale Drogen konsumierten. Gleiches gelte für Menschen, die abhängig waren. Sie hätten gelernt, dass sie sich durch Alkohol besser fühlen, so Winter. Aus diesem Grund würden auch die Ängste in der Pandemie mit Alkohol betäubt. Umso wichtiger sei es, dass Betroffene sich nicht schämten, sondern Hilfe holten.

"Es ist nicht schlimm, rückfällig zu werden"

Michel Borck, inzwischen wieder trocken, geht offen mit seiner Sucht um. Er hat sich zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer ausbilden lassen, spricht in Schulen und Suchtkliniken über Alkoholabhängigkeit. Auch wenn er drei Monate lang rückfällig wurde - er lässt sich davon nicht unterkriegen: "Ich sage immer, es ist nicht schlimm, rückfällig zu werden. Solange man daraus lernt, was nicht richtig läuft."

Im derzeitigen Lockdown geht Borck viel spazieren oder wandern. Auch seine Freunde und Selbsthilfegruppen unterstützen ihn. Inzwischen kann er wieder nach vorne schauen: "Der letzte Rückfall hat mir Kraft gegeben und ich habe gelernt, mich wieder über Kleinigkeiten zu freuen." Denn in dieser Zeit habe er viel über seine Situation und seine Krankheit nachgedacht und könne damit jetzt besser umgehen.

Weitere Informationen

Hier gibt es Hilfe und Beratung

Alkoholsucht ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die behandelt werden kann. Auf der Internetseite der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen lassen sich Einrichtungen landesweit filtern. Alternativ kann die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter der Nummer 0221 892031 kontaktiert werden.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.01.2021, 19.30 Uhr