Der Angeklagte sitzt an einem Tisch mit Mikrofon in der provisorischen Gerichtshalle und hält sich einen Ordner vor das Gesicht. Er trägt eine dunkelrote Sweatshirt-Jacke.. Im Hintergrund ist ein Sicherheitsbeamter zu sehen.

Der Angeklagte von Volkmarsen schweigt nicht nur im Prozess - auch mit seiner psychiatrischen Gutachterin sprach Maurice P. kein Wort. Für die Aufklärung der Amokfahrt ist das eine große Hürde.

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Der Angeklagte im Volkmarsen-Prozess schweigt seit seiner mutmaßlichen Tat im Februar 2020: Maurice P. sprach nicht mit den Menschen, die ihn im Auto festhielten, bis die Polizei kam, redete nicht mit den Beamten und auch nicht mit den Ärzten, die ihn später untersuchten. Und auch im Prozess vor dem Landgericht Kassel hört man nur einmal seine Stimme, als er am Beginn der ersten Sitzung dem Richter seine Identität bestätigen muss. Das war's.

Seit 15 Verhandlungstagen verfolgt Maurice P. mit ausdrucksloser Miene, wie Opfer des Anschlags auf den Karnelvalsumzug ihre teils schweren Verletzungen schildern, wie sie beschreiben, dass sie panisch ihre Kinder suchten, die vom vorbeirasenden Auto weggeschleudert wurden. Viele werden noch immer von Albträumen geplagt. Der 31-Jährige ist angeklagt, sein Auto absichtlich in die Menschenmenge am Rand des Karnelvalsumzugs gesteuert zu haben. Über 90 Menschen wurden dabei teils schwer verletzt, darunter viele Kinder.

Wie tickt Maurice P.?

Aber wie tickt der mutmaßliche Täter? Diese Frage sollte am Donnerstag die psychiatrische Gutachterin Birgit von Hecker klären. Maurice P. ließ sich nicht auf ein Gespräch ein - muss er als Angeklagter auch nicht. Die Arbeit der Gutachterin erschwert das, sie musste aus Akten, Zeugenaussagen und eigenen Beobachtungen im Prozess ein Bild von Maurice P. zusammenfügen. Seine Tat sei "geplant, geordnet und gezielt" verlaufen, schlussfolgerte sie: "Da ist nichts dabei, was ihm entglitten wäre."

Zum Tatzeitpunkt war Maurice P. weder betrunken noch stand er unter Drogen. In seinem Alltag war das oft anders. Im Prozess berichteten mehrere Verkäuferinnen eines Getränkemarkts, in dem er Stammkunde war, von seinen Kaufgewohnheiten. "Cola, Wodka, Zigaretten, fertig" - und das alle zwei Tage - fasste es eine der Zeuginnen zusammen.

Gutachterin von Hecker erklärte vor Gericht, sie gehe bei Maurice P. von erheblichem Alkoholmissbrauch über einen längeren Zeitpunkt aus, der zu sozialen Auffälligkeiten geführt hätte. Ausschlaggebend für die mutmaßliche Tat sei er nicht gewesen. Möglicherweise habe sich Maurice P. einige Tage davor sogar selbst auf Entzug gesetzt. Etwa zehn Tage vor der Tat kaufte Maurice P. noch eine Wodka-Flasche, dann setzte er die Gewohnheit offenbar aus.

Überheblich, aggressiv, betrunken

Sein Leben beschrieb die Gutachterin als ein ständiges Scheitern: Er schaffte knapp seinen Hauptschulabschluss, flog dann aus einer Lehre als Elektroniker, wurde später in Jobs mehrfach gekündigt. Von Kollegen wurde er als unzuverlässig beschrieben, er verhalte sich gereizt, überheblich und aggressiv. Einmal erschien er betrunken zu einer Nachtschicht. Er selbst aber habe offenbar eine ganz andere Vorstellung von sich, erklärte von Hecker, Maurice P. fühle sich zu Höherem berufen, von anderen falsch beurteilt oder habe das Gefühl, er werde abgezockt.

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Kartons mit Akten auf einem Tisch in der provisorisch eingerichteten "Gerichtshalle".
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Er habe viel gelogen, hatte ein ehemaliger Arbeitskollege erzählt. Sein Vater hatte ihn in einem Brief als verwöhnt beschrieben, mit falschen Vorstellungen von seinen tatsächlichen Möglichkeiten.

Er zeige keine Reue und übernehme keine Verantwortung, folgerte von Hecker aus ihren Beobachtungen. Sie sehe Anzeichen einer "kombinierten Persönlichkeitsstörung", der Angeklagte habe narzisstische, paranoide und schizoide Züge. Seine Steuerungsfähigkeit sei dadurch allerdings nicht eingeschränkt, er müsse also gewusst haben, was er tat. Dass er noch einmal - mutmaßlich - eine so schwere Tat begehen könnte, hält die Gutachterin sogar für wahrscheinlich.

Viele Zeugen, wenige Erkenntnisse

Die Frage, was für ein Mensch Maurice P. ist, konnte bisher im Prozess niemand wirklich klären. Es gab keinen Freundeskreis, seine Familie, die nicht in Volkmarsen lebt, verweigerte die Aussage. Das Gericht lud bisher viele Zeugen, die zumindest ein bisschen erzählen konnten: Einmal wurde Maurice P. angezeigt, weil er mit seinem Wagen offenbar zu schnell durch die Gegend gerast war. Ein Zeuge erzählte, wie Maurice P. zuletzt gar nicht mehr grüßte und manchmal über längere Zeit die Straße zehn Meter hoch und wieder runter lief.

Die einzigen Menschen, mit denen er regelmäßig Kontakt hatte, waren offenbar die Verkäuferinnen im Getränkemarkt. Einmal habe der Angeklagte sie auf ihr Tattoo am Arm angesprochen, erinnerte sich eine der Frauen. Ein anderes Mal habe er auffällig fröhlich gewirkt und gelächelt. Das war am Tag der Tat, eineinhalb Stunden, bevor er seinen Mercedes in die Menge gesteuert haben soll.

Zuhause sitzen und trinken

Das Gericht hatte auch einen früheren Trinkkumpanen von Maurice P. als Zeugen geladen. Was sie gemeinsam unternommen hätten, fragte der Richter. Sie hätten bei jemandem Zuhause gesessen und Bier und Schnaps getrunken, berichtete der Zeuge. Worüber sie geredet hätten, wofür Maurice P. sich interessiere, fragte der Richter. "Nichts eigentlich", lautete die Antwort.

Der Zeuge kam schließlich für einige Jahre in Haft, und so brach auch der Kontakt ab. Er erzählte dem Richter, nach seinem Gefängnisaufenthalt habe er keinen Kontakt mehr zu Freunden von früher gehabt, auch nicht zu Maurice P.. Wenn man im Knast sitze, zeige sich schnell: Wer sich noch meldet, ist ein Freund, der Rest nicht. Da grinste Maurice P., der sonst auf gar nichts reagierte, zum ersten Mal bitter und nickte.

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