Mitten im Leben noch einmal einen beruflichen Neustart wagen - geht das? Und wie kommt jemand klar, der mit Ende 30 nochmal zum Studieren an die Uni geht, ohne geregeltes Einkommen und Jobgarantie? Wir haben zwei berufliche Neustarter an der Goethe-Universität Frankfurt begleitet.

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Themenwoche 2019
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Noch ist alles ein bisschen neu: Oliver Dornhard blättert in seinem 630-Seiten-Wälzer, einem Fachbuch für Anatomie. Seit rund vier Wochen studiert der ehemalige Polizist Medizin an der Frankfurter Goethe-Universität.

Er ist einer von 8.200 Erstsemestern, die dort zum Winter ihr Studium begonnen haben. Was ihn von vielen anderen Studenten unterscheidet ist das Alter. Dornhard ist bereits 37 Jahre alt und hat dafür schon einiges an Berufserfahrung gesammelt. Der ehemalige Polizist will beruflich neu starten. Dafür nimmt er sechs Jahre Studium und ein ganz neues Leben in Kauf. Der Grund: "Ich war in meinem Beruf nicht mehr wirklich glücklich." Sein Bild von einem Polizisten, der eigentlich helfen wolle, habe nicht mit dem übereingestimmt, wie Menschen auf Polizisten reagiert hätten, umschreibt er vorsichtig.

Nach zehn Jahren für den Neuanfang den Dienst quittiert

Der gebürtige Frankfurter hat nach zehn Jahren den Dienst quittiert, eine Ausbildung als Rettungssanitäter gemacht und sich nun letztendlich ganz für die Medizin entschieden. "Es reizt mich, den Menschen zu helfen. Das habe ich als Rettungssanitäter ganz oft, dass sich Leute freuen, wenn jemand kommt, der ihnen hilft. Diese Dankbarkeit in den Augen, das ist etwas, das man sich nicht für Geld kaufen kann."

Der Alltag ist für den 37-Jährigen ganz neu geregelt. "Es ist anstrengend. Ich bin gefühlt 20 Stunden am Tag nur am Lernen." Aber es fühle sich auch gut an. "Es ist ein schönes Gefühl, auch mal an der Uni zu sein, am Campus, und auch mal Freiheiten zu genießen. " Und ein bisschen stolz ist Dornhard auch darüber, dass er den Studiengang bekommen hat. "Das ist bei den vielen Bewerbern ja auch nicht selbstverständlich."

Im besten Fall 853 Euro BAföG statt 2.400 Euro Netto-Lohn

Zeit ist nun ein knappes Gut geworden. Dornhard hält sich bisher nur das Wochenende für Privates frei - unter anderem um Zeit mit seinem in München bei seiner ehemaligen Lebensgefährtin lebenden Sohn zu verbringen. Aber auch diese Zeit könnte weniger werden. Momentan läuft noch sein Antrag auf BAföG, maximal 853 Euro könnte er bekommen. Als Polizist hat er früher bis zu 2.400 Euro netto verdient. Die Lücke wird er füllen müssen, wahrscheinlich mit seiner Arbeit als Rettungsassistent.

Der ehemalige Polizist wird vermutlich 43 Jahre alt sein, wenn er in den Arztberuf startet. Für ihn ist das trotzdem die richtige Wahl. "Ich hab früher meine Eltern immer ausgelacht, wenn sie sagten, Du lernst nicht für Dich, Du lernst fürs Leben. Jetzt kann ich sagen, sie haben hundertprozentig recht gehabt", sagt der Medizinstudent.

Zweite Chance auch Zeichen einer wohlhabenden Gesellschaft

Mit seiner Entscheidung fürs späte Studium ist Dornhard nicht alleine. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes waren 2018 von 44.911 Studienanfängern in Hessen 2.213 zwischen 30 und 40 Jahre alt - das sind ungefähr fünf Prozent. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren nahezu proportional mit der Zahl der Studienanfänger gestiegen, im Jahr 2000 lag sie noch bei 1.285.

