Foto einer Unterkunft für geflüchtete Menschen in Witzenhausen. Vor dem Gebäude stehen Menschen mit Schildern auf denen unter anderem steht: "Für guten und bezahlbaren Wohnraum! Für alle!" oder "Wie wollen bleiben"

Ein Gericht hat den geplanten Umzug von Flüchtlingen in Witzenhausen zunächst gestoppt. Die Menschen haben Angst vor Corona und Sorge um ihre Kinder. Im Streit geht es um die Frage: Wann wird Wohnen zur Gefahr?

Flüchtlinge in Witzenhausen haben sich mit Klagen gegen einen Umzug in Sammelunterkünfte im Werra-Meißner-Kreis gewehrt. Bisher wohnen sie in einem Apartmentgebäude, dem "Blumenhaus", das der Landkreis gepachtet und zu kleinen Wohneinheiten umgebaut hat. Es gibt eigene, abschließbare Zimmer, teils mit eigenem Bad - ein sicherer Ort, besonders während Corona, sagen sechs Parteien im Haus, die geklagt haben.

Diese Woche erstritten sie sich einen Teilerfolg vor dem Verwaltungsgericht Kassel. Der Landkreis wurde verpflichtet, jeden einzelnen Kläger zu seinen Beweggründen anzuhören. Darunter sind Familien, aber auch Einzelpersonen. So lange wird der Umzug aufgeschoben.

Flüchtlingsunterkünfte immer wieder Hotspots

Für ihren Anwalt Sven Adam ist der Umzug mitten in der Pandemie ein Affront: Das Blumenhaus sei im Vergleich mit Sammelunterkünften eine "Musterunterkunft", unter seinen Mandanten seien chronisch Kranke, traumatisierte Frauen und Kinder. "Es ist absurd in Zeiten von Corona, wo Sammelunterkünfte Hotspots sind, eine Unterkunft zu schließen, die absolut geeignet ist", sagt Adam. Kleine Wohneinheiten bedeuteten eben auch Schutz für die Gesundheit.

Am Donnerstagabend wurde bekannt, dass sich eine Person im Blumenhaus mit Corona infiziert hatte, sie und eine Kontaktperson wurden unter Quarantäne gestellt und bleiben in ihren Zimmern. In größeren Unterkünften mit Mehrbettzimmern führten Coronafälle von einzelnen zuletzt immer wieder zu großen Ausbrüchen.

In Kassel breitete sich das Virus im Oktober innerhalb von kürzester Zeit in einer Erstaufnahmeeinrichtung aus - über 150 Bewohner infizierten sich. Zur gleichen Zeit standen 600 Geflüchtete in Büdingen (Wetterau) unter Quarantäne, allein in den sieben hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen gab es bisher 709 Corona-Fälle.

Bewohner: Angst vor Gewalt und Corona

Geschichten, von denen auch die Bewohner im Blumenhaus gehört haben. Die 24-jährige Oulayah Laghdifi aus Marokko hat ein Einzelzimmer im Blumenhaus, sie kenne Gemeinschaftsunterkünfte schon, sagt sie. Als Frau alleine habe sie Angst, es gebe viele Männer, die Stimmung sei oft gefährlich. Und aktuell habe sie Angst vor einem Corona-Ausbruch. Laghdifi soll nach Bad Sooden-Allendorf umziehen.

Alex Taye Mengesha aus Äthiopien lebt mit seinen beiden kleinen Kindern im Blumenhaus. Er habe in den vergangenen sechs Jahren lange Zeit in Sammelunterkünften gelebt, sagt er. Es gebe Lärm, Ärger, manche Bewohner würden trinken und aggressiv sein - das ist auch, was er von der Unterkunft weiß, in der er künftig wohnen soll. Es sei kein Ort für ihn und seine fünf und sieben Jahre alten Kinder: "Das ist kein Leben."

