Collage mit Fotos von Jonny, Maimouna und Chou

Alltagsrassismus und Diskriminierung gehören für viele Hessinnen und Hessen zur Realität - bei manchen ein Leben lang. Sechs Erfahrungsberichte.

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hessenschau vom 16.01.2020
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Leila*, 30 Jahre

Ich wurde vergangenes Jahr in einem Frankfurter Supermarkt von einem Mann rassistisch beleidigt und sehr fest geschubst. Damals war ich im siebten Monat schwanger. Er sagte: "Was läufst du hier mit deinem blöden Kopftuch rum?" Als ich gesagt habe, dass ich schwanger bin, hielt er mir die Faust ins Gesicht und sagte: "Noch schlimmer, noch so einer von euch."

Die Filialleitung des Supermarkts hat mich nicht ernst genommen und wollte, dass ich nach Hause gehe. Ich habe darauf bestanden, dass die Polizei kommt. Daraufhin saß ich zehn Minuten alleine mit dem Täter in einem Raum. Vor den Beamten hat mich der Täter weiter rassistisch beleidigt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Was Leila und Maimouna im Alltag erleben

Leila* erlebt häufig Alltagsrassismus
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Die Polizisten haben das heruntergespielt. Von ihnen hieß es, er dürfe das sagen, das sei seine Meinung. Wenn ich nicht verletzt sei, könne ich keine Anzeige wegen Körperverletzung stellen. Ich habe mich nicht beschützt und ernst genommen gefühlt und geweint. Der Täter meinte zu mir: "Siehst du nicht, dass du allein bist. Niemand weint mit dir."

Jonny, 27 Jahre

Ich wurde schon gemobbt, geschubst, angespuckt und immer wieder mit Asiaten-Witzen konfrontiert. Dabei hieß es oft "Schlitzauge", "Verpiss dich", "Kannst du überhaupt Deutsch?" oder "Geh in dein Land zurück".

Jonny Diep hat schon viele Erfahrungen mit Alltags-Rassismus gemacht

An der Frage nach der Herkunft stört mich ihre Häufigkeit und dass mir manche Leute damit das Gefühl geben wollen, dass ich ein Fremdkörper in diesem Land bin. Wenn ich über meine Erfahrungen mit Alltagsrassismus spreche, werde ich oft nicht ernst genommen. Viele spielen das Problem runter, weil sie selbst keine Erfahrungen damit machen.

Toni, 26 Jahre

Wenn ich auf meine Herkunft angesprochen werde, höre ich oft, dass ich ein gutes Beispiel für eine "gelungene Integration" sei. Dass ich hier geboren und aufgewachsen bin, ist für einige Menschen keine Option. Ich werde immer wieder gefragt, woher ich komme. Wenn ich mit Deutschland antworte, wollen viele das nicht als Antwort hinnehmen. Sie fragen dann immer wieder, woher ich denn wirklich komme.

Toni, Alltagsrassismus

Das nimmt oft absurde Züge an, weil manchmal bis zu drei Rückfragen kommen. Ich wurde auch schon gefragt, woher ich denn überhaupt meinen deutschen Nachnamen hätte. Als Antwortmöglichkeiten fiel der Person nur Adoption oder Heirat ein - ein deutsches Elternteil jedoch nicht.

Beruflich war ich schon in sehr vielen Ländern. In Kanada und Amerika werde ich nie gefragt, woher ich wirklich komme. Dort gab es nur dann Nachfragen, wenn mein Akzent im Englischen auffiel.

Weitere Informationen

Beratungsstelle Response

Die Beratungsstelle Response berät und betreut Betroffene rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt. Das Angebot gehört zur Bildungsstätte Anne Frank. In Frankfurt sind fünf Mitarbeiter für die Beratung zuständig, in Kassel zwei. Auf Wunsch begleitet Response Betroffene zu Behörden und hilft bei der Verarbeitung der psychischen Folgen.
2019 haben nach Angaben von Response 134 Menschen das Beratungsangebot in Anspruch angenommen. Im Vergleich zum Vorjahr sei das ein Anstieg um 30 Prozent. Auf der Meldeplattform "Hessen schaut hin" sammelt Response seit Anfang des Jahres rechte und rassistische Vorfälle.

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Nala*, 32 Jahre

In einem Sportverein wurde mir von einem Mitglied schon mal körperliche Gewalt angedroht, weil ich wenige Minuten zu spät kam. Ein anderes Mal wurde ich gefragt, ob ich wisse, dass der Sportverein etwas gegen Ausländer habe. Außerdem warb der Verein neue Mitglieder an - mit der Ansage, Flyer dürften nur in Briefkästen mit "deutschen" Nachnamen geworfen werden.

Alltagsrassismus, Nala

Mich hat das alles sehr verletzt und traurig gemacht. Eigentlich wollte ich den Verein anzeigen, das habe ich dann aber aus Angst nicht getan. Letzten Endes bin ich aus dem Verein ausgetreten.

Maimouna, 29 Jahre

Ich bin Frankfurterin, hier geboren und aufgewachsen und erlebe jeden Tag Rassismus. Gerade eben hat mir jemand auf der Straße wieder das N-Wort entgegengeschrien, als ich mit meinem Tageskind unterwegs war. Das erlebe ich fast jede Woche.

Alltagsrassismus Maimouna

Immer wieder höre ich, ich solle "in mein Land zurück" oder werde mit gebrochenem Deutsch angesprochen. In der U-Bahn setzen sich die Leute oft als letztes zu mir in den Vierersitz. Ein Uni-Professor schrieb mir nach einer Uni-Klausur einmal, ich solle meine Deutsch-Kenntnisse verbessern.

Chou, 34 Jahre

Ich habe einmal knapp die U-Bahn verpasst. Ein VGF-Mitarbeiter, der am Gleis stand, rief mir entgegen: "In Deutschland fahren die Bahnen pünktlich." Das ist für mich versteckter Rassismus.

Chou, Alltagsrassismus

Nach dem Hessentag haben mehrere Polizisten an einer Bahn-Station einmal wahllos Leute kontrolliert. Mich haben sie ohne Vorwarnung zuerst an die Wand und dann auf den Boden gedrückt. Als ich ein Knie im Rücken hatte, meinte ein Polizist zu mir: "Das gefällt euch, Frauen zu belästigen. Wir werden euch kriegen." Als ich gesagt habe, dass ich mir das nicht gefallen lasse und die Dienstnummern der Polizisten haben will, hat mich einer der Beamten weg geführt und mich gehen lassen. Die Dienstnummern habe ich nie erhalten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Podcast: So erleben Menschen in Hessen Alltagsrassismus

Anti-Rassismus-Schild am Frankfurter Römer
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*Name von Redaktion geändert, alle Namen der Redaktion bekannt

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.01.2020, 19.30 Uhr