Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags am Brüder-Grimm-Denkmal in der Hanauer Innenstadt

Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau wurde das Brüder-Grimm-Denkmal auf dem Marktplatz zum Gedenkort. Jetzt haben die Angehörigen die Fotos der Opfer entfernt. Zuletzt war dort mehrmals randaliert worden.

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hs
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Aus gut sechseinhalb Metern blicken sie hinab: Jacob und Wilhelm Grimm. Die berühmten Märchensammler erhielten in ihrer Geburtsstadt vor 125 Jahren ein Nationaldenkmal auf dem Hanauer Marktplatz. Auf eben diesem Marktplatz fanden nach dem Anschlag vom 19. Februar 2020 Trauerfeiern statt, Mahnwachen und Kundgebungen.

Mehrere tausend Menschen kamen, die Bilder gingen um die Welt. Das Brüder-Grimm-Denkmal wurde auch deshalb schnell zur Gedenkstätte: Kerzen, Blumen und Fotos stehen, liegen und hängen auch heute noch hier. Neun Menschen waren damals aus rassistischen Motiven von einem 43-jährigen Deutschen erschossen worden, anschließend tötete der Täter seine Mutter und sich selbst.

Denkmal war Gedenkort für Angehörige des Anschlags

Çetin Gültekin kam in den vergangenen Monaten häufig zu dem Denkmal. "Natürlich freut mich das, wenn ich sehe, dass Menschen hier stehen und gedenken", sagt er. "Das ist sehr wichtig und schön für mich als Bruder." Çetin Gültekins Bruder Gökhan ist eines der neun Opfer des Anschlags. "Er fehlt mir", erklärt der 47-Jährige. "Er war acht Jahre jünger als ich, trotzdem war er immer meine Stütze. Gökhan war immer für mich da."

Jetzt will Çetin Gültekin für seinen Bruder da sein, das Andenken an ihn erhalten. Auch deshalb hat er in den vergangenen Monaten mindestens einmal die Woche mit anderen Angehörigen am Brüder-Grimm-Denkmal vertrocknete Blumen entfernt und Müll rund um das Denkmal entsorgt - kurzum: das Denkmal gepflegt. "Ich muss das tun - für meinen Bruder", hat er dabei immer wieder erklärt. Ihm und anderen Angehörigen sei es wichtig gewesen, das Denkmal als Gedenkort nutzen zu können.

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„Die Angst, vergessen zu werden, schwingt mit. Dennoch denken wir, dass das der richtige Schritt sein wird.“ Zitat von Angehörige der Opfer von Hanau über die Räumung des Grimm-Denkmals
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Denn so waren die Opfer des rassistischen Anschlags den Menschen in Hanau immer präsent. Das hat sich zumindest hier am Brüder-Grimm-Denkmal an diesem Freitag geändert. Das Denkmal feiert im Oktober 125. Geburtstag - dafür soll es restauriert werden und dafür muss das Denkmal geräumt werden. Çetin Gültekin und andere Angehörige der Opfer taten das nun, genau 13 Monate nach dem Anschlag. "Die Angst, vergessen zu werden, schwingt mit", schrieben die Hinterbliebenen Anfang März in einem offenen Brief. "Dennoch denken wir, dass das der richtige Schritt sein wird."

Zentraler Gedenkort geplant

Um an die Opfer des Anschlags dauerhaft zu erinnern, soll es in Hanau künftig einen zentralen Gedenkort mit einem zentralen Mahnmal geben. Wie das aussehen und wo es errichtet wird, ist noch nicht klar. Nach Angaben der Stadt soll es zum zweiten Jahrestag des Anschlags fertig sein.

Derzeit läuft ein Gestaltungswettbewerb. Zur Jury sollen dann auch Angehörige gehören. Die äußern sich dankbar, dass sie das Brüder-Grimm-Denkmal so lange als Gedenkort nutzen durften. "Geplant war, dass wir das ein Jahr lang dürfen", erklärt Çetin Gültekin. "Jetzt sind es 13 Monate. Am wichtigsten Platz in Hanau. Dafür muss ich mich bei den Menschen in Hanau bedanken, dass wir das durften."

Angehörige kritisieren CDU-Politiker

Das Gedenken am Nationaldenkmal war nicht unumstritten: Der CDU-Landtagsabgeordnete Heiko Kasseckert forderte beispielsweise im Sommer, Hanau müsse zur Normalität zurückkehren - und dafür solle das Denkmal nicht mehr als Gedenkort genutzt werden. Dafür erntete Kasseckert viel Kritik - vor allem von Hinterbliebenen: "Der Oberbürgermeister ist nicht dagegen, die meisten Bürger von Hanau sind nicht dagegen, und da weiß ich nicht, warum das ihn stört", sagte zum Beispiel Armin Kurtović, Vater des ermordeten Hamza Kurtović.

Insgesamt blieben Stimmen wie Kasseckerts in Hanau in der Minderheit. Allerdings wurde in den vergangenen Wochen am Denkmal mehrfach randaliert: So wurden Kerzen umgeschmissen und Blumen auf den Boden geworfen. Die Polizei ermittelt. "Das macht mich noch trauriger", erklärt Çetin Gültekin. "Da frage ich mich: Macht es Sinn, dass ich mir das ansehen muss?" Er sei deshalb auch ein wenig erleichtert, dass das Brüder-Grimm-Denkmal künftig kein Gedenkort mehr ist.

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„Wir sind froh und dankbar, dass die Bilder da hängen durften.“ Zitat von Çetin Gültekin
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Am Nachmittag traf sich Gültekin mit anderen Hinterbliebenen auf dem Marktplatz und hängte die Bilder der Opfer ab und entfernte die Kerzen, Blumen und Plakate. "Wir sind einfach nur froh und dankbar, dass die Bilder da hängen durften", sagt er.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.03.2021, 19.30 Uhr