Zwei Schülerinnen lernen im Gruppenraum der Erich-Kästner-Schule

Die Erich-Kästner-Gesamtschule in Darmstadt hat radikal mit den Regeln des klassischen Unterrichts gebrochen: Hier entscheiden die Kinder selbst, was, wann und wie schnell sie lernen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lernen im eigenen Tempo an der Erich-Kästner-Gesamtschule in Darmstadt

Im Gruppenraum können Schüler und Schülerinnen miteinander lernen und sich austauschen.
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Zwei Schülerinnen sitzen auf Kissen in der Ecke, auf dem Boden verteilt liegen Karten mit Matheaufgaben. Sie reden miteinander, knobeln und probieren aus. Wenige Meter weiter sitzen drei Kinder an einem Gruppentisch und reden über Grammatik, ein Junge erklärt, zwei hören zu. Ein anderes Mädchen ist in einen Roman vertieft, wieder andere Kinder laufen über den Schulhof.

Was auf den ersten Blick wie eine Freistunde oder vielleicht wie ein Schulprojekt anmutet, ist aber regulärer Unterricht an der Erich-Kästner-Schule im Darmstädter Stadtteil Kranichstein. Zum Anfang des laufenden Schuljahrs hat die integrative Gesamtschule für die Jahrgangsstufe fünf ein Modell eingeführt, das radikal mit den Regeln klassischen Schulunterrichts bricht.

Keine Klassen

Hier gibt keine Lehrkraft und kein starrer Stundenplan das Thema vor, auch feste Klassen oder Klassenarbeiten gibt es nicht: Jedes Kind arbeitet, was es will, wo es will, mit wem es will und so schnell es will. "Der Grundgedanke ist, dass Kinder so lernen können, wie sie es brauchen", sagt Lehrer Murat Alpoguz, der die Idee mit nach Darmstadt gebracht hat. "Nicht alle machen alles gleichzeitig, sondern nur das in dem Moment, in dem sie es brauchen."

Lernen im Gleichschritt aufgelöst

Dahinter steckt ein grundlegend anderer Ansatz für Unterricht: Nicht die Klasse als Lerngruppe steht im Mittelpunkt, sondern das Kind als Individuum mit seinen ganz eigenen Stärken und Schwächen. "Wir haben das Lernen im Gleichschritt aufgelöst", erklärt Schulleiter Dominik Dilcher. Alle Elemente, die Unterricht beinhaltet, sollen gleichzeitig geschehen können. Erklären, Teamarbeit, stilles Arbeiten, Präsentationen. Jedes Kind darf wählen, wann und wie es ein Thema angeht und lernt nebenbei, sich selbst zu organisieren.

Damit werde man den Ansprüchen der einzelnen Kinder am besten gerecht, glaubt Dilcher: "Anstatt von einem Thema zum nächsten zu hetzen und keines richtig verstanden zu haben, können sich die schwächeren Kinder Zeit lassen, um zumindest die Grundlagen zu verstehen." Und die stärkeren Kinder könnten schneller lernen und tiefer in die Themen einsteigen. "Wir haben eine Schülerin, die im Januar bereits mit dem Stoff der fünften Klasse fertig war. Sie kann schon an Themen für Sechstklässer arbeiten."

Projekt startet mit einem Glas Rotwein

Der Stein, der das Projekt ins Rollen gebracht hat, war ein Besuch an der Alemannenschule im baden-württembergischen Wutöschingen, die das Prinzip des "Individualisierten Lernens" schon länger praktiziert und auch den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Alpoguz hat dort vor rund drei Jahren hospitiert und war nachhaltig beeindruckt. Bei seinem Schulleiter in Darmstadt fiel der Enthusiasmus auf fruchtbaren Boden.

Danach haben sich Dilcher und das Kollegium der Erich-Kästner-Schule bei einem Glas Rotwein zusammengesetzt und überlegt, wie die Zukunft an der eigenen Schule aussehen könne. Am Ende dieses Prozesses stand der Entschluss, diesen Modellversuch zu starten.

"Schule grundlegend auf den Kopf gestellt"

Bei der Planung wurde den Beteiligten allerdings schnell klar, dass das neue Konzept nicht zu den alten Strukturen passt. Also haben sie aufgeräumt: keine Klassen mehr, keine Klassenräume, keinen Stundenplan, keine Klassenarbeiten. Oder wie Alpoguz es formuliert: "Wir haben Schule grundlegend auf den Kopf gestellt."

Statt Klassenräume wurden Lernbüros eingerichtet, in denen jedes Kind einen eigenen Schreibtisch hat und leise für sich arbeiten kann. Dann gibt es noch einen Gruppenraum. Hier können die Kinder miteinander lernen – im Gespräch, laut, sitzend, stehend, liegend.

Es ist immer eine Lehrkraft anwesend, die den Kindern hilft.

"Beweise" statt Klassenarbeiten

Der Stundenplan, wenn man ihn noch so nennen kann, besteht größtenteils aus grauen Flächen, die die individuelle Lernzeit kennzeichnen. Für diese Zeit bekommen die Kinder für alle Fächer Lernpakete, die sie selbständig und im eigenen Tempo bearbeiten können. Für Fragen, Erklärungen oder Hilfestellungen ist immer eine Lehrkraft anwesend, die sich um die Belange der Kinder kümmert.

Die Lernpakete sind in drei Niveaustufen gegliedert, die in etwa Hauptschule, Realschule und Gymnasium entsprechen. Und wenn ein Kind sich bereit fühlt, kann es in den drei Niveaustufen sogenannte "Beweise" ablegen, die dann statt Klassenarbeiten als Bewertungsgrundlage dienen. Die Beweise werden nicht benotet, geben den Lehrkräften allerdings einen Hinweis auf den Lernfortschritt der Kinder hinsichtlich der Zeugnisnote.

Auch auffällige Kinder ziehen mit

Doch wie funktioniert das Konzept im Schulalltag? Wie kommen die Kinder damit zurecht, die aus der Grundschule ja klassisches Lernen gewohnt sind? Fallen auffällige oder schlecht organisierte Kinder nicht durch das Raster? Schülerin Daina fühlt sich jedenfalls wohl: "Am Anfang war es noch etwas ungewohnt, aber ich kann hier viel schneller lernen. In der Grundschule musste ich immer warten und rumsitzen, wenn ich fertig war. Hier kann ich einfach weitermachen." Ihre Freundin Hanar lernt am liebsten im Gruppenraum: "Da kann man sich schön gemütlich hinsetzen und die Lehrer kommen, wenn man etwas braucht."

Daina (li.) und Hanar fühlen sich wohl an der Erich-Kästner-Schule.

Und tatsächlich herrscht in den Lernbüros eine konzentrierte Atmosphäre, kein Kind stört die anderen. An der Gesamtschule, die in einem sozial diversen Einzugsgebiet liegt, keine Selbstverständlichkeit. Regelmäßig werden Schüler und Schülerinnen von der Grundschule als auffällig beschrieben, im Jahrgang fünf der Erich-Kästner-Schule fällt jedoch kein Kind auf. Laut Schulleiter liegt das auch daran, dass sie durch das selbstbestimmte Lernen plötzlich Erfolge feiern, die sie im klassischen System vielleicht nie gehabt haben, weil sie da untergegangen sind. Mit ein wenig Starthilfe würden sich auch die vermeintlich auffälligen Kinder ganz unauffällig in die Lerngruppe eingliedern.

Zufriedenheit der Lehrkräfte steigt

Auch die Lehrkräfte kommen gut zurecht. "Wir merken allesamt, dass sich unsere Arbeit zum Positiven verändert", sagt Alpoguz, der selbst in der Jahgangsstufe fünf eingesetzt ist. Viele hätten das Gefühl, den Kindern jetzt besser gerecht zu werden, was insgesamt zu einer höheren Zufriedenheit führe. Es gäbe auch kritische Stimmen und Ablehnung im Kollegium, doch das Team, das das Projekt trägt, werde immer größer. Auch die Rückmeldungen der Eltern seien fast ausschließlich positiv.

Keine Außenseiter im Jahrgang

Dilcher zieht ebenfalls ein positives Zwischenfazit und streicht vor allem die Erfolge im sozialen Miteinander heraus: "Wir haben festgestellt, dass es in diesem Jahrgang keinen echten Außenseiter gibt." In den anderen Jahrgängen gebe es immer ein paar Kinder, die in ihren Klassenverbänden eine Außenseiterrolle einnehmen und darunter leiden. Im Jahrgang fünf könne sich aber jedes Kind seine Lern- und Spielpartner viel freier aussuchen.

Doch Dilcher und sein Team haben auch Schwächen ausgemacht. So habe man bei der Planung nicht bedacht, dass die Auflösung des Gleichschritts die Gruppenarbeit deutlich erschwert, da jedes Kind an einem anderen Punkt des Lernprozesses steht. "Da müssen wir nachsteuern und überlegen, wie wir zum Beispiel durch Projekte zusätzliche Möglichkeiten für Gruppenarbeit schaffen", sagt Dilcher. Auch werde zum Beispiel in Englisch zu wenig miteinander gesprochen, dafür sollen im nächsten Jahr spezielle Formate gefunden werden.

Versuch wird fortgesetzt

Denn schon jetzt ist klar: Der Modellversuch wird fortgesetzt, dann in den Jahrgängen fünf und sechs. "Ich kann mir sogar vorstellen, dass wir das irgendwann bis hoch zu Klasse acht, vielleicht sogar Klasse zehn haben", blickt Dilcher in die Zukunft.

Das Schulamt hat sich zu dem an Darmstädter Regelschulen bislang einzigartigen Modell noch nicht geäußert, was Dilcher als stille Zustimmung wertet. Aus seiner Sicht gebe es auch keinen Grund zur Beanstandung, schließlich würden die Vorgaben, wie etwa Betreuungsschlüssel, Lehrplan und Benotung eingehalten. Nur eben auf eine etwas andere Art.

Doch Dilcher denkt schon einen Schritt weiter: "Mein Traum ist es, irgendwann die Noten abzuschaffen." Da wird er sich aber dann doch mit dem Schulamt auseinandersetzen müssen.