Landkreis verteidigt die Schließung

Anwalt Adam und ehrenamtliche Unterstützer werfen dem Landkreis vor, den Pachtvertrag im Blumenhaus nicht zu verlängern, obwohl der Besitzer bereit wäre. Der Landkreis wehrt sich gegen die Darstellung. Die Schließung des Blumenhauses sei nötig, weil nur noch deutlich weniger Flüchtlinge in Unterkünften untergebracht werden müssten. 14 Unterkünfte habe man alleine 2020 schließen müssen.

Trotzdem habe der Kreis "fehlerhaft gearbeitet" und akzeptiere deswegen die Gerichtsentscheidung, die Anhörungen seien bereits veranlasst. Auch um den Schutz für Frauen sorge sich der Kreis, es gebe besondere Schutzkonzepte. In Bad Sooden-Allendorf gebe es mittlerweile etwa einen eigenen Flur für Frauen. Die Hygienekonzepte in den Unterkünften würden ständig angepasst, seit dem vergangenen Sommer habe es lediglich zwei Infektionen in den Gemeinschaftsunterkünften gegeben.

Gemeinschaftsunterkünfte oft teurer

Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats, sagt, die Angst von Bewohnern vor Corona-Ausbrüchen sei real. Das Blumenhaus sei nicht die einzige Unterkunft, die während der Pandemie geschlossen und verlegt würde. Wichtig seien die kleine Wohneinheiten. Leute trotz Corona in Mehrbettzimmer zu stecken, mache keinen Sinn.

"Wir sagen, das Recht auf eine eigene Wohnung steht an erster Stelle", erklärt Scherenberg. Oft seien Wohnungen auch günstiger als Gemeinschaftsunterkünfte. In Frankfurt koste ein Bett in einer Unterkunft rund 710 Euro im Monat, bei einer Familie kämen so Preise zustande, mit denen man sogar in Frankfurt eine günstigere Wohnung finden könnte.

Integration ja bitte - aber wie?

Ein Portrait der Familie xy. Sie stehen bzw. sitzen auf dem Parkplatz einer Unterkunft für geflüchtete Menschen in Witzenhausen.

Eine Wohnung wäre für die fünfköpfige Familie Al Mogharbel aus Syrien aus dem Blumenhaus ein großer Wunsch, aber ihr bisheriger Aufenthaltsstatus erlaubt das nicht. Für den 22-Jährigen Imad birgt das besondere Probleme, er sitzt wegen einer chronischen Muskelerkrankung im Rollstuhl. Er muss regelmäßig zu Arztterminen und zur Physiotherapie. Corona könnte sehr gefährlich für ihn werden.

Und sie wollen nicht weg aus Witzenhausen, sie hätten Freunde in der Stadt und viele ehrenamtliche Helfer, erzählt Vater Morhaf Al Mogharbel. Auch hätten sie in der neuen Unterkunft nur zwei Zimmer, Imad bräuchte durch seine Erkrankung ein eigenes. Der Landkreis hat eine Unterbringung ins 30 Kilometer entfernte Dorf Reichensachsen vorgesehen. Die Schule der 14-jährigen Tochter Maya hat in einem zweiseitigen Schreiben an den Landkreis erklärt, dem Mädchen solle aus "pädagogischen Gründen" kein Schulwechsel zugemutet werden. Sie sei gut integriert.

Der Landkreis teilte auf hr-Anfrage mit, er wolle die Wohnsitzauflage nicht aufheben, um eine Unterbringung in Privatwohnungen zu ermöglichen - und argumentiert seinerseits mit der Integration: Eine eigene Wohnung würde "Unterstützungsmöglichkeiten beim Einleben in die Gegebenheiten in Deutschland erheblich erschweren", die Betreuung von Haupt- und Ehrenamtlichen in Einrichtungen würde den Geflüchteten das "Rüstzeug" geben, um in der Gesellschaft zurecht zu kommen.