Walter Berle

Im Altenheim Eben-Ezer in Gudensberg starben 13 Bewohner an Corona, die Hälfte der Mitarbeiter war in Quarantäne. Der Leiter kritisiert: Mit flächendeckenden Tests hätte das Schlimmste verhindert werden können. Aber das Privileg hätten offenbar nur Fußballer.

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hessenschau vom 12.05.2020
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Das Altenheim Eben Ezer in Gudensberg (Schwalm-Eder) wurde von Corona schwer getroffen: 13 Bewohner starben, insgesamt waren rund 30 Bewohner infiziert. Von den 120 Pflegekräften stand fast die Hälfte zwischenzeitlich unter Quarantäne, nicht alle waren mit Corona infiziert. Berle musste mit einem verzweifelten Aufruf nach Pflegepersonal und Ehrenamtlern suchen.

Mittlerweile kann er aufatmen, die Lage hat sich etwas normalisiert. Aber er erhebt schwere Vorwürfe: "Es hätten nicht so viele sterben müssen." Wäre im Heim flächendeckend auf Corona getestet worden, auch bei jenen ohne Symptome, dann hätten mehr Menschen überlebt - auch anderswo in Hessen, sagt Berle.

Fußballer testen - Risikopatienten nicht?

Über die Diskussion über Coronavorkehrungen im Fußball ärgert er sich besonders: Wenn die Risikogruppen in Heimen getestet worden wären, wie man es bei Fußballspielern vorhabe, dann hätte es weniger Tote gegeben, sagt er. "Wenn man Fußball will, muss man doch auch Menschen mögen." Es sei wertvolle Zeit verloren gegangen, bis bei seinen Mitarbeitern und Bewohnern breiter getestet wurde. In der Zwischenzeit verbreitete sich das Virus immer weiter. Der Verlust jedes einzelnen Menschen sei schmerzhaft, die 13 Menschen starben ohne ihre Angehörigen. Selbst ihre Beerdigungen hätten nicht stattfinden können wie gewohnt.

Die infizierten Bewohner sind mittlerweile wieder genesen, eine Bewohnerin steht noch unter häuslicher Quarantäne. Wenn sie am 18. Mai aus der Quarantäne entlassen wird, kann das Heim seine Pforten wieder für Besucher öffnen. Auch wenn die der Grund für den Ausbruch gewesen sein könnten.

Risikofaktor Besucher

Damit sind für Berle Besucher gleichzeitig Risikofaktoren, obwohl die Bewohner die Besuche so dringend nötig haben - ein Dilemma. Ein Angehöriger habe es so formuliert: "Wenn sie nicht an Corona sterben, dann an der Einsamkeit." Seit mehr als sechs Wochen müssten viele isoliert auf 25 Quadratmetern leben. "Das ist wie wenn Sie im Schlafzimmer leben und Ihr Mann im Wohnzimmer - und sie sich nicht mal auf dem Flur begegnen dürfen", erklärt Berle die Situation.

Bei jenen Bewohnern, die nicht mobil sind oder dement und nicht alleine das Haus verlassen können, darf ab kommender Woche ein Besuch pro Woche vorbeischauen. So sehen es die Verordnungen vor. Aber auch das sei kaum zu leisten, sagt Berle. Er rechnet, dass er pro Besuch für rund 40 Minuten Mitarbeiter abstellen müsste zur allgemeinen Betreuung, für Sicherheitsmaßnahmen und für die Einweisungen in die gesetzlichen Vorschriften. Eine Aufwand, bei dem er nicht weiß, wie er ihn personell stemmen soll. Aber die Bewohner seien dringend auf Zuwendung angewiesen, die durch Mitarbeiter allein nicht ersetzt werden könne.

"Altenhilfe ist allein gelassen worden"

"Solange Besucher rein und Bewohner raus laufen, ist dem Virus Tür und Tor geöffnet", sagt Berle. Deswegen fordert er, dass das Land klar regeln müsse, dass Bewohner und Mitarbeiter einmal, im Idealfall sogar zwei Mal in der Woche getestet werden müssten - auch ohne Symptome. Ein frommer Wunsch angesichts der Schwierigkeiten in den vergangenen Wochen.

Vom Land habe er trotz Hilferufe nur wenig Unterstützung bekommen: "Die Altenhilfe ist allein gelassen worden", sagt er. Und für die Heime sei die Corona-Zeit noch lange nicht vorbei, auch wenn sich vieles normalisiert. Ein weiterer Ausbruch würde erneut fatale Folgen haben, ist sich Berle sicher - auch in anderen hessischen Heimen.

31 Tote im Kreis - 13 davon im Gudensberger Altenheim

Der Schwalm-Eder Kreis gehörte zusammen mit dem südhessischen Odenwaldkreis zwischenzeitlich zu den Corona-Hotspots in Hessen. Grund dafür waren die Corona-Ausbrüche in einzelnen Altenheimen. 31 Corona-Tote gab es bis Montag im Landkreis, 13 davon waren allein die Bewohner in Gudensberg.

Auch in zwei Altenheimen des Deutschen Roten Kreuzes im Schwalm-Eder-Kreis gab es Corona-Fälle und auch Tote. DRK-Kreisgeschäftsführer Manfred Lau sagt, in den Heimen in Jesberg und Treysa habe es insgesamt 28 Infektionen von Bewohnern gegeben. Wie viele von ihnen starben, will er nicht sagen. Diejenigen, die überlebten, seien mittlerweile geheilt. Die Heime arbeiteten wieder im Normalbetrieb, vier Mitarbeiter seien noch krank geschrieben.

Sendung: hessenschau kompakt, 12.05.2020, 16.45