Tilli Neffgen auf dem ehemaligen Flugplatz-Gelände in Gießen.
Tilli Neffgen auf dem ehemaligen Flugplatz-Gelände in Gießen. Bild © Bodo Weissenborn

Auf dem ehemaligen US-Armee-Gelände im Gießener Nordosten entsteht eine neue Industrielandschaft. Vor der US-Armee war hier ein Flugplatz, erst zivil, dann militärisch. Ein Ortstermin mit einer, die damals schon dabei war.

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Tilli Neffgen auf dem ehemaligen Flugplatz-Gelände in Gießen.

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Angst? "Ich hab nie Angst gehabt und hab auch heute noch keine", sagt Tilli Neffgen. Auch nicht an jenem Tag im September 1944, als sie es nicht mehr rechtzeitig aus der Werkstatt raus, aufs Fahrrad und mit dem Fahrrad zum Bunker geschafft hat. "Die Flieger sind ja direkt auf die Gebäude zu. Ich bin bis zu dem Weg gekommen, wo der Bach ist. Da habe ich mich im Graben verkrochen."

Sie hat überlebt. Viele andere Mädchen, die gerade in einem der Gebäude einen Lehrgang belegt haben, nicht. "Da gab es nicht viele Verletzte", sagt Neffgen. Direkt nach dem Angriff hat sie sich aufs Fahrrad geschwungen und fuhr nach Hause. "Meine Eltern haben auf einem Feld in der Nähe die Kartoffeln rausgemacht und haben von dort aus den Angriff auf den Flugplatz gesehen. Meine Mutter ist fast verrückt geworden."

Flughafen Gießen: Zivil, Wehrmacht, US-Armee, Industriegebiet

Wie damals während des Kriegs lebt Tilli Neffgen, die eigentlich Mathilda heißt, auch heute noch in ihrem Elternhaus im nahen Annerod. Aber statt auf dem Fahrrad kommt sie an diesem Tag mit dem Rollator zum alten Gießener Flughafen. Sie ist ja auch nicht mehr 16 Jahre alt, sondern bald 91. Mit dabei sind ihr Sohn, ihre Schwiegertochter, die Enkelin und zwei der zehn Urenkel. Ihnen will Neffgen erzählen, wie das damals war, als sie hier für die Luftwaffe die Motoren der Jagdbomber auseinandergebaut, gereinigt und wieder zusammengeschraubt hat.

Nicht nur Neffgen, auch der Flughafen hat eine bewegte Geschichte: 1926 ans Netz gegangen als Zwischenstopp für die Linie Kassel - Frankfurt, wurde er ab 1934 von der Luftwaffe für militärische Zwecke genutzt.

Historische Aufnahme des Flughafengebäudes in Gießen
Historische Aufnahme des Flughafengebäudes in Gießen aus dem Jahr 1928 Bild © Stadtarchiv Gießen

"Das war kein Flugplatz zum Einsatz, das war ein Lehrflughafen", berichtet Neffgen. Und repariert wurde hier auch: "Die M109, die Messerschmitt, wenn die vom Einsatz kam, wurde sie hier abgestellt zur Wartung." Nach Ende des Krieges richtete die US-Armee auf dem Gelände ihr Warenvertriebszentrum für ganz Europa und den Nahen Osten ein, das sogenannte Depot. Inzwischen haben die US-Streitkräfte Gießen verlassen, und das Gelände gehört dem Projektentwickler Revikon.

Für 36 Pfennig die Stunde Motoren gereinigt

Revikon-Geschäftsführer Daniel Beitlich steht ebenfalls in dem historischen Flughafen-Gebäude und erklärt Tilli Neffgen den Umbau: Loft-Wohnungen, ein Ingenieurs-Büro, Speditionen, Logistikbetriebe. "Es geht besser und schneller als gedacht."

Beitlich zeigt aus dem Fenster und erzählt vom jüngsten Coup: "Dort, wo früher die Start- und Landebahn war, da kommt der Otto-Versand hin." 340.000 Quadratmeter ist die Fläche groß, 1.300 Menschen sollen eines Tages dort arbeiten, wo Tilli Neffgen früher für 36 Pfennig die Stunde Motoren gereinigt hat.

Aus dem Wunschberuf Friseurin wurde nichts

Eigentlich wollte sie ja Friseurin werden, erzählt Neffgen. Aber als sie 1943 nach dem Pflichtjahr, das junge Frauen im Nationalsozialismus ableisten mussten, zum Arbeitsamt ging, wurden keine Friseurinnen gesucht. Gefragt war Hilfe auf dem Luftwaffengelände.

"Ich habe immer gerne geschraubt", sagt Neffgen, auch schon als Kind in der heimischen Landwirtschaft. "Und so arg groß waren die Flugzeugmotoren gar nicht – eineinhalb bis zwei Meter. Wir mussten sie auseinanderschrauben, die Teile mit Benzol reinigen und dann wieder zusammenbauen. Und die Schrauben mit Drähten sichern." Das Fahrrad stand abfahrbereit vor der Werkstatt, damit sie bei Voralarm sofort zum Bunker radeln konnte.

Mit dem Krieg endete auch die Zeit in der Luftfahrt

Vier Mädchen waren sie in der Werkstatt, dazu ein Mann mit Behinderung, der für den Kriegsdienst untauglich war, sowie ein Ingenieur von der Wehrmacht. "Der hat geguckt, ob alles richtig gemacht war". Mittagessen gab es nicht. "Das einzige, was wir haben mussten, war Milch." Die Milch sollte Giftstoffe binden und vor Gesundheitsschäden schützen.

Als die Amerikaner in Gießen einmarschierten, war ihre Zeit in der Luftfahrt zu Ende. Traurig war Tilli Neffgen nicht. "Wir hatten ja selber Arbeit zuhause". Von ihrer Arbeit auf dem Flugplatz hat sie lange nicht erzählt, warum auch? "Es kam ja was Neues." Das Neue war: Sie hat geheiratet, eine Familie gegründet und mehrere Jahrzehnte im Verpackungsbereich gearbeitet. Und geflogen ist sie inzwischen auch schon mal. Vor acht Jahren, in den Urlaub nach Madeira. Angst hatte sie dabei - natürlich - keine.