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Für Professor Dieter Nittel, Arbeitsbereich Erwachsenenbildung an der Goethe-Universität, ist das keine Überraschung. Lebenslanges Lernen gehört seiner Ansicht nach inzwischen zur modernen Gesellschaft dazu. Es schaffe unter anderem die Möglichkeit, eine zweite Chance im Leben zu erhalten: "Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr wohlhabend ist und unglaublich viele Möglichkeiten bietet - auch einen berufsbiographischen Spurwechsel." Er geht davon aus, dass die Zahl derer, die sich künftig mitten im Leben beruflich neu orientieren werden, in Zukunft drastisch steigen wird. Robotertechnik, Digitalisierung, künstliche Intelligenz - all das werde Arbeitsplätze kosten.

Vom Steinmetz zum Gymnasiallehrer

Auch Steinmetz Christian Rivas Dietz hat sich neu orientiert - nicht ganz freiwillig. Eine Arthrose in den Ellbogen zwang den 38-Jährigen aus Rodgau (Offenbach) dazu, nach 15 Jahren seine Arbeit im Familienbetrieb aufzugeben, den er in der vierten Generation ausgeführt hatte. "Es ist mir nicht leicht gefallen, ich wäre mit dem Beruf sehr gerne alt geworden", erzählt Rivas Dietz. "Aber man muss auch schauen, wo man selbst bleibt."

Steinmetz in seiner Werkstatt

Nun studiert der zweifache Vater seit einem Jahr an der Frankfurter Goethe-Universität Lehramt für die Gymnasialstufe mit den Fächern Kunst und Spanisch. Ein Lehrauftrag in einer Meisterschule hatte sein Interesse am Unterrichten geweckt. Das Studium hat Rivas Dietz anfangs vor einige Herausforderungen gestellt. "Ich musste das Lernen wieder lernen. Es ist auch schon ein bisschen her, dass ich die Schulbank drücken durfte." Jetzt fällt es ihm leichter.

"Der Wechsel ist schon hart"

Komplett von vorne anzufangen - für Rivas Dietz war das erst einmal aufregend. "Als es soweit war, hatte ich auch ein bisschen Panik, wie das so laufen soll. Aber das hat sich gelegt, weil meine Familie hinter mir steht und mich unterstützt, wo sie nur kann." Zum Beispiel finanziell. Auch der ehemalige Steinmetz hofft auf BAföG. Nebenbei kann er sich als unterstützende Lehrkraft an einer Grundschule Geld dazu verdienen. Zudem stützen das Gehalt seiner Frau und Erspartes die Familie. "Der Wechsel vom Beruf in das Studentenleben ist schon hart. Man ist daran gewöhnt, dass man sein Geld verdient."

Der 38-Jährige genießt aber auch kleine Vorteile, die das Studentenleben mit sich bringt. Musste er früher um sieben Uhr morgens bei der Arbeit sein, kann er jetzt noch gemeinsam mit der Familie frühstücken. Dafür ist der Stundenplan jetzt so vollgepackt, dass er oft erst sehr spät nach Hause kommt. Aber er hat sein Ziel stets vor Augen: "Ich hoffe, dass der Übergang ins Berufsleben gut funktioniert, mich der Beruf erfüllt und etwas weitergeben kann." In vier Jahren könnte es soweit sein.

"Viele kennen die D-Mark gar nicht mehr"

Mit seinen jüngeren Mitstudenten versteht sich der Familienvater gut, hat auch gute Bekanntschaften geschlossen. Engere Freundschaften aber noch nicht. Wenn für die Jüngeren der Abend beginnt, eilt der Familienvater nach Hause. In bestimmten Momenten ist der Altersunterschied dann doch präsent: "Manchmal ist es sonderbar, viele kennen die D-Mark gar nicht mehr." Und auch die anderen ziehen ihn umgekehrt auf. "Neulich hat eine Kommilitonin spaßeshalber gesagt: Du hast ja sogar den Fall der Mauer noch miterlebt."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.11.2019, 19.30 Uhr