Angeklagte im Gerichtssal plus Foto im Wald

In Alsfeld läuft der Prozess gegen eine junge A49-Gegnerin, die im Dannenröder Forst einen Polizisten getreten haben soll. Doch warum bleibt sie seit über einem halben Jahr lieber in U-Haft, als ihren Namen zu nennen?

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 24 Stunden-Kundgebung wegen Gerichtsprozess in Alsfeld

Menschen mit Plakaten
Ende des Audiobeitrags

Vor dem Gerichtsgebäude in Alsfeld (Vogelsberg) stehen am dritten Prozesstag um einen Angriff auf einen Polizeibeamten während der Besetzung des Dannenröder Forsts im vergangenen Herbst erneut Demonstranten. Rund 30 Menschen halten Plakate hoch, in denen sie ihre Solidarität mit der Angeklagten bekräftigen, die sie "Ella" nennen. Den Prozess bezeichnen sie als Farce. Sie sind fest davon überzeugt: Es gehe dabei mehr um politische Ziele als um die konkreten Vorfälle im Wald.

So laut die Menschen draußen auch sind - die junge Frau, um die es geht, bleibt vor Gericht weiter wortlos. "Ella" soll bei einer Räumungsaktion am 26. November im Dannenröder Forst zwei Polizisten getreten haben, die sie in 15 Metern Höhe vom Baum holen wollten.

Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft - was angesichts des Tatvorwurfs der gefährlichen Körperverletzung recht unüblich ist. Doch das Gericht sieht Fluchtgefahr bei der Frau, weil sie ihre Identität verschweigt.

"Ist eine schöne und gesunde Welt das wert?"

In einer Verhandlungspause am Dienstag beantwortet sie ein paar Fragen im direkten Gespräch mit dem hr. Mit leiser, tiefer Stimme erklärt sie, warum sie ihren Namen so vehement verschweigt: Sie fürchte um ihre Sicherheit, sagt sie - und offenbart ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Justizsystem: "Ich habe Angst vor Überwachung und Repressionen durch die Polizei."

Doch über sechs Monate Gefängnis, nur um anonym zu bleiben - ist es das tatsächlich wert? "Ist Sicherheit es wert und ist eine schöne und gesunde Welt es wert?", fragt die Angeklagte zurück. "Ich ziehe das meiner Freiheit vor", sagt sie. Auch wenn sie die Zeit im Gefängnis hasse.

"Mir war bewusst, dass so etwas passieren kann"

Die Angeklagte sagt: Auch wenn sie vorher gewusst hätte, dass sie schließlich vor Gericht sitzen würde, würde sie wieder zur Waldbesetzung kommen. "Mir war bewusst, dass so etwas passieren kann." Zur Frage, wie sie dazu stehe, dass bei der Räumung auch Menschen verletzt wurden, sagt sie nur knapp: "Ich finde es nicht okay, wenn Menschen verletzt werden."

Ansonsten gibt die Angeklagte kaum etwas von sich preis. Zwischen ihrer Maske und ihrem Kopftuch ist nur wenig zu erkennen: braune Augen, ausdrucksstarke Augenbrauen, ein sonnengebräuntes Gesicht mit ein paar Lachfältchen. Ihr Alter ist schwer zu bestimmen, sie könnte 25 sein, vielleicht auch 35.

Vor Gericht hat die Angeklagte einen Dolmetscher. Sie spricht gutes Englisch, jedoch mit Akzent. Woher sie genau kommt, will sie nicht beantworten, genauso wenig wie andere Fragen, die ihre Vergangenheit betreffen.

Staatsanwältin: Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen

Es ist durchaus möglich, eine Person zu verurteilen, deren Identität unbekannt ist, erklärt Mareen Fischer von der Gießener Staatsanwaltschaft, die die Anklage vertritt: "Man arbeitet dann mit Lichtbildern der Angeklagten."

Die Staatsanwaltschaft warf der Angeklagten zunächst versuchte Tötung vor. Inzwischen lautet der Vorwurf auf gefährliche Körperverletzung und tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte.

Der Prozess müsse klären, was genau und mit welcher Absicht passiert sei, sagt die Staatsanwältin. Davon hänge auch das mögliche Strafmaß ab. Die Beweisaufnahme sei noch nicht abgeschlossen. "Wir vernehmen noch weitere Zeugen und schauen uns Videomaterial an", so Fischer.

Polizist mit Sturmhaube vor Gericht

Auch ein Polizeibeamter sagte am Dienstag vor Gericht darüber aus, was er bei der Höhenbergung der Angeklagten beobachtet und erlebt hatte. Auch er wollte seine Identität nicht nennen und behielt die ganze Zeit seine Sturmhaube auf. Das hatte ihm das Gericht vorher jedoch ausdrücklich gestattet, um seine Sicherheit als Mitglied einer Polizeispezialeinheit nicht zu gefährden, die auch gegen das Organisierte Verbrechen ermittelt.

Ein Aktivist hat seine Hand in einem Betonklotz, umringt von Polizisten

Für den Ausbau der A49 wurden in Mittelhessen zwischen Oktober 2020 und März 2021 insgesamt rund 85 Hektar Wald gerodet. Nach mehreren Wochen der Räumung und der Proteste gegen die Rodung war die Lage im Dannenröder Forst rund um den 26. November immer angespannter und unübersichtlicher geworden: So betonierte ein Aktivist an diesem Tag seine Hand in einen großen Klotz ein, andere standen auf wackeligen Plattformen und kletterten vor der Polizei weg in extreme Höhen. Dabei kam es zu heiklen Situationen und Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizisten.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen