Durch den Corona-Lockdown sind viele Unternehmen auf Soforthilfen angewiesen.

Die Einschränkungen für Privatpersonen, Geschäfte, Restaurants und Vereine sind hart. Wirken sie auch? Ein erster Blick zeigt, dass es dafür Anzeichen gibt - aber auch, dass vier Wochen Teil-Lockdown wohl nicht ausreichen werden.

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zum Video Zwischenbilanz: Eine Woche Teil-Lockdown

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Von einer "nationalen Gesundheitslage" sprach Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), als er am 28. Oktober den erneuten Teil-Lockdown verkündete - massive Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Die Prognosen waren zu diesem Zeitpunkt düster: bis hin zu einer Überlastung der Krankenhäuser binnen weniger Wochen.

Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Entwicklungen: Der damalige Trend ist dem Anschein nach zumindest verlangsamt. Die Zahl der Neuinfektionen ist in der ersten Woche des Teil-Lockdowns in Hessen nicht mehr so stark angestiegen, wie der Trend vor dem Lockdown es befürchten ließ (siehe Grafik).

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Es wiederholt sich ein Muster, das schon beim ersten Teil-Lockdown im Frühjahr zu beobachten war: Der Anstieg wird früher gebremst als erwartet, schon ab dem zweiten Tag - schließlich dauert es in der Regel etwa eine Woche, bis eine Infektion auch entdeckt und registriert wird. Aber offensichtlich bewirkte schon die Ankündigung der Maßnahmen, dass die Menschen ihre Kontakte reduziert haben - und so die Ausbreitung des Virus verlangsamten.

Leere Fußgängerzonen - aber kein Vergleich zum ersten Teil-Lockdown

Aber: Bleiben die Menschen zuhause - so wie sie es im ersten Lockdown taten? Das Fazit nach dem Blick auf die Daten: tendenziell ja. Wer in der vergangenen Woche durch Einkaufsstraßen gelaufen ist und den Eindruck hatte, deutlich weniger Menschen zu begegnen, liegt damit nicht falsch. Der Betrieb in den von uns beobachteten Fußgängerzonen ist um rund ein Fünftel eingebrochen - mit entsprechenden Folgen für die Geschäfte. Und dieser Rückgang hatte sich schon vor dem eigentlichen Beginn des Teil-Lockdowns angekündigt.

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In jedem Fall ist der Rückgang mit der Zeit des ersten Teil-Lockdowns Ende März nicht zu vergleichen - damals kam das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand - Geschäfte wurden geschlossen - zurzeit ist es allenfalls verlangsamt. Das zeigt auch der Blick auf die Handydaten, über den man abschätzen kann, wieviel die Hessen reisen und sich bewegen.

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Die allgemeine Mobilität ist nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes tatsächlich in der ersten Novemberwoche leicht zurückgegangen, aber insgesamt kaum verändert. Allerdings zeigt eine Aufschlüsselung nach Kreisen, dass vor allem in den Gebieten, die derzeit hart von der Pandemie getroffen werden, Bürger ihre Bewegungen deutlicher eingeschränkt haben.

Vier Wochen Lockdown werden nicht reichen

Trotzdem ist fraglich, ob das reicht, um die Infektionskurve nachhaltig zu verflachen. Der Teil-Lockdown soll auf vier Wochen beschränkt sein - diese vier Wochen reichen aber vermutlich nicht, die Neuinfektionen wieder unter die Marke von 50 pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche zu drücken. Und sie ist entscheidend: Ab dieser Marke aufwärts werden nach dem Eskalationskonzept des hessischen Sozialministeriums "strikte Beschränkungen im Alltag" notwendig.

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zur Bildergalerie Prognose: So wirkt der Teil-Lockdown

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Natürlich ist das nur eine Prognose, aber eine informierte: Wenn wir die Infektionsrate, den R-Wert, schätzen, können wir diesen Wert mit einem Simulator durchrechnen. Und diese Simulation zeigt: Nach 4 Wochen unter diesen Bedingungen ist das Ziel, wieder unter die 50er-Inzidenzmarke zu kommen, nicht einmal in der Hälfte der Kreise erreicht.

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R-Wert und Prognosen

Der R-Wert, die Infektionsrate, sagt aus, wie viele andere Menschen ein Infizierter rein rechnerisch ansteckt. Daraus folgt, dass die Zahl unter 1 liegen muss, damit die täglichen Zahlen der Neuinfektionen sinken. Mehr zum R-Wert - und zur Methodik der Prognose - unten im Kasten "Quellen und Methoden".

Wir haben für unsere Berechnungen einen R-Wert von 0,7 angenommen - für den Mai, als die Schulen langsam wieder öffneten, haben die Wissenschaftler der Uni Saarbrücken einen R-Wert von 0,716 beobachtet.

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Schlechtes Vorzeichen für die Kliniken: Mehr Ältere infiziert

Die überwiegende Mehrzahl der Corona-Infektionen verläuft glimpflich - aber das Tückische am SARS-CoV-2-Virus ist, dass es so viele Menschen ansteckt. Darunter auch zunehmend solche, die im Lauf der Infektion eine schwere Lungenentzündung entwickeln.

Seit September liegt der Anteil der Infizierten, den das Virus ins Krankenhaus bringt, um die 6 Prozent - nachzulesen in den Situationsberichten des RKI. Allerdings steigt der Anteil der über 60-Jährigen unter den Neuinfizierten, und von ihnen wird erfahrungsgemäß ein deutlich höherer Anteil lebensbedrohliche Komplikationen entwickeln.

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Quellen und Methoden

Für die Zählungen der Passanten in den Fußgängerzonen nutzen wir Daten der Firma Hystreet.com - sie betreibt in Hessen in Darmstadt, Frankfurt, Gießen, Limburg und Wiesbaden Zählstationen. Ein Laserscanner zählt die Menschen, die an der Station vorbeigehen - und vermerkt auch das Wetter, das ja einen erheblichen Einfluss auf die Passantenzahlen hat. Das haben wir bei unserem Vergleich außen vor gelassen - und haben uns auf die Tage jeweils von Montag bis Freitag konzentriert. Für den hessenweiten Trend wurde ein Mittelwert aus den Trends in allen fünf Städten gebildet - sie weichen aber kaum voneinander ab.

Die Mobilitätsmessung wird vom Dienstleister Teralytics aufgrund der Handydaten aus dem O2-Netz erstellt und dann über das Statistische Bundesamt als experimenteller Datensatz angeboten. Im Prinzip messen die Daten, wie oft Mobiltelefone zwischen Basisstationen hin- und herwechseln - aufgeschlüsselt nach Tag und Kreis bzw. Bundesland.

Für den "Covid-Simulator" der Uni Saarbrücken, den wir für unsere Prognosen nutzen, bestimmen die Wissenschaftler, wie der R-Wert für die vergangenen Wochen war - gewissermaßen als Geschwindigkeitsmessung der Pandemie. Auf Basis einer Schätzung des augenblicklichen R-Werts errechnen sie dann die zu erwartenden Neuinfektions-Fallzahlen - durch eine einfach Potenzierung mit dem R-Wert.

Der Simulator besteht im Kern aus einer Reihe von Differenzialgleichungen, die die Phasen einer Infektion beschreiben - von der Ansteckung über die Entwicklung möglicher erster Symptome bis hin zu einem erzwungenen Aufenthalt im Krankenhaus oder gar auf der Intensivstation. Dauer und Wahrscheinlichkeiten dieser Phasen werden aus den bisherigen Daten abgeleitet; so fließen neben Daten des RKI und der Landesbehörden die Beobachtungen von über 8.000 Corona-Fällen mit ein.

Der Simulator kann neben der Zahl der Neuinfektionen unter anderem auch eine Schätzung der Anzahl von benötigten Intensivbetten abgeben. Wie üblich, werden diese Schätzungen nicht als ein Wert angegeben, sondern als Bereich, als so genanntes Konfidenzintervall, das den tatsächlichen Wert mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit trifft...

...unter den bestehenden Annahmen. Denn die Wirklichkeit, die Basis einer Prognose ist, kann sich ändern - unter anderem durch neue Maßnahmen - und wie bei jeder Prognose gibt es eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht eintrifft. Prognosen sind bekanntlich eben dann besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 8.11.2020, 19.30 Uhr